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Roman

Von bisexuell zu schwul zu queer zu trans

Der neue Roman "Wo wir uns berühren" von Lauren John Joseph führt in die queeren Subkulturen von London, San Francisco und New York. Die Ich-Erzählerin beherrscht die Kunst, die jeweils passende Fassade um das stets neu zu erfindende Ich zu errichten.


Pressefoto von Lauren John Joseph (Bild: Eivind Hansen)

Fotos der englischen Autorin Lauren John Joseph wirken wie glamouröse Zitate aus der Vergangenheit. Schlank, schmales Gesicht, ein wenig gelangweilt, old fashioned ihr Stil, irgendwie blasiert, dennoch erotisch und doch eiskalt. Eine englische Lady, wie sie im Buche steht. Ihr traut man messerscharfe Ironie zu. Zugegeben, das klingt alles nach Klischee. Aber genau dieses Frauenbild bedienen die Fotos – und Lauren spielt perfekt. Bei dieser Gelegenheit: Ob sich der Vorname wohl ihrer Verehrung für die legendäre Lauren Bacall verdankt? Aber das wäre dann schon wieder ein anderer Frauentyp.

Lauren scheint in vielen Rollen perfekt zu sein. In ihrem Roman "Wo wir uns berühren" (Amazon-Affiliate-Link )können wir das nachlesen. Er ist in der Übersetzung von Nikolaus Stingl kürzlich bei dtv erschienen ist. Denn da landen wir mitten in den queeren Subkulturen von London, San Francisco und New York und in lauter prekären Lebensverhältnissen, die man sich durch Drogen und Alkohol "verschönert" und durch den Glauben an die eigenen Träume. Wir erleben eine Ich-Erzählerin, die mal Liza, aber meistens Bibby genannt wird und die so gar nicht ladylike auftritt. Ihre Lieblingsrolle jetzt – die Drama-Queen. Klar wird, sie beherrscht im Leben die Kunst, die jeweils passende Fassade um das stets neu zu erfindende Ich zu errichten.

Bibby lebt für die Nacht


"Wo wir uns berühren" ist Anfang 2024 bei dtv erschienen

Sie beschreibt sich selbst so: "Mein Geschmack war schon immer barock, ja blumig. Ich wollte immer alles in Blattgold, auf Louis-XV-Absätzen, kandierte Früchte und Marzipan, gezupfte Augenbrauen, türkisblaue Wände, Tee auf dem Rasen, antike Perlen, Sadismus in Lippenstift und Rouge, Jazz-Age-Verlassenheit, bröckelnder Hochmut, vornehme Verachtung und eine rokokohafte Einstellung zum Tragen von Accessoires."

Bibby nennt sich Transgender, ist zunächst im schwulen Londoner Milieu zu Hause und macht sich auf den Weg ins Frausein, wobei sie dem harten schwulen Sex treu bleibt. Man lebt für die Nacht, erklärt sie uns, donnert sich auf für den obligatorischen "Paarungstanz" in den Clubs. Irgendwann hat Bibby es jedoch geschafft und ist "ein stilvolles, fotogenes, bezauberndes androgynes Geschöpf geworden" und um viele unsanfte Erfahrungen reicher.

Bei Lauren hat das Begehren einen Namen – Thomas James, eine "schlaksige Gestalt, sperrig wie ein Fahrradgestell" aus gutem Haus und mit den denkbar schlechtesten Manieren und ein Rassist obendrein. Kleiderfragen beantwortet er mit Geschmacklosigkeit. Er liebt es trashig. Die Warnung in Bibbys Umgebung: "Lass die Finger von diesem gutaussehenden Mistkerl." Was sie natürlich nicht tut, auch wenn er genau das ist, denn wie käme die Queen sonst zum Drama? Und mit Thomas und einer heftigen Amour fou sind wir beim eigentlichen und behaupteten Thema des Romans angekommen. Von Thomas heißt es, sein Vergnügen bestand "in der Jagd und nicht im Festmahl". Lauren indes liebt das Festmahl. Warum sonst serviert sie uns jeden Gang aus dem Dauer-Festmahl der Lust und lässt keinen aus?

Suche nach der verlorenen Liebe

Aber wo steckt in dem Ganzen die Liebe? Der Roman verspricht uns eine Suche nach der verlorenen Liebe und beginnt mit der seltsamen Frage "Wann hast du gewusst, dass du tot bist?" Die Autorin deklariert den Roman als Brief an Thomas, den sie zehn Jahre zuvor kennengelernt, mit dem sie vor sechs Jahren das letzte Gespräch geführt hatte und der vor vier Jahren starb.

Der Brief wird also unbeantwortet bleiben. Aber darum geht es nicht, sondern um einen Brief als "Gesang", wie sie schreibt, "der dein Leben in Erinnerung ruft, er ist Fiktion, er ist Biografie, er ist eine Verklärung." In der Hauptsache geht es aber um Bibby selbst und um ihr Leben – und alles muss raus, nichts darf verschwiegen werden. "So wie ich von bisexuell zu schwul, zu queer, zu trans übergegangen bin, musste ich als Künstlerin verschiedene unstimmige Mutationen durchlaufen" – und wir Leser*­innen mit ihr. Dabei wurde uns eine Liebesgeschichte versprochen, "die so weißglühend ist, dass ich mir die Hände verbrenne, noch während ich mich bemühe, sie zu Papier zu bringen"

Sperma-Überschwemmungen

Am Ende trägt hier Lauren doch zu dick auf, denn am Schluss weiß ich als Leserin noch immer nicht, worum es in der Amour fou zwischen Thomas und Bibby eigentlich ging, und warum sie nicht von dem Mistkerl loskommt. Dabei stellt sie die richtige Frage: "Woher also diese Macht, die du über mich hast?" Aber irgendwann muss sie die Frage vergessen haben. Was sie jedoch nie vergisst, das ist ihr Sinn für Witz. Zusammen mit den unerschöpflichen Erinnerungen und manch kluger Erkenntnis bleibt damit wenigstens die Unterhaltung garantiert.

Die erste Sexszene lässt übrigens nicht lange auf sich warten und sie bekommt im Laufe von 457 Seiten reichlich Gelegenheit zur Wiederholung. Es geht immer darum, tief drin zu sein und endet mit den üblichen Sperma-Überschwemmungen. "Ich fickte dich dumm und dämlich." Ist das gut, dass wir das erfahren? Die trans Lady reitet vorzugsweise selbst und ist später als Sexarbeiterin freilich berufsbedingt variabler im Angebot. Wenn harte Schwänze ein Merkmal für literarische Qualität sind, dann könnte der Roman durchaus preisverdächtig sein.

Gegen Sex ist nichts einzuwenden, und er darf auch eine Hauptrolle spielen, denn er bewegt in unserem Leben von Fall zu Fall verdammt viel und macht uns mindestens so glücklich wie unglücklich. Die Frage ist nur, wie er das in einem Roman tut. Und da dürfte interessanter sein, was sich hinter unserem Begehren verbirgt, als ausgerechnet die Phänomenologie von Körperstellungen – oder hat da jemand Nachhilfebedarf?

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Köstlich amüsiert trotz großer Schwächen

Ich habe wirklich nichts gegen dicke Bücher, im Gegenteil, ich liebe die literarische Herausforderung. Allerdings sollte der*die Autor*in mir vermitteln, warum so viele Seiten nötig sind. Viele Einfälle und eine nicht versiegende Erinnerung sind nicht die überzeugendsten Argumente. Bei Sigrid Nunez fand ich dazu einen passenden Gedanken: Die literarischen Kurzformen (Gedichte und Erzählungen) seien schwieriger als die nicht enden wollenden Geschichten. "In fast jedem langen Buch", zitiert Nunez einen Kritiker, "sehe ich ein kurzes, das sich vor der Arbeit drückt."

Apropos, sich vor der Arbeit drücken: Der Roman hätte mehr Einsatz des Lektorats vertragen. So wird ein mit Wasser gefüllter Plastikbecher auf der nächsten Seite materialverwandelt zum Wasserglas. Und die Fahrt zu dem Londoner Stadtteil Peckham wird beim Umblättern zu dem völlig unbekannten "Pelham". Das nur am Rande, und was nicht heißen soll, dass ich mich beim Lesen nicht auch köstlich amüsiert habe, dafür sorgt auf jeden Fall der unbestechliche Witz der Autorin.

Infos zum Buch

Lauren John Joseph: Wo wir uns berühren. Roman. Aus dem britischen Englisch von Nikolaus Stingl. 464 Seiten. dtv Verlagsgesellschaft. München 2024. Gebundene Ausgabe: 25 € (ISBN: 978-3-423-28359-5). E-Book: 19,99 € (ISBN: 978-3-423-44266-4).

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