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Iran: Die Willkür ist Teil des Systems
"Irdische Verse" ist ein Film, den man so schnell nicht vergisst. Die satirische Komödie von Ali Asgari und Alireza Khatami macht die ideologische Enge in Teherans Behörden sichtbar, ist dabei humorvoll und beklemmend zugleich.

Die Protagonist*innen bilden einen Querschnitt der iranischen Gesellschaft (Bild: Neue Visionen)
- Von Bo Wehrheim
11. April 2024, 05:34h 3 Min.
Der Film "Irdische Verse" gibt einen Einblick in die Behörden, Büros und Amtsstuben Teherans. In unterschiedlichen Szenarien sehen wir Menschen, die mit der Willkür des iranischen Regimes konfrontiert werden. Da ist der Vater, der den Geburtsnamen seines Kindes – David – eintragen lassen will. Doch der Beamte findet, der Name passe nicht zum Kulturkreis. In einem aberwitzigen Dialog will er den Vater davon überzeugen, den Jungen stattdessen Gholam-Hossein zu nennen.
Die Regisseure Ali Asgari und Alireza Khatami zeigen in neun Sequenzen satirisch, aber treffend den Alltag im heutigen Iran. Zusammen bilden die Protagonist*innen einen Querschnitt der iranischen Gesellschaft: Hier die vollverschleierte Erstklässlerin, die im traditionellen Gewand zur Verpflichtungszeremonie muss. Dort der arbeitslose Bauarbeiter, der im Bewerbungsgespräch unter Druck gesetzt wird, seine Frömmigkeit zu beweisen.
Zeugnis der iranischen Gegenwart

Poster zum Film: "Irdische Verse" startet am 11. April 2024 im Kino
Sie alle stehen einem Beamten, einer Direktorin oder einem Chef gegenüber, von der*m sie abhängig sind. Doch die statische Kamera ist so positioniert, dass die Autorität nie zu sehen ist. Die Willkür ist Teil des Systems und lässt sich nicht an einzelnen Personen festmachen.
Die ungewöhnliche Erzählart des Films basiert auf einer persischen Gedichtform, die Debatte genannt wird. In der Debatte tauschen zwei Personen ihre Ansichten über moralische, politische oder religiöse Fragen aus, wobei in der Regel eine dritte Partei zwischen ihnen urteilt.
"Die Welt, in der wir leben, ist nicht die Zeit für Kino. Es ist die Zeit, um Zeugnis abzulegen. Schau dich um: Die Welt brennt an jeder Ecke", sagt Regisseur Alireza Khatami gegenüber "titel thesen temperamente".
"Irdische Verse" ist tatsächlich Zeugnis der iranischen Gegenwart und ein Film, den man so schnell nicht vergisst. Er macht die ideologische Enge in den Behörden sichtbar, ist dabei humorvoll und beklemmend zugleich.
"Wenn es wie im Film ist, muss es ein Film sein"
"Bei jeder Verhandlung eines Individuums mit einem Machtsystem geht es immer im Kern um Widerstand", sagt Khatami gegenüber der ARD, und das ist die andere Botschaft des Films: Die Betroffenen nehmen die Gängelung, das Eindringen in die Privatsphäre und die Beliebigkeit der Bürokratie nicht einfach hin. Sie stellen kritische Fragen, widersprechen falschen Behauptungen und beharren auf ihren Anliegen.
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In einer Szene bemüht sich ein Regisseur um die Drehgenehmigung für seinen neuen Film. Doch der Zensor hat viel auszusetzen und der Mann muss stapelweise Seiten aus seinem Skript reißen. Am Ende bleibt vom Drehbuch nichts mehr übrig. Eine ähnliche Situation hat Regisseur Alireza Khatami selbst erlebt. Als er seinem Co-Regisseur Ali Asgari davon erzählte, sagte der: "Das ist wie im Film! Wenn es wie im Film ist, muss es ein Film sein".
Bei der Premiere auf den Filmfestpielen in Cannes im Mai 2023 kam "Irdische Verse" gut an – beim iranischen Regime eher nicht: Als Asgari nach der Premiere in den Iran zurückkehrte, beschlagnahmten die Behörden seinen Pass, und er durfte acht Monate nicht reisen. "Mittlerweile ist es für mich wieder besser geworden", erklärte er im April 2024 gegenüber der ARD, "bis zum nächsten Film, versteht sich".
Irdische Verse. Satire. Iran 2024. Regie: Ali Asgari, Alireza Khatami. Cast: Majid Salehi, Gohar Kheyrandish, Farzin Mohades, Sadaf Asgari, Hossein Soleymani. Laufzeit: 77 Minuten. Sprache: deutsche Synchronfassung. FSK 6. Verleih: Neue Visionen. Kinostart: 11. April 2024
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