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Interview

Eine verbotene Liebe zwischen Professor und Student

Mit seinem Drehbuch zum queeren Kurzfilmprojekt "The Long Midsommar Night" könnte Michel Ohagen bald einen Preis in Schweden erhalten. Wir sprachen mit ihm über diesen Erfolg und den Inhalt seiner Tabu-Geschichte.


Erste Visualisierung zum Kurzfilmprojekt "The Long Midsommar Night" (Bild: Michel Ohagen)

Die Freude des Produzenten, Drehbuchautors, Regisseurs und Filmemachers Michel Ohagen (62) ist groß, denn sein Drehbuch zum Kurzfilmprojekt "The Long Midsommar Night" kam beim Swedish International Film Festival in die engere Auswahl für die beste LGBTI-Erzählung.

Dieser Kurzfilm handelt von der verbotenen Liebe des Studierenden Anders und seines Professors Finn, die sich regelmäßig eine Auszeit in der Natur nehmen, um für sich zu sein. Bis Anders eines Tages auf den gehörlosen Lejf trifft, der mit seiner traumatischen Vergangenheit Unsicherheit, Angst und Verzweiflung bei Anders auslöst.

Mit seiner vermeintlichen Tabu-Geschichte hat der gebürtige Sigmaringer Michel Ohagen, der zwischen Deutschland und Schweden lebt, nun die Chance Aufklärung zu leisten – sowohl über queere Liebe als auch Menschen mit Beeinträchtigungen.

Im Interview mit queer.de verrät er, was es mit dem Drehbuch, das auf einer wahren Geschichte basiert, auf sich hat, welche Chancen er sich beim Filmfestival ausrechnet und welche kürzliche, deutsche Oscar-Hoffnung er gerne als Schauspielerin dabei gehabt hätte.

Herzlichen Glückwunsch, dein Drehbuch für "The Long Midsommar Night" wurde beim "Sweden Film Festival" in die engere Auswahl für das beste Drehbuch einer LGBTI-Erzählung genommen. Was bedeutet dies für dich?

Die Schweden sind locker und – sehr anspruchsvoll. Ein Deutscher schreibt eine schwedische LGBTI-Love-Story mit dramatischem Ausgang, die in der Provinz Schwedens spielt. Eine größere Anerkennung, als überhaupt in die engere Auswahl zu kommen, kann es nicht geben. Ich habe mich riesig gefreut. Die Anerkennung ist groß, was will ich mehr?

Direktlink | Trailer zum Kurzfilmprojekt
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Aktuell steht aber noch nicht fest, ob das Drehbuch auch tatsächlich die Chance auf einen Award erhält, oder?

Ein schwedischer Award wäre ein Feuerwerk – unsere Geschichte spielt in Schweden im Jahre 1923. Ich habe das Script – auf Einladung von zwölf weiteren internationalen Filmfestival-Anfragen auf der Plattform Filmfreeway.com – eingereicht. Vielversprechende Entscheidungen gibt es bis Ende März/Ende April.

Warum denkt ihr, dass "The Long Midsommar Night" den Award für das beste Drehbuch verdient hätte?

Die Resonanz auf meinen Casting-Aufruf auf Instagram war umwerfend. Über siebzig Bewerbungen von professionellen Schauspieler*innen haben uns mit viel Lob erreicht. Ich erzähle in unserem Kurzfilmprojekt (26 Minuten) extrem komplexe, wichtige Themen, welche in der Gesellschaft noch zu wenig Aufmerksamkeit genießen.

Stattfinden wird das Festival vom 10. bis 13. April in Schweden – wirst du selbst vor Ort sein? Und was würde im Falle eines Gewinnes passieren?

Nein, da haben wir Probeaufnahmen mit ausgewählten Protagonisten für das Kurzfilm-Projekt in Düsseldorf. Erst wenn der Final Cut auf dem Festival gezeigt wird – das wird dann sicherlich 2025 sein -, werde ich mit dem ganzen Team in Stockholm dabei sein. Von "Selected" bis "Award Winner" bis "Finalist" ist es ein weiter Weg. Es wird vielleicht Lorbeeren geben – toll. Die Finanzierung muss ich aber selbst stemmen, u. a. über eine Crowdfunding-Kampagne.

Das Drehbuch handelt von einem Studenten, der eine "verbotene Liebe" zu seinem Professor pflegt. Die Geschichte basiert auf wahren Begebenheiten – darfst du sagen, von wem?

Auf wahren Begebenheiten! Das heutige "Red Haven Cottage Hotel" (Gästgiveri und Original-Schauplatz unseres Films) war in den 1920er Jahren eine Schule. Im Dorf wird erzählt, der Lehrer Eric F. hatte eine sehr "freundschaftliche" Verbindung zu dem jungen Studenten Ole G. aus der Universitätsstadt Linköping. Sie verbrachten immer wieder Wochenenden in der Gegend rund um Edsbruk.

Die Geschichte vom gehörlosen Lejf ist dramatischer. Er war Fischer und brachte dem Grafen täglich frischen Fisch aus dem See. Lejf war behindert und psychisch schwankend. Er wohnte mit seinem Hund im Jämtbygget und beging Suizid.

Die beiden Protagonisten wollen sich eine romantische Auszeit in der Natur gönnen – bis ein anderer Mann dazwischen kommt. Ist es nicht etwas arg klischeehaft, dass ein anderer Mann die "Beziehung" zweier schwuler Männer "gefährdet"?

Lejf, der andere (dritte) Mann, ist eine asexuelle Person. Wenn überhaupt, kennt er Sexualität nur mit sich selbst oder durch die unangenehmen Erfahrungen mit einem Pfleger, im Waisenhaus, 1896, in seiner Kindheit. Lejf hat kein sexuelles Begehren für Anders. Das Aufeinandertreffen von Anders und Lejf ist viel subtiler. Es geht um Macht, in einer Position, wo der gegenüber geschwächt ist. Wie weit kann ich gehen? Was wird er auslösen? Wann wird er mich verlassen? Kann diese Person mich retten?


Zwischen Anders und Leif kommt es zum Streit (Bild: Michel Ohagen)

Lejf ist gehörlos. Welche Rolle nimmt diese Beeinträchtigung in dem gesamten Drehbuch ein?

Mein Friseur ist gehörlos und mit einem gehörlosen Mann verheiratet. Sie sind stark in ihrer Community verankert. Nicht-Gehörlose sind dort selten präsent. Lejf, der gehörlose Mann im Script, ist der wirkliche Hauptdarsteller in unserem Filmprojekt. Er bündelt die größtmögliche Verwirrung oder Akzeptanz aller denkbaren Gefühle, denn er ist ganz und gar auf sich gestellt. Sein bester Freund ist – wie nicht anders zu erwarten – sein Hund. Auf Menschen ist kein Verlass.

In meinem Film wird nicht viel gesprochen. Ich erzähle durch die Bilder, die mehr sagen als tausend Worte. Das zufällige Zusammentreffen zweier Menschen kann sich zu einem Drama entwickeln. Ohne viele Worte.

Inwiefern soll der Film dazu beitragen, die Akzeptanz und Toleranz von queeren und beeinträchtigten Personen zu erhöhen?

Unser Filmprojekt rüttelt an brandaktuellen Themen, die in unserer Gesellschaft nach wie vor gerne verdrängt werden. Homo- und bisexuelle Menschen sowie Menschen mit einer Beeinträchtigung werden immer noch ausgegrenzt. Schwulenfeindlichkeit ist bis heute tief verankert. Eine Liebesbeziehung zwischen einem verheirateten Professor und seinem Studenten ist damals wie heute ein Tabu. Es ist eine Sache, über die nicht gesprochen werden sollte. Diese Tatsachen reizen mich. Ich erzähle diese in meinem Kurzfilmprojekt.

Gibt es bereits die Aussicht, dass das Drehbuch auch tatsächlich verfilmt wird?

Die Crew ist komplett – die Protagonisten sind gecastet. Die Finanzierung durch Filmförderung, Eigenmittel und Crowdfunding sind vielversprechend. Ja, das Budget ist überschaubar – der Film wird gedreht.

Welche Schauspieler*innen würdet ihr euch hierfür wünschen, wenn das Budget keine Rolle spielen würde?

Ben Whishaw in der Rolle des Lejf und Sandra Hüller in der Rolle der Mrs. Fleetwood. Lucas Lynggaard Tønnesen in der Rolle des Anders; er ist ein dänischer Schauspieler, der durch seine Rolle in der dänischen Netflix-Serie "The Rain" Bekanntheit erlangte. Ryan O'Neal, in jungen Jahren, in der Rolle des Finn ("Barry Lyndon", "Stanley Kubrick"); Ryan O'Neal ist leider verstorben, doch lebendig in meinem Herzen.

Weitere Infos über den Kurzfilm sowie erste Visualisierungen gibt es hier.

-w-