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Interview

Mit Klaus Nomi im Orbit

In ihrem neuen Buch "Klaus Nomi. Stimme im Orbit" erzählt Monika Hempel die außergewöhnliche Lebensgeschichte des queeren Countertenors und Performancekünstlers. Wir sprachen mit ihr über die umfangreiche Recherche, Nomis Vermächtnis und seinen großen Sinn für Humor.


Klaus Nomi auf dem Cover des Buches "Klaus Nomi. Stimme im Orbit"

Es ist soweit: Endlich ist die weltweit erste Biografie des Countertenors und Performancekünstlers Klaus Nomi erschienen, dessen künstlerische Einflüsse auch heute noch omnipräsent sind. "Klaus Nomi. Stimme im Orbit (Amazon-Affiliate-Link )", so der Buchtitel, verspricht laut Verlagstext "eine neue Dimension des Reisens durch Zeit und Raum".

Im Interview mit queer.de berichtet die Autorin Monika Hempel von ihrer umfangreichen Recherche, die zum Teil auch sehr schmerzlich war, von Klaus Nomis queerem Vermächtnis – und von seinem großartigen Sinn für Humor.


Autorin Monika Hempel (Bild: privat)

Monika, Du beschreibst in der Einleitung deines Buches sehr eindringlich deine erste Begegnung mit dem späteren Objekt deiner Begierde. Der Auftritt von Klaus Nomi in der "Na sowas"-Show von Thomas Gottschalk sei zu viel für dein 15-jähriges Ich gewesen. Was hat dich damals emotional überfordert?

Da war zunächst sein Aussehen. Er passte nicht in mein damaliges Schema von Sängern, für die ich schwärmen konnte. Ich war fasziniert vom Look der in Samt und Seide gekleideten New Romantics aus Großbritannien mit üppiger Haarpracht und farbenprächtigen Make-up. Bei Nomi war alles streng reduziert, die Farben, die Formen. Vor allem aber verstörte mich seine Stimme. Ich hatte noch nie einen Countertenor gehört, und Popsänger, die Falsett sangen wie etwa die Bee Gees, waren für mich die "Quietschies". Ich erinnere mich noch, welch eine Sensation es war, 1990 den Countertenor Jochen Kowalski auf der Opernbühne in Frankfurt zu hören. Damals war Nomi schon seit sieben Jahren tot.

Und wie schlug dann deine Verwirrung in Verehrung um?

Das kam erst viel später, als ich den "Cold Song" von Sting auf seinem Album "If On a Winter's Night" hörte. Das brachte mich dazu, nach weiteren Interpretationen dieser fesselnden Arie zu suchen. Und da fand ich eine Aufnahme von Klaus Nomi aus der dritten Klassik-Rock-Nacht in München. Ich dachte zunächst, er sei ein amerikanischer Sänger, doch dann erinnerte ich mich an seinen Auftritt bei Thomas Gottschalk und seinen Song "Total Eclipse". Und ich wollte mehr von ihm hören, mehr über ihm erfahren.

Direktlink | Klaus Nomi performt "Total Eclipse" 1981 in New York
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Was hat dich dazu motiviert, eine fundierte Biografie zu schreiben?

Ich hatte das Gefühl, dass Nomis Lebensgeschichte erzählt werden muss. Es gibt so viele erstaunliche Begebenheiten aus seinem Leben und seiner Karriere, die ich unbedingt festhalten wollte. Als ich angefangen hatte zu recherchieren, gab es außer einigen Artikeln in Zeitungen und Magazinen keine eigenständige Veröffentlichung über Klaus Nomi. Und das Zeitfenster für die Recherche ist nicht mehr lange offen. In einigen Jahren werden die meisten seiner Freunde und Wegbegleiter nicht mehr leben, und viele Erinnerungen an ihn werden nicht mehr verfügbar sein.

Wie nah bist du Klaus Nomi bei der Recherche gekommen – und was an ihm ist für dich weiterhin ein Rätsel geblieben?

Zwischen dem öffentlichen Künstler Klaus Nomi, der uns in seinen Songs und Performances entgegentritt, und dem Privatmenschen, den ich aus seinen persönlichen Briefen und Notizen erahnen kann (es befindet sich kein Tagebuch im Nachlass), gibt es Leerstellen. Vielleicht kann ich mich am besten in das Kind und den Jugendlichen Klaus Sperber einfühlen, in seine bedingungslose Leidenschaft für Kunst und Musik und in die Fantasiewelt, die er schuf und die er auch als Erwachsener in sich trug.

Wieviele Leute aus dem Umfeld von Klaus Nomi hast du kontaktiert?

Ich habe Dutzende Leute kontaktiert in Deutschland, Frankreich und den USA, und die meisten haben sich sehr über mein Interesse gefreut. Einige luden mich zu sich nach Hause ein, um mir Fotos und Filme zu zeigen, andere fühlten sich motiviert, ihre Erinnerungen an Klaus Nomi für mich aufzuschreiben. Das waren teilweise sehr emotionale Momente.


Monika Hempel besitzt eine umfangreiche Sammlung an Klaus-Nomi-Memorabilia(Bild: Axel Krämer)

Du hast den kompletten – unsortierten – Nachlass von Nomi in der Bibliothek der Harvard-Uni gesichtet. Wie bist du vorgegangen?

Ich habe mir eine Woche Zeit genommen, um mich durch die 15 Kartons mit Nomis Nachlass zu arbeiten. Dieser besteht aus persönlichen Dokumenten von der Geburts- bis zur Sterbeurkunde, Fotografien, Zeichnungen, Briefen, Notizheften, Terminkalendern, Adressbüchern, Zeitungsartikeln, Tonbändern und Videokassetten sowie Nomis beeindruckender Schallplattensammlung. Glücklicherweise durfte ich das Material abfotografieren, denn es wäre unmöglich gewesen, alles vor Ort zu lesen und zu ordnen.

Was hat dich dabei am meisten überrascht?

Ich war besonders beeindruckt von Nomis Zeichnungen – und davon, dass er seine als Kind gefertigten Zeichnungen in die USA mitgenommen hatte. Meine Lieblingszeichnung zeigt Nomi, wie er auf der Spitze des Empire State Buildings sitzt. Sie steht am Anfang meines Buches.

Was war bei der Recherche die größte Herausforderung?

Die größte Herausforderung bestand für mich darin, die Leerstellen und Widersprüche auszuhalten, die sich bei der Recherche auftaten. Ich muss akzeptieren, dass sich nicht alles rekonstruieren lässt, dass die persönlichen Standpunkte von Nachbarn und Freunden nicht immer zu deckungsgleichen Aussagen führen.

Direktlink | Klaus Nomis Song "Lightning Strike"
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Inwiefern hat sich die Arbeit an dem Buch auf dich ausgewirkt? Wie hat es dich verändert?

Durch die Beschäftigung mit den 1970er und frühen 1980er Jahren habe ich mich wieder verstärkt mit meiner Jugend auseinandergesetzt, einer Zeit, die ich lange verdrängt hatte. Und ich habe erkannt, wieviel mir Musik bedeutet, nachdem ich mich jahrzehntelang primär über Literatur definiert habe.

Was lässt sich deiner Ansicht nach über die sexuelle Identität von Klaus Nomi sagen?

Klaus Nomi entzog sich beharrlich jeglichen Kategorisierungsversuchen, sowohl hinsichtlich seiner Kunst als auch seiner Person. Auf die Frage eines Journalisten, welches Geschlecht seine Bühnenfigur hätte, antwortete er, er wüsste es nicht, über Kommentare hinsichtlich seiner Androgynität machte er sich lustig. Für mich steht er jenseits von Genre- und Genderdefinitionen, er ist OMNI, er ist alles.

Was glaubst du, warum Klaus Nomi nach seinem Tod so schnell aus dem Blickfeld der öffentlichen Wahrnehmung geraten ist?

Klaus Nomi war nie ein Massenphänomen. Auf dem deutschen Musikmarkt hatte sich die Neue Deutsche Welle nach zunehmender Kommerzialisierung und Verflachung weitgehend totgelaufen. Der Tenor Peter Hoffmann (dessen Lebenslauf übrigens einige bemerkenswerte Parallelen mit Klaus Nomis Vita aufweist) hatte mit seinem Album "Rock Classics" einen überwältigenden Verkaufserfolg (Doppel-Platin). International stiegen Michael Jackson, Madonna und Prince zu neuen Superstars auf.


Klaus-Nomi-Schallplatte mit Widmung

Welche Rolle spielte seine Erkrankung?

Die öffentliche Berichterstattung über Aids in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre führte meiner Ansicht nach dazu, dass an den Folgen von HIV verstorbene Künstler weitgehend auf ihren Status als Aids-Opfer reduziert wurden. In der Presse wurde Nomi zu einem "Gesicht" von Aids, erschien 1985 zum Beispiel auf der Titelseite des "Nouvel Observateur". Eine künstlerische Auseinandersetzung mit seinem Werk setzte vermehrt erst wieder in den späten 1990er Jahren ein.

Wie fühlte es ich für dein damaliges Ich an, als du erfahren hast, dass Klaus Nomi an den Folgen von Aids gestorben ist?

Ich fühlte mich sofort an Menschen aus meinem Umfeld erinnert, die auch an den Folgen von Aids gestorben waren, insbesondere an einen Nachbarn, der ebenfalls die Oper und Maria Callas geliebt hatte. Das war sehr schmerzlich. Auch das Schreiben des Aids-Kapitels war ein sehr schmerzlicher Prozess.

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Was hätte Klaus Nomi in einer Parallelwelt erreicht, in der das HIV-Virus nicht existiert?

Ich könnte mir vorstellen, dass er die Symbiose von Oper und elektrischer Musik weiter vorangetrieben hätte. Nicht von ungefähr hatte Malcolm McLaren ein Jahr nach Klaus Nomis Tod mit "Madame Butterfly" in Großbritannien einen Hit. Für sein Album "Fans" sampelte er eine Reihe von Opernarien von Puccini und Bizet. Freunden zufolge plante Nomi eine Weltraum-Oper, über deren musikalische Form und Inhalt wir heute nur spekulieren können.

Welche Fragen würdest du ihm noch stellen, wenn du in einer anderen Dimension Kontakt zu ihm aufnehmen könntest?

Ich würde gern weiter seinen großartigen Sinn für Humor und Ironie ergründen, der sich in einigen seiner Zeichnungen, Wortspielereien, Gedichten und Fotos manifestiert. Ich würde gern mit ihm lachen.

Was ist das Vermächtnis Klaus Nomis für die queere Community?

Sich weder persönlich noch künstlerisch in irgendwelche Kategorien pressen zu lassen, seinen eigenen Stil zu prägen und ihm treu zu sein.

Infos zum Buch

Monika Hempel: Klaus Nomi. Stimme im Orbit. Biografie mit zahlreichen Fotografien. 288 Seiten. Verlag Andreas Reiffer. Meine 2024. Gebundene Ausgabe: 22 € (ISBN 978-3-910335-44-8)

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