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Interview
Hätten Sie gern in den 1970er Jahren gelebt, Jannik Schümann?
In der Retro-Serie "Disko 76" erlebt man Jannik Schümann als Tänzer mit stets offenem Hemd sowie einem perfekten Hüftschwung. Ein queerer Erzählstrang fehlt leider, doch das findet der #ActOut-Teilnehmer nicht so dramatisch.

Jannik Schümann in der sechsteiligen Serie "Disko 76". Mehr Bilder gibt es in der unten verlinkten Galerie
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27. März 2024, 04:35h 6 Min.
Jannik Schümann, Jahrgang 1992, wurde durch "Die Mitte der Welt" von Jakob M. Erwa bekannt. Als trans Mädchen war er im TV-Film "Mein Sohn Helen" zu sehen. In der RTL-Neuverfilmung "Sisi" spielt er bis heute Kaiser Franz Josef I.
Zu Weihnachten 2020 outete sich Schümann öffentlich als schwul (queer.de berichtete). Nur wenige Wochen später gehörte zu den Unterzeichner*innen des #ActOut-Manifests (queer.de berichtete). Im Januar 2023 las er gemeinsam mit Maren Kroymann zu Ehren queerer NS-Opfer im Deutschen Bundestag (queer.de berichtete).
Nun übernimmt Jannik Schümann die Hauptrolle in der sechsteiligen Retro-Serie "Disko 76". Aus diesem Anlass trafen wir ihn zum Interview.
Herr Schümann, auf der Berlinale waren Sie überraschend blond unterwegs. Wie kommt's?
Nach dem Ende von meinem letzten Dreh Anfang Dezember hatte ich drei Monate Pause. Diese Zeit habe ich für das Blond genutzt. Als Schauspieler passt man sein Aussehen den Rollen an, man wird quasi "fremdbestimmt". Deshalb habe ich die kurze Pause einfach genutzt, um meinen Look selbst zu entscheiden.
Es ist aber jetzt nicht die Tarnkappe, die der Elyas M'Barek sich immer wünscht, damit er unerkannt durch die Welt laufen kann?
Nein, das ist einfach wirklich nur eine freie Entscheidung gewesen. Eine Tarnkappe brauche ich zum Glück nicht.
"Disko 76" spielt Ende der 1970er Jahre. Hätten Sie Lust, auf eine nostalgische Zeitreise?
Also, das kommt darauf an wofür. Eine Zeitreise, um da mal reinzuschnuppern? Ja! Möchte ich in den 1970er Jahren leben? Nein!
Was spricht dagegen?
Auch wenn die 1970er Jahre total spannend waren – die Zeit des Umbruchs – und ich mich wohl der Hippie- oder der 68er Bewegung angeschlossen und für Rechte gekämpft hätte, freue ich mich vor allem als schwuler Mann in Deutschland, in der Zeit zu leben, in der ich jetzt lebe.
Jene Unbeschwertheit und Überschaubarkeit von damals würde Sie nicht reizen?
Doch schon, zudem hatte man richtig geile Musik, die ich mir auch heute noch privat sehr gerne anhöre. Deswegen gefällt mir die Idee der Zeitreise ja auch, ich wäre zum Beispiel richtig gerne bei dem Aufstieg der Disco-Bewegung in Deutschland dabei gewesen. Da hätte ich auf jeden Fall viel mit getanzt.

"Disko 76" kann ab 28. März 2024 auf RTL+ gestreamt werden. Am 1. April sind alle sechs Folgen ab 20.15 Uhr bei Nitro zu sehen
Sie zeigen im Film reichlich Tanz-Talent, auf das Travolta neidisch sein könnte. Wo haben Sie das gelernt?
Travolta? Das ist aber nett. Das Tanzen haben ich meiner Mutter zu verdanken. Sie hat damals immer getanzt, das hat mich so begeistert, dass ich als kleiner Junge auch damit anfing und einmal in der Woche die Tanzschule besuchte. Meine Freunde und Freundinnen waren beim Fußballspielen, und ich habe halt getanzt. Das ist bis heute eine Leidenschaft von mir. Und endlich durfte ich die Leidenschaft mit meiner Arbeit verbinden.
So hat man Sie bislang noch nie gesehen….
Das stimmt, aber es gibt eben auch keine große Tanzproduktion in Deutschland aus den letzten Jahren. Ich kann mich jedenfalls an keinen Tanzfilm oder eine Tanzserie erinnern.
In einigen Szenen erlebt man Sie recht freizügig. Sind Nacktszenen für Sie Pflicht oder Kür?
Für mich ist es immer entscheidend, ob Nacktszenen für das Erzählen einer Figur und einer Handlung wichtig sind. Als Selbstzweck wäre es Unsinn. Hier in "Disko 76" finde ich alle Liebesszenen und die Haut, die da gezeigt wird, sehr relevant.
Hätten Sie sich einen queeren Erzählstrang in "Disko 76" gewünscht?
Es muss nicht in jeder Serie oder jedem Film homosexuelle Personen geben. Vor allem nicht, wenn man diese mit Stereotypen verziert und klischeehaft erzählt, wie es in Deutschland noch oft der Fall ist. Grundsätzlich muss queere Thematik jedoch sehr viel mehr präsenter sein. Hier fehlt es in der Film- und Fernsehlandschaft noch an Repräsentation!
Haben Sie Schnittmengen mit Robert? Sind Sie so cool wie der?
Was ich auf jeden Fall bei Robert gut nachfühlen kann, ist seine Suche und der Drang nach Liebe. Ist es nicht das, was uns Menschen alle antreibt? Robert geht auf die Suche nach Antworten auf seine Fragen, die in seiner Kindheit entstanden sind. Sein Motiv: Liebe und Zuneigung. Ich denke, man kann sich sehr schnell emotional mit ihm verbinden!
Vor drei Jahren waren Sie bei #ActOut dabei. Wie sieht Ihre Bilanz aus?
Wir sind mit #ActOut weltweit Vorreiter. In keinem anderen Land gibt es so viele Menschen des öffentlichen Lebens, die sich zusammengetan haben und gemeinsam gesagt haben: Wir sind queer! Ich bin einfach wahnsinnig stolz auf uns und auf die Bewegung und hoffe, dass sich noch viele Menschen diesem mutigen Schritt in die Öffentlichkeit anschließen – und das nicht nur in Deutschland!

Tanzszene aus "Disko 76" (Bild: RTL)
Gab es auch negative Bemerkungen Ihnen gegenüber? Bei über 360.000 Fans auf Instagram wären einige homophobe Kommentare kaum verwunderlich...
Es gab zum Glück wirklich fast keine negativen Kommentare. Ich bin wurde mit ganz viel Liebe von meiner Community überschüttet.
Gab es umgekehrt Leute, den Sie als Identifikationsfigur geholfen haben?
Ich habe damals gedacht, wenn es nur eine Person gibt, die mir schreibt, sie habe dadurch den Mut gefunden, sich zu outen, dann habe ich alles richtig gemacht. Und ich habe wirklich die Tage danach und bis heute noch immer so viele Nachrichten bekommen, dass Menschen sich direkt vor ihrer Familie geoutet haben, weil sie den Mut bekommen haben durch mich. Das hat mich wirklich einfach zu Tränen gerührt und war für mich sehr schön.
Hängt es Ihnen nicht bisweilen ein bisschen zum Hals heraus, als Gay-Gallionsfigur gehandelt zu werden, die sich ständig zu dem Thema äußern soll?
Nein, es hängt mir nicht zum Hals heraus, weil es einfach sehr wichtig ist und weil ich das mittlerweile auch als meine Verantwortung sehe. In meiner Wunschvorstellung muss die eigene sexuelle Orientierung in der Gesellschaft natürlich nicht mehr thematisiert werden. Bis wir jedoch dort angekommen sind, bin ich sehr gerne eine Stimme für meine Community.
Wie geht es Ihnen, wenn Sie heute, zehn Jahre später, "Die Mitte der Welt" anschauen?
"Die Mitte der Welt" ist immer noch einer meiner Lieblingsfilme. Er ist, wie schon der Roman, einfach so besonders, weil er in keiner Sekunde Homosexualität als Problem darstellt. Es ist eine universelle Liebesgeschichte, die eins zu eins so stattgefunden hätte, wenn man meinen Charakter durch eine weibliche Figur ausgetauscht hätte. Es geht einfach nur um Liebe, die hier so wunderschön dargestellt wird. Dafür bin ich unserem Regisseur Jakob M. Erwa bis heute dankbar.
"Disko 76" kann ab 28. März 2024 auf RTL+ gestreamt werden. Am 1. April 2024 sind alle sechs Folgen ab 20.15 Uhr bei Nitro zu sehen
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