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Nachruf
Aribert Reimann gestorben
Der Komponist Aribert Reimann ist im Alter von 88 Jahren gestorben. Er machte seine Homosexualität nie direkt zum Thema, doch sein Interesse galt stets gesellschaftlichen Außenseiter*innen.

Aribert Reimann, hier auf einem Foto aus dem Jahr 2010, war Pianist, Komponist und Musikwissenschaftler (Bild: Aldus Rietveld / wikipedia)
- 18. März 2024, 07:35h 3 Min.
Am Mittwoch ist Aribert Reimann im Alter von 88 Jahren in Berlin gestorben – ein musikalisches Ausnahmetalent, das sich besonders der menschlichen Stimme, dem Zusammenklang von Sprache und Musik verschrieben hatte. Der gebürtige Berliner galt unangefochten als einer der wichtigsten und meistgespielten zeitgenössischen Komponisten. Musiktheaterstücke wie "Lear" (1976/78), "Bernarda Albas Haus" (1998/2000) oder "Medea" (2008/2009) konnten sich dauerhaft im Repertoire etablieren.
Seine Homosexualität machte Reimann nie direkt zum Thema, jedoch galt stets "sein besonderes Interesse Außenseitern, die in Liebe und Hass quer zur Gesellschaft stehen", wie die Musikwissenschaftlerin Kadja Grönke in ihrem Reimann-Porträt im schwulen Opernführer "Casta Diva" schreibt. "Die existenzielle Wucht seiner Einzelschicksale löst sich von dem ihnen auf der Bühne zugeordneten Geschlecht, und die Konfliktsituationen lassen sich unschwer auch auf homosexuelle Weltentwürfe ausweiten." Dabei scheue Reimann sich nicht, "illustrierend und kommentierend die Bühnensituation auszudeuten: In angerauten Cluster-Klängen, tumultösen Perkussionspassagen, extremen Höhen oder bodenlosen Tiefen öffnet er Räume für das Unsagbare, das die Bühnencharaktere nicht selbst formulieren können."
Der "unumstrittene Meister der Vokalmusik"
Zeitlebens widersetzte sich Reimann dem "Zwang der Avantgarde" und entwickelte jenseits von Trends und Zeitgeist eine besondere Musiksprache, expressiv und ausdrucksstark. "Ich habe immer versucht, meinen eigenen Weg zu gehen und meinen eigenen Stil zu finden", sagte er der Deutschen Presse-Agentur zu seinem 80. Geburtstag. "Man muss sich selbst treu bleiben." Die Jury des renommierten Ernst-von-Siemens-Musikpreises nannte ihn 2011 bei der Auszeichnung für sein Lebenswerk den "unumstrittenen Meister der Vokalmusik".
Zu seinen zahlreichen Auszeichnungen gehörten in jüngster Zeit der deutsche Theaterpreis "Der Faust" (2018) und erst in diesem Jahr der Gema-Musikautor*innenpreis, jeweils für das Lebenswerk. Die letzte Auszeichnung nahm er im Februar noch persönlich entgegen.
Die Liebe zum Gesang prägte den 1936 geborenen Künstlersohn von früh auf. Sein Vater hatte nach dem Krieg als Direktor den Staats- und Domchor Berlin aufgebaut, seine Mutter war Professorin für Sologesang. Mehr als siebzig Musikwerke entstanden in der Folge – Liederzyklen, Instrumentalstücke, Orchesterwerke und neun Opern. Sein jüngstes Musiktheaterwerk "L'Invisible" basierte auf drei Dramen von Maurice Maeterlinck und wurde 2017 an der Deutschen Oper Berlin uraufgeführt.
"Lear" war sein größter Erfolg
Seinen größten Erfolg feierte er mit der 1978 in München uraufgeführten Oper "Lear", die er dem Sänger Dietrich Fischer-Dieskau (1925-2012) auf den Leib geschrieben hatte. Weltweit gab es inzwischen mehr als 25 Neuinszenierungen.
Als Sternstunde der Opernwelt wurde auch die Vertonung des Flüchtlingsdramas "Medea" nach dem gleichnamigen Schauspiel von Franz Grillparzer gefeiert, der weibliche Gegenentwurf zum Shakespeareschen Königsdrama. Die Zeitschrift "Opernwelt" kürte die Auftragsarbeit für die Wiener Staatsoper zur besten Uraufführung das Jahres 2010.
Seine Texte, die Libretti, schrieb sich der Komponist schon früh selbst. "Ich möchte die Menschen ein bisschen aufrütteln", so Reimann. "Auch bei älteren Stoffen ist mir ein Zeitbezug immer wichtig. Sie müssen uns noch heute etwas angehen."
Zwar gab er den "Brotberuf" wegen der Arbeitsbelastung in den 1990er Jahren auf. Bis zu seiner Pensionierung blieb er aber – zunächst in Hamburg, dann in Berlin – Professor für das zeitgenössische Lied. Sängerinnen wie Claudia Barainsky (58), Christine Schäfer (58) oder Stella Doufexis (1968-2015) kommen aus seinen Klassen.
Reimann arbeitete noch im hohen Alter im Turmzimmer seiner Wohnung im Berliner Stadtteil Schmargendorf. Er kenne Menschen seiner Generation, die nur in der Vergangenheit lebten, sagte er einmal. "Das finde ich fürchterlich. Ich muss nach vorne schauen, ins Ungewisse." (dpa/ak)
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