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Kinostart

Verwirrende Gefühle für den Außenseiter

Das sanfte Drama "Die Unschuld" von Hirokazu Kore-eda wurde in Cannes mit der Queer Palm ausgezeichnet – am Donnerstag startet es im Kino. Warum der wirklich gute Film nicht alle in der LGBTI-Community begeistern wird.


Die Mutter von Minato macht sich Sorgen: Irgendetwas stimmt nicht mit ihrem Sohn. Sie verdächtigt einen Lehrer, den Fünftklässler zu schlagen. Dabei ist alles ganz anders (Bild: Plaion Pictures)

Eine Mutter ahnt, wenn was los ist. Vor allem, wenn sie alleinerziehend und Witwe ist. Und nicht nur das: Sie tut alles, um herauszufinden, was das Kind bedrückt – und wächst dann über sich hinaus, um dem Ganzen ein Ende zu bereiten. Das ist zumindest das Bild einer Mutter, das der japanische Film "Die Unschuld" vermittelt.

Es sind kleine Zeichen, die Saori bemerkt. Ihr Sohn Minato kommt nur mit einem Schuh nach Hause. Der Fünftklässler schneidet sich plötzlich die Haare ab. Irgendwas stimmt nicht, aber sie will sich ihre Sorgen nicht anmerken lassen. Sie bringt Minato immer noch zum Lachen, begegnet ihm mit großer Leichtigkeit.

Minato wächst wohlbehütet auf


Poster zum Film: "Die Unschuld" startet am 21. März 2024 bundesweit im Kino

Der Lehrer Herr Hori habe zu ihm gesagt, er habe das Gehirn eines Schweines, beichtet Minato seiner Mutter. Saori geht daraufhin in die Schule, stellt die Direktorin zur Rede. Es beginnt ein unwürdiges Schauspiel: Niemand antwortet ihr auf ihre Fragen, alle Anwesenden verstecken sich hinter entschuldigenden, diplomatischen Phrasen. Eine Verbeugung nach der anderen. Saori wird wütend.

Der erste Teil von "Die Unschuld" widmet sich ganz Saoris Perspektive. Der Alltag der kleinen Familie, wie sie in einer Wäscherei arbeitet, zu zweit den Geburtstag des verstorbenen Vaters feiern. Ihre Welt, so scheint es, soll so heil wie möglich sein. Unbeschwert.

Darstellerin Sakura Andō gibt der Rolle eine eindringliche Bestimmtheit, wenn sie mit Lehrkräften diskutiert. Eine Entschiedenheit, die manchmal ins Übervorsorgliche neigen könnte. Zumindest wirft ihr das Herr Hori vor. Der beteuert aber auch, Minato nicht geschlagen zu haben.

Vieles ist anders als angenommen

Mehrfach wechselt der neue Film des preisgekrönten japanischen Regisseurs Hirokazu Kore-eda die Perspektive: Das Drama erzählt zunächst aus der Sicht der Mutter, springt dann zurück und nimmt die Perspektive des Lehrers ein, ein weiterer Zeitsprung, und schließlich steht das Erleben des Sohnes Minato im Fokus.

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Wie ein Puzzle fügen sich die einzelnen Teile zum großen Ganzen zusammen. Was etwa wie eine demütige Entschuldigung der Direktorin wirkt, entpuppt sich als sorgfältig orchestriertes Schauspiel, das nur einen Zweck hat: die Mutter zu beruhigen.

Diese Dramaturgie im Drehbuch von Yūji Sakamoto, der vor allem für seine japanischen Serien bekannt ist, hat hier und da gewisse Längen. Auch die Tatsache, dass vieles doch ein bisschen anders ist als zunächst angenommen, mindert so manchen Überraschungseffekt.

Große Scham, aber auch Leichtigkeit

Und dennoch ist es eine große Stärke von Hirokazu Kore-edas Drama, dass es sanft erzählt, seine Figuren ernst nimmt und bis zum letzten Drittel das Geheimnis bewahrt, was eigentlich los ist. "Die Unschuld" wurde im vergangenen Jahr in Cannes mit der Queer Palm ausgezeichnet, entsprechend ist nicht zu viel verraten, dass die Freundschaft von Minato und seinem Klassenkameraden, dem Außenseiter Yori, aus verschiedenen Gründen schambehaftet ist.

Ohne Zweifel ist "Die Unschuld" ein sehr bewegendes, sehr sehenswertes Drama, das gekonnt Missverständnisse, große Scham, aber auch große Leichtigkeit und die Frage nach den richtigen Fragen in den Mittelpunkt rückt. Dazu trägt insbesondere ein großartiges Ensemble bei, allen voran die Kinderdarsteller Soya Kurokawa (Minato) und Hinata Hiiragi (Yori) ergänzen sich in ihrer Verschiedenheit.

Kein Film für die queere Community

Der internationale Titel des Films "Monster", eine wörtliche Übersetzung des Originaltitels "Kaibutsu", verweist dabei noch mehr auf die mythischen Anklänge und die Frage, wer das Monster eigentlich ist – oder sein kann (oder auch: wer es nicht ist). Auch der Soundtrack des im März verstorbenen Japaners Ryūichi Sakamoto unterstreicht diese Note.

Trotz Auszeichnung mit dem queeren Preis in Cannes: "Die Unschuld" ist kein Film für die queere Community (versucht es aber auch nicht zu sein). Vielmehr wird sicher manchen queeren Filmfans die Lust vergehen auf ein weiteres Drama, das problematisierte Andersartigkeit zum Thema hat. Egal, wie gut der Film ist.

Infos zum Film

Die Unschuld. Drama. Japan 2023. Regie: Hirokazu Kore-eda. Cast: Ando Sakura, Tanaka Yuko, Nagayama Eita, Soya Kurokawa, Hinata Hiiragi, Shidô Nakamura. Laufzeit: 126 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung. FSK 12. Verleih: Wild Bunch Germany / Plaion Pictures. Kinostart: 21. März 2024
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Die Unschuld
11 Bilder
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