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Düsterer, anders queer, aber ebenso brillant: "Ripley"

Die neue Netflix-Adaptation von Patricia Highsmiths Psychothriller "The Talented Mr. Ripley", fällt gegenüber der großartigen Minghella-Verfilmung von vor 25 Jahren nicht ab – im Gegenteil.


Von der Mühsal, das perfekte Verbrechen zu begehen: Andrew Scott als Tom Ripley in "Ripley" (Bild: Netflix)

Es braucht ein gesundes Selbstbewusstsein, eine Geschichte neu zu adaptieren, von der es bereits einen so exzellenten Film gibt wie Anthony Minghellas "The Talented Mr. Ripley" von 1999, mit Matt Damon, Jude Law und Gwyneth Paltrow in den Hauptrollen. Zum Glück hat sich Autor und Regisseur Steven Zaillian davon nicht abschrecken lassen. Sein "Ripley" erzählt ein Vierteljahrhundert später an sich die gleiche Geschichte, tut dies aber ganz anders – auch weil er sich fast viermal so viel Zeit nehmen kann wie einst Minghella, aber das ist längst nicht alles.

Da ist zunächst mal der Look: Zaillians Adaption ist ganz in schwarz-weiß gehalten, jede Kameraeinstellung stilvoll komponiert, die überbordende Opulenz italienischer Architektur, Kunst und Naturschönheiten gezielt, aber diskret in Szene gesetzt. "Ripley" ist geradezu ein Fest fürs Auge.

Erhebliche Differenzen zwischen Minghella und Zaillian

Hinzu kommen die Charaktere: Matt Damons Ripley ist bei Minghella eigentlich ein sympathischer Kerl. Er tötet entweder aus verletzten Gefühlen im Affekt oder weil er in die Enge getrieben keinen anderen Ausweg sieht. Andrew Scotts Ripley bei Zaillian hingegen ist ein kühl kalkulierender Killer, ein professioneller Hochstapler, der Gelegenheiten nutzt und sich so schnell nicht aus der Ruhe bringen lässt. Jude Laws Dickie Greenleaf ist bei Minghella ein leidenschaftlicher, charismatischer, endlos charmanter Typ, dem man nur schwer widerstehen kann. Johnny Flynn spielt die gleiche Figur sehr viel zurückhaltender und weniger einnehmend. Gwyneth Paltrows Marge bei Minghella ist warmherzig, sympathisch – und am Ende die Einzige, die Toms Lügen durchschaut. Dakota Fannings Marge steht Tom lange Zeit kühl und misstrauisch gegenüber, aber verfällt am Ende dann doch dessen neu erlangtem Wohlstand.

Subtiler Humor

Am Überraschendsten ist wohl der unterschwellig-subtile Humor der Neuadaption: Ripleys Genervtheit darüber, schon wieder endlos irgendwelche Treppen hochlaufen zu müssen; der italienische Kommissar mit seinen limitierten Englischkenntnissen; die Katze von Ripleys Vermieterin in Rom, die interessiert alles mitverfolgt; vor allem aber auch die erheblichen Anstrengungen Ripleys, um nach den Morden seine Spuren zu verwischen, wofür es jeweils mehrere Anläufe braucht.

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Viele Filme und Serien fokussieren auf die eigentliche Tat, hier hingegen verfolgen wir ausführlich Ripleys Mühsal mit, die Toten so zu beseitigen, dass ihm niemand auf die Schliche kommen kann. Nach dem Mord an Dickie in einem Boot auf dem offenen Meer ertrinkt er fast aus Versehen. Und als er dann endlich die Leiche erfolgreich versenkt hat, erweist sich die Beseitigung des kleinen Motorboots als äußerst herausfordernd, will sich das Ding doch partout nicht abfackeln lassen.

Weniger schwul, aber durchaus queer

Während Minghellas Ripley offensichtlich in Dickie verliebt ist (und später noch in einen anderen Mann) und diesen vor allem wegen verletzter und unerwiderter Gefühle umbringt, tötet Zaillians Ripley, weil er eine Gelegenheit sieht, auf diese Weise an Dickies Geld und Identität zu kommen. Zwar nutzt er später clever den Verdacht anderer, die beiden könnten Liebhaber sein, um seine Ziele zu erreichen. Aber ob er tatsächlich in Dickie verliebt war, sich generell für Männer interessiert oder überhaupt zu romantischen Gefühlen fähig ist – das bleibt alles letztlich unklar.

Hingegen ist die Serie in anderer Hinsicht ziemlich queer: Da ist zunächst mal der offen schwule Hauptdarsteller Andrew Scott ("All of us Strangers"), außerdem wird Dickies arroganter Freund Freddy Miles von Eliot Sumner verkörpert (nichtbinäres Kind von Sting) – und hat einen Liebhaber, gespielt von Louis Hofmann ("Die Mitte der Welt") in einem Mini-Auftritt. Hinzu kommt die Offenheit, mit der Toms oder Dickies mögliche Homosexualität von anderen Figuren thematisiert wird, in einer gemeinsamen Szene sogar von ihnen selbst: Beide streiten ab, schwul zu sein.

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Näher an Highsmiths Roman

Mit dieser Interpretation von Ripley ist Zaillian deutlich näher an Patricia Highsmiths Romanvorlage als an Minghellas Film, was für die Serienadaption insgesamt gilt. Die lesbische Krimiautorin hat übrigens stets abgestritten, dass Tom Ripley schwul ist, in späteren Romanen war er sogar mit einer Frau verheiratet. Sie wehrte sich aber nicht dagegen, wenn dies von anderen anders interpretiert wurde.

Highsmith starb 1995 und erlebte schon Minghellas Film nicht mehr. Aber angesichts der Tatsache, dass Film- oder Serienadaptionen von guten Büchern oft nicht wirklich überzeugen, kann sie sich zumindest posthum glücklich schätzen: Es gibt nun zwei herausragende Versionen ihres Romans für den Bildschirm. Man kann nur hoffen, dass Steven Zaillian und Andrew Scott hier nicht aufhören, sondern sich bald an die Umsetzung der weiteren Ripley-Geschichten machen. Beide haben sich diesbezüglich interessiert geäußert – allerdings nach einer gewissen Pause.

-w-