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Kinostart
Sexpositive Tänzerin und asexueller Mann lieben einander
Das litauische Liebesdrama "Slow" ist ein Vorreiter: In wohl keinem anderen Film zuvor gab es eine asexuelle männliche Hauptrolle. Und dann macht "Slow" das auch noch richtig gut.

Zwischen Tanzlehrerin Elena und Gebärdensprachdolmetscher Dovydas entwickeln sich romantische Gefühle (Bild: Salzgeber)
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19. März 2024, 04:37h 4 Min.
"Ich kenne keinen, der so ist wie du", sagt Elena zu Dovydas. Denn ja, allein wie die Tänzerin den Gebärdendolmetscher kennengelernt hat, ist besonders. Sie gibt einen Workshop für gehörlose Jugendliche, er dolmetscht.
Ganz zaghaft fragt Dovydas sie nach dem Kurs, ob sie nicht noch etwas unternehmen wollen. Laurynas Bareiša fängt die Szene mit seiner körnigen 16mm-Kamera von weit entfernt ein. Fast zufällig, auf jeden Fall voyeuristisch, als hätte man im Vorbeigehen kurz innegehalten, um zuzuschauen.
Aber sie landen nicht im Bett miteinander. Alleine das ist schon anders als üblich – nicht dass Elena sonst etwas dagegen gehabt hätte. Sie genießt ihre Freiheit, versprüht urban-emanzipierte, sexpositive Vibes.
"Es ist einfach so"

Poster zum Film: "Slow" startet am 21. März 2024 im Kino
Doch mit Dovydas ist es anders. "Ich bin asexuell", erklärt er Elena in deren Schlafzimmer. Er versucht sich dabei auf einem Balance Board, worauf etwa Surfer*innen ihr Gleichgewicht trainieren. Ein Symbol, das ankündigt: Es wird nicht leicht, in dieser Beziehung die Balance zu halten, wenn die zwei Partner*innen unterschiedliche Bedürfnisse haben.
Elena fragt ihn, was das bedeute, seit wann und wieso das so ist. Sie ist aufrichtig neugierig, aber nicht verurteilend. Sie ist unsicher, und man kann es verstehen. Ihr Gegenüber entschuldigt sich fast reflexhaft. "Es ist einfach so." Sie machen weiter, sie geben einander eine Chance.
Elena ist sauer, als Dovydas in der Dusche wichst
"Slow" der jungen litauischen Regisseurin und Drehbuchautorin Marija Kavtaradze ist wohl der erste Film mit einer asexuellen männlichen Hauptfigur überhaupt. Während viele andere queere Orientierungen und Identitäten zunehmend in der Popkultur repräsentiert sind, sieht das beim asexuellen Spektrum völlig anders aus. Eine naheliegende Begründung: Sex sells.
Doch viel wichtiger: "Slow" macht das auch noch richtig gut. Marija Kavtaradze verzichtet dabei auf pädagogisierende Korrektheit. Dass Elena etwa sauer auf ihren Freund ist, als sie merkt, dass der gerade in der Dusche gewichst hat – sicher nicht cool und, mehr noch, verletzend. Aber auch verständlich, denn ihr fehlt das Gefühl, begehrt zu werden. Dass Dovydas sich einen runterholt, irritiert sie, versteht sie nicht. Sie reagiert über, aber so sind Menschen eben. Dementsprechend geht von dem Film wohl auch eher keine empowernde Botschaft aus.
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Asexualität wird nicht zum Problem gemacht
"Slow" hält sich auch nicht ans klassische Schema aus Höhepunkt, Konflikt und Lösung. Das Liebesdrama zeigt die Beziehung von Elena und Dovydas, den Alltag wie die unterschiedlichen Vorstellungen. Die beiden kommunizieren, aber eben auch nicht konsequent oder erfolgreich.
Der Film erzählt eher aus der Perspektive der allosexuellen – also nicht asexuellen – Elena. Wahrscheinlich aus dem Grund, dass ihre Empfindungen dem Publikum vertrauter sind. Dovydas' Asexualität wird aber (zumindest überwiegend) nicht als das Andere dargestellt, als das Problem der Beziehung. Auch viele Stimmen des Vereins "AktivistA" zur Sichtbarmachung des asexuellen Spektrums loben die authentische Darstellung von Dovydas' Asexualität.
Vielmehr leitet das Paar aus der Frage, ob die Beziehung auch ohne Sex funktioniert, viele weitere ab. Die Asexualität steht gar nicht im Fokus, vielmehr reflektieren die beiden über offene Beziehungen oder über "normale" Beziehungen, was auch immer das sein soll, wie sie selbst schnell merken.
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Der Versuch, die richtige Balance zu finden
"Slow" wirkt dabei, als hätte er sich seinen Titel zur Maxime gemacht. Das Drama erzählt oft in langen Sequenzen, die körnigen Totalen verleihen ihm einen naturalistischen Look. Die im Vergleich zu anderen Liebesdramen seltenen Nahaufnahmen stechen so noch mehr hervor, betonen die Intimität der Momente der Nähe und Zärtlichkeit.
Greta Grinevičiūtė (Elena) und Kęstutis Cicėnas (Dovydas) überzeugen dabei durch eine ganz authentische Chemie. Beide Figuren können sich bisweilen besser ohne gesprochene Worte ausdrücken: Elena durch den Tanz, Dovydas durch Gebärden. Da kommt es eben auch zu Missverständnissen.
Der Film wird als Liebesdrama über Asexualität hoffentlich einige Aufmerksamkeit erfahren – oder hat es seit der Premiere beim Sundance-Festival im vergangenen Jahr bereits. Dort gewann Marija Kavtaradze einen Regie-Preis, später schickte Litauen das Drama ins Rennen um den internationalen Oscar. Doch "Slow" ist noch viel mehr: Ein aufrichtiger Film über den Versuch, in einer Beziehung die richtige Balance zu finden.
Slow. Liebesdrama. Litauen, Spanien, Schweden 2023. Regie: Marija Kavtaradze. Cast: Greta Grinevičiūtė, Kęstutis Cicėnas. Laufzeit: 108 Minuten. Sprache: litauische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. FSK 12. Verleih: Salzgeber. Kinostart: 21. März 2024
Links zum Thema:
» Alle Kinotermine auf der Homepage von Salzgeber
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