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Arte-Doku

Der queere King of Rock 'n' Roll

Little Richard hat sich als King und Queen des Rock 'n' Roll bezeichnet. Privat jedoch geriet er mit seiner eigenen Sexualität in massive Konflikte. Die Doku "I Am Everything" zeigt eine widersprüchliche, irritierende, aber auch inspirierende Figur.


Der queere Sänger, Pianist und Songwriter Little Richard (1932-2020) gehört zu den Wegbereiter*innen und Hauptvertreter*innen des Rock 'n' Roll (Bild: Arte)

"Ich bin der Architekt des Rock 'n' Roll!" erklärte Little Richard häufig in Talkshows. Gerne rief er bei solchen Auftritten dem begeistert johlenden Publikum auch scherzhaft sein berühmtes "Shut up!" entgegen. Dieser Ausruf wurde später eines seiner Markenzeichen. Anfangs war das jedoch gar nicht lustig gemeint. Mit "Shut up!" wehrte er am Beginn seiner Karriere Leute ab, die über ihn lachten. Als er schon sehr früh in Kleidern, mit Schminke und Perücken herumlief. Dieses unbändige Selbstbewusstsein – er habe nachfolgende Musiker*innen erweckt und befreit – gehörte zu ihm und zu seiner Bühnenfigur. Es war aber auch notwendig, bei all den Widerständen, die er als schwuler Schwarzer Musiker erdulden musste.

Die Doku "I Am Everything" erzählt sein Leben anhand von Archivmaterial, bestehend aus Interviews und Auftritten von ihm. Andere Musiker*innen und Expert*innen kommen zusätzlich zu Wort, die das Phänomen Little Richard in den musikhistorischen Kontext einordnen. Schön wäre aber auch gewesen, den Musiker, Sänger und die Rampensau Little Richard mal länger als nur wenige Sekunden in Aktion zu sehen. Dennoch ergibt alles im Rahmen des Formats eines Biopics ein rundes Bild, und der Regisseurin Lisa Cortés ist damit eine spannende Doku gelungen.

Drag-Auftritte in den 1950er Jahren

Little Richards ganzer Lebensweg ist von Brüchen und der Notwendigkeit zu kämpfen gekennzeichnet. Vom Vater wegen seiner Homosexualität früh rausgeworfen, trat er danach regelmäßig in einer Schwulenbar auf. Später sang und tanzte er mit queeren Frauen. In dieser Zeit hatte Richard auch seine ersten Drag-Auftritte, als das in den USA noch als Verbrechen galt. Vom Musiker Esquerita übernahm Richard die Haartolle, und Billy Wright zeigte ihm, wie man Make-up trägt. Nicht nur seine Auftritte waren durch das Sprengen von Geschlechterrollen über Gestik, Mimik und Kleidung für alle sichtbar queer. Auch sein erster großer Song "Tutti Frutti" von 1955 war es – eigentlich. Denn die ursprüngliche Textversion war sehr eindeutig: "If it don't fit – don't force it; you can grease it – make it easy". Das wurde dann aber für den Massengeschmack entschärft. Generationen tanzten dazu, ohne die Ursprünge zu kennen.


Sichtbar queer in den 1950er Jahren: Little Richard (Bild: Arte)

Am Beispiel von Little Richard macht diese Doku endlich einmal den schon sehr frühen schöpferischen Einfluss des Queeren in der Popkultur sichtbar, der immer da war, aber so oft übersehen oder geleugnet wurde. Gleichzeitig zeigt der Film auch, wie scharfe Ungerechtigkeit und Fortschritt in dieser Zeit parallel nebeneinander her liefen. Richard erklärte, dass ihm sein feminin wirkendes Auftreten sogar dabei half, bei Weißen im Publikum nicht das rassistische Motiv des "gefährlichen Schwarzen" zu bedienen. In einer durch und durch queerfeindlichen Welt diente dieses queere Element so als Schutz vor rassistischer Ablehnung und Gewalt. Gleichzeitig trug Little Richards Musik dazu bei, gesellschaftliche Grenzen einzureißen. Denn auf einmal strömten viele weiße Jugendliche in die Konzerte des Schwarzen Künstlers.

Der ewige Kampf um Anerkennung

Der Film von Lisa Cortés zeigt Ungerechtigkeiten auf, ohne anzuklagen. Mit Blick auf den Umgang mit ihm als Schwarzem Musiker gilt das ganz besonders. Little Richard musste erleben, dass trotz großen Erfolges auf einmal weiße Künstler*innen seine Songs sangen. Denn Musik durfte in den Augen der Plattenindustrie nicht "zu Schwarz" sein – und natürlich nicht "zu queer". Little Richard machte seinem Ärger darüber oft Luft. Elvis? – "Der hat doch nie einen Song selbst geschrieben", empörte sich Richard später einmal über den "King of Rock 'n' Roll" – der dies auch mithilfe der Songs von Little Richard wurde.

1997 bekam Richard dann doch noch eine Auszeichnung für sein Lebenswerk, ohne je einen Grammy erhalten zu haben. Auch wenn sich etwa die Beatles, die Stones und David Bowie auf ihn beriefen, musste er um die Anerkennung für seine wegbereitenden Leistungen sehr lange immer wieder kämpfen. Es ist ein Pluspunkt der Doku, diese Form des Rassismus, hinter allem Glamour und aller nach außen getragenen guten Laune auch durch Richard selbst, deutlich sichtbar zu machen.


King und Queen des Rock 'n' Roll: Little Richard bei einem Auftritt (Bild: Arte)

Im Krieg mit der eigenen Homosexualität

Die größten Konflikte hatte Little Richard aber im Umgang mit seiner eigenen Sexualität. Jedem in seinem Umfeld sei klar gewesen, dass er schwul gewesen sei, heißt es in der Doku. Er wählte bewusst seine Kostüme so, dass er von Menschen als queer gelesen werden konnte. Auch erklärte er in einer Talkshow, dass er der erste Musiker gewesen sei, der sich als schwul geoutet hätte. Doch führte von hier aus für ihn kein Weg zu einer konsequenten Selbstbefreiung. Ganz im Gegenteil.

Ende der 1950er Jahre kam dann die Wende. Nachdem er bereits mit seinen Bühnenshows an den damals verbreiteten Geschlechtergrenzen und -stereotypen gerüttelt hatte, war plötzlich Schluss. Er sang Gospelsongs, heiratete eine Frau, verbrannte seine eigenen Platten und arbeitete als Bibelverkäufer. "Ich bin nicht mehr schwul", erklärte er feierlich. Damit war er bei sehr vielen queeren Menschen unten durch. Als er Anfang der 1960er Jahre dann wieder in den alten Outfits auftragt, fragten sich manche: War das ernst gemeint? War es kommerzielle Maskerade? Niemand wusste es.

Direktlink | Englischer Originaltrailer zur Doku
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Richards Suche nach Gott – oder seine Flucht vor sich selbst – wurde in den Folgejahren immer verbissener. Wenn er nicht weiterwusste, nahm er Drogen, und wenn es dann nicht mehr ging, wandte er sich der Religion zu. Sicherlich waren diese offensichtlichen Seelenqualen auch Ergebnis gesellschaftlicher Prägungen. Er wuchs in einem Umfeld auf, in dem ihm ständig mit der Hölle gedroht wurde, er musste wegen zu langer Haare einmal ins Gefängnis, und ihm wurde Polizeigewalt angetan.

Pionier für die queere und Schwarze Popkultur

Dass er aber auch noch am Ende des Lebens, kurz bevor er 2020 starb, mit queerer Sexualität an sich haderte, lässt manche mit Blick auf Little Richard bis heute unversöhnt zurück. Eine gute Freundin von Richard, die trans Aktivistin Sir Lady Java, versucht dies zu erklären. Er habe viele queere Menschen verletzt, aber sie könne ihn verstehen. Er habe sich eben selbst nicht aushalten können. Dennoch hätte sie ohne ihn nie in einem Kleid öffentlich auftreten können. Auch der Sänger Billy Porter meint, Little Richard sei der Grund gewesen, warum er als queerer Schwarzer Mann heute so leben könne, wie er wolle.

So rauscht Little Richard mit all seinen Widersprüchen wie ein Wirbelsturm durch die Doku. Als einer, der viel Energie versprühte und viele inspirierte, aber dabei auch sich selbst und andere verletzte. Einer, dem in diesem Sturm wohl selbst manchmal schwindelig wurde und der dann die Orientierung verlor. Die frühe Bühnenfigur hat Schneisen in das Dickicht aus Kleingeistigkeit und Verklemmtheit geschlagen. Aber hätte nicht der junge Little Richard dem späten Richard ein wütendes "Shut up!" entgegengerufen?

So wenig sein Wirken für ihn selbst letztlich zu einer persönlichen Befreiung geführt hat, so sehr hat es aber anderen den Weg geebnet. Es ist daher gut, dass diese Doku bei all seiner Widersprüchlichkeit seine Rolle als Pionier nicht nur des Rock 'n' Roll, sondern gerade auch für die queere und Schwarze Popkultur sichtbar macht.

Infos zum Film

Little Richard: I Am Everything. Dokumentarfilm. USA 2023. Regie: Lisa Cortés. Laufzeit: 97 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung. Am Freitag, den 5. April 2024 um 21.45 Uhr auf Arte sowie bis zum 4. Mai 2024 in der Arte-Mediathek. Auf DVD und Blu-ray erscheint der Film am 25. April.
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