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Interview

"Für mich ist 'Monkey Man' ein Film, in dem Underdogs zu Held*­innen werden"

Im Actionfilm "Monkey Man" erzählt Hauptdarsteller und Regisseur Dev Patel eine Rachegeschichte um Politik und Religion, die auch die indische Hijra-Kultur würdigt. Wir trafen ihn in London zum Interview.


Dev Patel in "Monkey Man"

Mit einer Casting-Aufforderung, die seine Mutter in der Zeitung entdeckte, begann die Schauspielkarriere von Dev Patel. Für die britische Teenie-Serie "Skins" stand der in Londoner Nordwesten geborene Sohn indischer, aus Nairobi stammender Eltern erstmals vor der Kamera, wenig später gelang ihm mit der Hauptrolle im Oscar-Gewinner "Slumdog Millionär" der Durchbruch. Mit Filmen wie "Best Exotic Marigold Hotel", "David Copperfield – Einmal Reichtum und zurück" oder "The Green Knight" feierte Patel weitere Erfolge, für das Drama "Lion – Der lange Weg nach Hause" wurde er für den Oscar nominiert.

Mit "Monkey Man" (seit 4. April 2024 im Kino) erfüllt sich der 33-jährige Action-Fan nun einen lange gehegten Traum – und zeichnet neben der Hauptrolle auch für das Drehbuch und die Regie des auch aus LGBTI-Sicht erstaunlich interessanten Films verantwortlich. Wir trafen ihn in London zum Interview.


Poster zum Film: "Monkey Man" läuft seit 4. April 2024 im Kino

Mr. Patel, die Idee zu Ihrem neuen Film "Monkey Man" hatten Sie schon vor Jahren; die Arbeit an der Geschichte dauerte Jahre. Trotzdem hatten Sie zunächst gar nicht vor, ihn selbst zu inszenieren. War das mangelndes Selbstvertrauen oder falsche Bescheidenheit?

Als diese Idee in mir reifte, hätte ich anfangs noch nicht einmal zu träumen gewagt, mich selbst als Regisseur zu sehen. Und wahrscheinlich hätte ich das vor acht Jahren auch tatsächlich noch nicht gekonnt, zumal mit einem Projekt dieser Größenordnung. Ich habe "Monkey Man" zunächst mit und für den Regisseur Neill Blomkamp entwickelt, der mich aber irgendwann dazu drängte, selbst die Inszenierung zu übernehmen. Nicht nur, weil er gar keinen persönlichen Bezug zu Indien hat, wo die Geschichte ja spielt. Sondern auch, weil er es mir zutraute. Irgendwann hatte er mich so weit, dass ich bereit war, ins kalte Wasser zu springen. Und von da an habe ich nicht mehr zurückgeblickt.

Sie erzählen in "Monkey Man" nun eine Rachegeschichte, die ihre Wurzeln in der Geschichte der hinduistischen Gottheit Hanuman hat, die sich durch ein Affengesicht und magische Kräfte auszeichnet. Was bedeutet Ihnen diese Figur?

Mein Vater trug immer ein Halskettchen mit einem Hanuman-Anhänger, deswegen war ich schon früh von diesem Affengott fasziniert. Wenn mein Großvater aus Kenia kam, um uns in England zu besuchen, dann setzte er sich zu mir in mein kleines Kinderzimmer und erzählte mir Geschichten aus der indischen Mythenwelt – und die von Hanuman waren immer die, die mich am meisten begeistert haben. Ich habe nie verstanden, warum er nicht ein weltbekannter Superheld à la Superman war. Denn er ist eine so spannende Figur: stark, mutig und integer, aber auch ein Außenseiter, der erst wieder daran erinnert werden muss, welche Kräfte in ihm schlummern.

Jemanden wie ihn oder auch nur den jungen Mann, den Sie nun im Film verkörpern, hätten Sie vermutlich als Teenager gerne mal auf der Leinwand gesehen, oder?

Im Kino einen Actionhelden zu sehen, der aussieht wie ich – das hätte mir damals die Welt bedeutet! Ich weiß noch, welchen Eindruck es auf mich machte, als ich als Kind Bruce Lee für mich entdeckte. Der stammt zwar aus einer ganz anderen Kultur als ich. Aber die Auswahl in Sachen Identifikation war so dürftig, dass ich schon begeistert war, jemanden zu sehen, der die gleiche Haarfarbe hatte wie ich und dessen Hautton meinem zumindest ähnlicher war als der der meisten anderen Filmhelden. Ich plakatierte mein Zimmer mit Bruce Lee-Postern und zertrümmerte mit meinen Nunchakus die eine oder andere Glasvitrine in unserer Wohnung.


Szene aus "Monkey Man" (Bild: Universal Pictures)

Trotzdem waren Sie in Ihrer Karriere bislang eigentlich nie als Actionheld zu sehen…

Was nicht an mir lag, das können Sie mir glauben. Aber auch deswegen habe ich über die Jahre so viel Zeit und Energie in "Monkey Man" investiert. Wenn das System mir solche Chancen nicht von sich aus anbietet, muss ich als Kreativer den bisschen Einfluss, den ich habe, eben dazu nutzen, das System dazu zu bringen.

Die Geschichte Ihres Films ist nun durchaus auch politisch, es geht unter anderem um einen populistischen Politiker, der mit Hilfe eines religiösen Gurus an die Macht zu kommen versucht. Sehen Sie "Monkey Man" auch als Kommentar auf den Aufstieg des Hindu-Nationalismus in Indien?

In erster Linie ist mein Film für mich eine Rachegeschichte, in der es um darum geht, wie sich die Kraft des Glaubens nutzen lässt. Glaube und Religion sind in Politik und Gesellschaft ein wichtiges, durchaus gefährliches Instrument, mit denen sich große Menschengruppen mobilisieren und extreme Wut erzeugen lassen. Aber gleichzeitig sind sie eben auch ein Weg, gerade jungen Menschen Philosophie, Moral und Integrität mitzugeben. Das gleiche, was den Protagonisten in "Monkey Man" zu dem macht, der er ist, ist also auch das, was die Welt um ihn herum bedroht. Das fand ich spannend.

Haben Sie keine Sorge, dass das mindestens in Indien für Kontroversen sorgen könnte?

Wenn dem so sein sollte, dann ist es eben so. Aber es ist ja kein indisches Phänomen, dass das Zusammenspiel von Religion und Politik im Zentrum der meisten großen Konflikte steht. Da kann man sich die gesamte Menschheitsgeschichte angucken, bis hin zum Nahost-Konflikt.

Hochspannend ist auf jeden Fall, dass Sie in der Geschichte auch den Hijra Raum einräumen. Das ist die größtenteils aus trans Frauen bestehende Personengruppe des dritten Geschlechts, das in der Hindu-Kultur eine lange Tradition hat und trotzdem nicht unbedingt Bestandteil des Mainstreams ist. Warum war Ihnen das wichtig?

Für mich ist "Monkey Man" einfach ein Film, in dem Underdogs zu Held*­innen werden. Gesellschaftliche Außenseiter*­innen, die im Normalfall nicht gesehen oder marginalisiert werden. Und da wollte ich mich nicht nur auf den Titelhelden konzentrieren. Ihn, die Hijra und andere Unterdrückte verbindet die Trauma-Erfahrung, und im Film sind es die Hijra, die ihm einen Weg aufzeigen, seine eigenen Kräfte auf ganz neue Weise zu nutzen und die eigenen Narben – innere wie äußere – in einem anderen Licht zu sehen. Denn letztlich sind Narben ja auch ein Zeichen des Triumphs, des überwundenen Schmerzes.

Aus westlicher Sicht staunt man manchmal, wie leicht vereinbar Transness, Non-Binarität oder auch Intersexualität mit einer Religion wie dem Hinduismus zu sein scheint. Zumindest in der Theorie…

Ich fand das auch wirklich spannend, als ich mich für den Film intensiv mit religiöser Ikonographie in Indien beschäftigt habe. Man findet dort unglaublich viele, viele Jahrhunderte alte sogenannte Ardhanari-Statuten, die halb männlich, halb weiblich sind. Zu sehen, wie inklusiv und allumfassend die Weltreligionen in Sachen Identität und Sexualität einmal waren, ist bemerkenswert. Die verbohrte Rigidität, die heute größtenteils zu sehen ist, hielt ja erst im Laufe der Zeit Einzug. Aber es gibt die Hijra bis heute – und sie haben ihren Glauben nie verloren. In Castings und auch bei TikTok habe ich wirklich tolle Hijra- und trans Darsteller*innen gefunden, die keine Schauspiel-Erfahrung hatten, aber auf wirklich fantastische Weise ihre eigene Lebenswelt und eine einzigartige Energie mit ans Set brachten.

Infos zum Film

Monkey Man. Actionfilm, Thriller. USA, Kanada, Indien, Singapur 2024. Regie: Dev Patel. Cast: Besetzung: Dev Patel, Sikandar Kher, Sharlto Copley. Laufzeit: 113 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung. FSK 18. Verleih: Universal Pictures Germany. Kinostart: 4. April 2024
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