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Andy-Warhol-Ausstellung
Ledermann Peter Marino: Ein globaler Botschafter schwuler Ästhetik?
Klaus Biesenbach, Direktor der Neuen Nationalgalerie in Berlin, stellte bei einem "Artist Talk" Peter Marino vor, den schwerreichen Kunstsammler und Innenausstatter der legendären Warhol-Factory.
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23. März 2024, 05:57h 4 Min.
Laut der "New York Times" ist der Ledermann Peter Marino der "am meisten nachgefragte Architekt auf dem Planeten": Er berät die Kulturelite in der Schweiz, entwirft Luxusvillen für Ölscheichs auf der arabischen Halbinsel und stattet Privathäuser der High Society in Palm Beach aus. In seinem New Yorker Büro beschäftigt er mehr als 150 Angestellte. Marino entwirft weltweit Flagship-Stores von Marken wie Dior, Vuitton und Chanel.
Aber der 1949 geborene und im New Yorker Stadtteil Queens aufgewachsene Marino ist auch Kunstliebhaber und bedeutender Sammler zeitgenössischer Werke. In Southampton auf Long Island hat er eine ehemalige Bibliothek gekauft und zu einem Museum ausgebaut, das er 2021 mit Bildern aus der eigenen Sammlung eröffnete, unter anderem von Keith Haring, Robert Mapplethorpe, Jean-Michel Basquiat, Cindy Sherman – und natürlich Andy Warhol. Denn mit letzterem hat alles angefangen.
Andy Warhol wird für Peter Marino zum Vertrauten und Mentor
Im Jahr 1978 gibt Warhol dem damals 28-jährigen Absolventen der Cornell Universität den Auftrag, seine Stadtwohnung einzurichten, bevor Marino dann auch die legendäre Factory am Broadway ausstatten darf. Andy Warhol wird für Peter Marino zum Vertrauten und Mentor. Dank seiner Hilfe kommt er mit Menschen wie Yves Saint Laurent und dessen Lebensgefährten Pierre Bergé in Kontakt, die ihn mit der Gestaltung ihres New Yorker Zuhauses betrauen. Warhol zahlt Marino zu einem großen Teil mit eigenen Bildern aus, deren Wert damals noch nicht abzusehen ist. Sie werden zum Grundstock einer Sammlung, die nun vermutlich auch die Begehrlichkeit der Berliner Neuen Nationalgalerie geweckt hat.
Derzeit hält sich Peter Marino in Berlin auf. Grund dafür dürfte eine für Juni angekündigte Ausstellung von Andy Warhols queerem Œvre am Berliner Kulturforum sein. Museumsdirektor Klaus Biesenbach stellte den mutmaßlichen Leihgeber der Öffentlichkeit bei einem "Künstlergespräch" vor, wobei es allerdings nicht um die geplante Schau gehen sollte, sondern um Marino selbst. Dieser trat, wie üblich, in voller Ledermontur auf. Die von Tom of Finland inspirierte Aufmachung ist Peter Marinos Markenzeichen.

Peter Marino und Klaus Biesenbach beim "Artist Talk" (Bild: Axel Krämer)
In einem Porträt aus dem Jahr 2015 bezeichnete ihn die "Neue Zürcher Zeitung" als "Narziss (…), der mit seinem Outfit direkt aus einer schwulen Fetischbar der 1980er-Jahre zu kommen scheint". Ledermütze, Lederhemd, Lederjacke und zwei Gurte über der Brust gekreuzt – natürlich ebenfalls aus Leder. An jedem einzelnen Finger seiner linken Hand trägt er einen Totenkopfring aus Sterlingsilber. Angeblich tritt er weltweit in Lederkluft auf, zumindest in der Öffentlichkeit, nicht nur an diesem Abend in Berlin. Er wäre damit im besten Fall eine Art globaler Botschafter schwuler Siebzigerjahre-Ästhetik. "Sie sollten mich mal in Saudi-Arabien sehen, wo alle in weiße Gewänder gehüllt sind", so Marino gegenüber einem Reporter des Magazins "Architectural Digest". "Und ich mittendrin, ganz in Schwarz."
Spiel mit der Öffentlichkeit
Ob die saudischen Prinzen, für die Marino arbeitet, auch nur den Hauch einer Ahnung davon vermittelt bekommen, wofür Tom of Finland steht? Auf seine schwule Fetischkluft angesprochen, reagiert Marino stets ausweichend. So auch in der Plauderstunde mit Klaus Biesenbach in der Neuen Nationalgalerie. Marino berichtet grinsend von seiner Leidenschaft für Motorräder und die Bikerszene im allgemeinen, und dass so eine Uniform doch recht praktisch sei – das war's dann schon. Kein Wort zu Tom of Finland, und Biesenbach hakt auch nicht nach, obwohl ihm Marinos Faible für den schwulen Künstler bekannt sein müsste. Bei Fragen, die sich um sein etwaiges homoerotisches Begehren drehen, weist Peter Marino in Interviews immer gerne darauf hin, mit seiner Frau Jane Trapnell "glücklich verheiratet" zu sein und mit ihr eine gemeinsame Tochter aufgezogen zu haben. Das Thema kam aber an diesem Abend gar nicht erst auf.
Wenige Stunden nach der Veranstaltung postete indessen der Journalist und Fotograf Johannes Pol auf seinem öffentlichen Facebook-Profil Aufnahmen, auf denen Peter Marino Händchen haltend mit einem anderen Ledermann in der Nationalgalerie posiert.
@petermarinoarchitect Peter Marino Architect in Berlin. Neue Nationalgalerie // #berlinlife #architecture #art #berlinphotographer
Posted by Johannes Pol on Monday, March 11, 2024
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Es scheint, als spiele Marino mit der Öffentlichkeit ein Spiel, das an die ironischen und ausweichenden Aussagen Andy Warhols erinnert, an dessen Vexierspielerei. Und seine Art, sich hinter einer gewissen Oberflächlichkeit zu verstecken, Erwartungshaltungen ins Leere laufen zu lassen. Für eine ernsthafte Vertiefung von Persönlichem bot die Veranstaltung an diesem Abend ohnehin keinen Rahmen: Hier ging es um Glamour, um spektakuläre Architekturbilder, um Marinos Bauprojekte. Hunderte von Dias wurden gezeigt – dazwischen und danach ein bisschen Plauderei aus dem Nähkästchen. Andy Warhol hätte womöglich seine Freude daran gehabt.















