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Identitätspolitik

Wie der "Zeit"-Herausgeber reale Machtverhältnisse ins Gegenteil verkehrt

In seinem Buch "Im Zeitalter der Identität. Der Aufstieg einer gefährlichen Idee" fordert Yascha Mounk eine uneingeschränkte Rede- und Meinungsfreiheit – als ob Minderheiten nicht schon genug Hass und Hetze abbekommen.


Der deutsch-amerikanische Publizist und Politikwissenschaftler Yascha Mounk ist seit April 2023 Mitglied des Herausgeberrates der Wochenzeitung "Die Zeit". Nach Vergewaltigungsvorwürfen lässt er sein Amt seit Februar ruhen (Bild: IMAGO / agefotostock)

Beginnen wir mit einem Witz. Ein Autor unterhält sich mit einem Leser, und der Leser fragt: "Warum steht auf Ihrem Buch denn ein Warnhinweis wegen diskriminierender Sprache? Da ist doch überhaupt nichts diskriminierend." "Ja, war eine Idee von meinem Verlag. Jetzt kaufen es auch die Leute, die sich nicht bevormunden lassen wollen." Der Dialog gehört zu einem Cartoon des Duos Hauck & Bauer, und er passt hervorragend zu Yascha Mounks Forderung nach uneingeschränkter Rede- und Meinungsfreiheit, denn alle sollen alles sagen dürfen (was die meisten schon immer taten). Mounk verkauft das am Ende noch als Liberalismus und angeblich menschenfreundlichen Universalismus.

Das als Forderung zu formulieren, kann nur ein schlechter Witz sein. Genau das aber tut der als Politologe an der John-Hopkins-Universität in Baltimore lehrende Mounk mit seinem im Klett-Cotta Verlag erschienenen Buch "Im Zeitalter der Identität. Der Aufstieg einer gefährlichen Idee". Die Realität sieht bereits so aus. Tag für Tag werden die übelsten Anfeindungen und Diskriminierungen als vermeintliche Meinungsfreiheit in den unterschiedlichsten Medien und auf allen sozialen Kanälen verbreitet. Und weil es Leute gibt, die das offen kritisieren und dagegen vorgehen, heißt es gleich: Hilfe! Zensur! Cancel Culture! Neulich verglich jemand Social Media mit Ernährung aus der Mülltonne. Das trifft es wohl auch.

Blind für die Realität und die Gefahren durch Fake und Hass

Bei manchen Menschen scheint außerdem die Verdauung übers Gehirn zu gehen, und so kommt bei ihnen heraus, was eben alles bei ihnen an Bullshit herauskommt, wenn sie nur den Mund aufmachen. Weshalb ich mich während der Lektüre von Mounks Buch gefragt habe, ist es wirklich nur Naivität oder hat der Wahnsinn Methode, dass der Autor sich so blind für die Realität und deren tatsächliche Gefahren durch Fake und Hass gibt?

Auf jeden Fall war Mounk bis vor Kurzem noch der Liebling der liberalen Kreise. Er ist Mitglied im Herausgeberrat der Wochenzeitung "Die Zeit". Und es war sicherlich nicht alles verkehrt, was er bisher von sich gab. Im Moment jedoch scheint gerade Sendepause zu sein, nachdem ein Vergewaltigungsvorwurf gegen ihn erhoben wurde, den er zurückweist. Wahrscheinlich war das auch der Grund, dass die in Berlin im Palais Populaire geplante Buchpremiere von der American Academy abgesagt wurde.

Mounk übersieht die krasse Identitätspolitik der Rechten


Mounks Buch "Im Zeitalter der Identität" ist im Februar 2024 bei Klett-Cotta erschienen

Doch, worum geht es eigentlich? Yascha Mounk geht es um die Identitätspolitik, die er eine Falle nennt – und die er gesellschaftlich für brandgefährlich hält. Er nennt sie übrigens nicht Identitätspolitik, sondern Identitätssynthese. Doch in der Sache ändert sich dadurch nichts. Der Vorwurf, Identitätspolitik sei die Ursache für das Erstarken der politisch Rechten, für Rechtspopulismus und Rechtsradikalismus, ist freilich nicht neu. Klar gibt es da einen Zusammenhang wie bei allen gesellschaftlichen Antagonismen und Machtfragen, aber das behauptete Verursacherprinzip greift entschieden daneben. Und die Lösung ist erst recht nicht ein Rückbau der Identitätspolitik, denn sie erfüllt nach wie vor eine wichtige emanzipatorische Funktion.

Was Mounks Kritik völlig übersieht, das ist die krasse Identitätspolitik der Rechten. In ihrem Freund-Feind-Weltbild gibt es ein starkes Wir, welches sich vor allem negativ durch Abgrenzung und Ausschluss definiert – nämlich durch Queer­feindlichkeit, Xenophobie, Sexismus, Rassismus und Antisemitismus. So sieht die aktuelle Gefahr in vielen Gesellschaften rund um den Globus aus. Und es sind nicht trans Menschen, die Menschenrechte geltend machen, sondern es sind Leute, die die Demokratie mit demokratischen Mitteln abschaffen wollen und berechtigte Identitätspolitik für ihre Zwecke instrumentalisieren, um sie zum Wahlkampfthema zu machen – Stichwort "Gender-Gaga".

Ungerechtigkeiten einfach ignorieren?

Gewiss, Identitätspolitik enthält durchaus die Gefahr, das ursprüngliche Ziel aus dem Blick zu verlieren. Das ist nicht zu bestreiten, und es geschieht dann, wenn auf Separatismus gesetzt wird und man sich auf Reinheitskonzepte versteift, um auf diese Weise Identitätspolitik zu einer Art Selbstläufer zu machen. Sie hatte von Anfang nur einen und absolut berechtigten Sinn im Kampf um Anerkennung, im Kampf um die Beseitigung sozialer Ungerechtigkeit und Ungleichbehandlung. Wer das vergisst, verrät in der Tat die eigene Sache.

"Während die Befürworter der Identitätssynthese häufig auf ernste Probleme hinweisen", so Mounk, "treiben die von ihnen vertretenen Prinzipien und Lösungsansätze letztlich noch mehr Wähler in die Arme der Extremisten." Mounks Lösung: Beide bekämpfen und sie zu integrativ denkenden Universalist*­innen umschulen. Dass die Ungerechtigkeiten aber real existieren, das scheint Mounk nicht weiter zu interessieren. Ist Ignorieren also die Lösung?

Und wie verträgt sich das mit Mounks Vorstellung einer uneingeschränkten Meinungs- und Redefreiheit? In dem Kapitel "Offen sprechen" plädiert Mounk für die Devise "Alle dürfen alles sagen" und hat vergessen, dass er vorher eine ganz andere Platte aufgelegt hatte. Jedenfalls unterscheidet er nicht, ob Rechte Rede- und Meinungsfreiheit etwa aus rassistischen, homo- und transfeindlichen Gründen canceln oder ob auf der anderen Seite Diskriminierungen angesprochen und problematisiert werden.

Grundverschiedene Sachverhalte einfach gleichgeschaltet

Bei Mounk werden zwei grundverschiedene Sachverhalte mal eben gleichgeschaltet. Widersprüche solcher Art finden sich in dem Buch etliche. Es ist, als gäbe es für ihn keinen Unterschied zwischen Rassismus und Anti-Rassismus, weil er in beidem eine Ideologie wahrnimmt, die er einmal den Rechten und ein andermal den Woken zuschreibt. Die Verkehrung tatsächlicher Machtverhältnisse ist ein Dauerproblem in Mounks Argumentation. Denn die Macht liegt, trotz aller gegenteiliger Behauptung, nicht bei der Identitätspolitik, sondern klar bei den Regierungen. Das Beispiel gendergerechte Sprache zeigt das aktuell nur allzu deutlich.

Dass seine Ansichten über trans Menschen abenteuerlich sind, um es freundlich auszudrücken, lässt sich wohl denken, und muss hier nicht vertieft werden, aber abenteuerlich sind ohnehin viele seiner Ansichten. Bliebe vielleicht noch die Frage, an wen richtet sich das Buch? Der Rezensent der "New York Times" hat sich ebenfalls die Frage nach der Zielgruppe gestellt, dessen Antwort ich hier gerne wiedergebe:

"Meine Vermutung ist, dass es sich um die leidgeprüften einsamen Herzen handelt, von denen Mounk schreibt, 'extrem mächtige Leute – einschließlich Vorstandsvorsitzende großer Unternehmen, Präsidenten führender Universitäten und Direktoren großer gemeinnütziger Organisation', die sich bei Mounk 'privat beschwert' haben über ihre Frustration über 'ein paar junge Mitarbeiter', die so sehr der 'Identitätsorthodoxie' verfallen sind, dass sie es ihrer Organisation dreist erschweren, 'ihre Mission zu dienen'."

Warum mussten so viele Bäume für unnötige 500 Seiten gefällt werden?

Und so vermutet Sam Tanenhaus in seiner Besprechung, es seien die gescheiterten Missionare, die Mounk und seinen Plan vielleicht brauchen könnten. Im Übrigen nennt Tanenhaus die von Mounk heiß empfohlene Philosophie des Universalismus eine "aufgewärmte Version der Konsenspolitik der 1950er und 1960er Jahre, die sogar noch fader ist als das Original, das dazu beitrug, das hyperpolarisierte, illiberale, gewalttätige und ideologievergiftete Land [gemeint sind hier die USA] zu schaffen, in dem wir heute leben". Ein Urteil, dem ich mich gerne anschließe.

Dem möchte ich nur einen Satz aus dem Buch hinzufügen: "Seit etwa einem Jahr gibt es Anzeichen, dass die Identitätssynthese aus der Mode kommt." Wenn dem so ist, warum dann die ganze Aufregung? Und warum mussten so viele Bäume für unnötige 500 Seiten gefällt werden?

Infos zum Buch

Yascha Mounk: Im Zeitalter der Identität. Der Aufstieg einer gefährlichen Idee. Aus dem Amerikanischen von: Helmut Dierlamm und Sabine Reinhardus. 512 Seiten. Klett-Cotta Verlag. Stuttgart 2024. Gebundene Ausgabe: 28 € (ISBN 978-3-608-98699-0). E-Book: 21,99 €
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