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Roman

Mehr als eine queere Inselromanze

Die Liebe geht nicht nur durch den Magen, sondern durch alle Poren. Nachdem Marlene aus Kristin Höllers Debütroman "Leute von früher" sich in Janne verliebt, beginnt sie plötzlich zu fühlen.


Symbolbild: Leuchtturm auf Pellworm, dem Westteil der ehemaligen Insel Strand (Bild: Joachim Müllerchen / wikipedia)
  • Von Lorina Speder
    13. April 2024, 10:34h 3 Min.

Die anfangs noch kalte und abgebrühte Protagonistin fängt in den ersten Kapiteln ihren Saison-Job auf der fiktiv wieder ins Leben gerufenen Insel Strand im nordfriesischen Wattenmeer an. In dem Erlebnisdorf, das von einem Unternehmer aufgebaut wurde und das Dorfleben vor über 100 Jahren imitieren soll, arbeitet sie in altertümlichem Kostüm samt Haube und Kleid als Verkäuferin. In einem Kramladen bedient sie Tourist*innen, die Souvenirs wie Honig oder Marmelade bei ihr kaufen. Dabei nimmt Marlene ihren Körper in der ersten Hälfte des Romans kaum wahr. Lange Arbeitszeiten, Durst oder Hunger werden ignoriert, Sex oder ihre Periode werden einfach so hingenommen.

Vieles scheint wahllos im Leben der Studentin, deren Umfeld meint, sie sollte sich einen richtigen Job suchen. Zum Beispiel weiß sie auch nicht wirklich, warum sie auf eine Insel flieht und die ganze Saison dort verbringt. Es scheint, dass Marlenes Leben so ist, weil es halt so gekommen ist. Darunter zählt auch, dass sie sich zu Beginn des Romans in einer hoffnungslosen Situationship mit einem Hamburger befindet, den sie ab und zu für Sex trifft.

Eine emotionale lesbische Liebe


"Leute von früher" erscheint am 15. April 2024 im Suhrkamp Verlag

In ihrem Debütroman "Leute von früher" (Amazon-Affiliate-Link ) beschreibt Kristin Höller ihre Protagonistin anfangs distanziert und objektiv, was zum Gefühl von Marlene passt. Vieles ist beobachtend geschildert und der eigenen Beurteilung ausgesetzt. Die Dialoge mit ihren Kolleg*­innen auf der Insel sind in der ersten Hälfte des Romans ebenso knapp und kommen kalt herüber, was dazu beiträgt, dass sich dieser Teil des Romans etwas hinzieht.

Als dann aber Janne auftaucht, die auf der Insel aufgewachsen ist und in dem Fischladen nebenan arbeitet, nimmt der Text an Fahrt auf. Merlene fühlt sich sofort von ihr angezogen, und die beiden lernen sich langsam in Jannes kurzen Raucherpausen am Fenster kennen. Bevor Marlene für einen Geburtstag nach Hamburg fährt, fragt Janne sie endlich, ob sie bald zusammen bei ihr essen. Die Aussicht, Zeit allein mit Janne zu verbringen, stiftet emotionales Chaos bei Marlene. So wird ihr Ausflug aufs Festland zu einem einschneidenden Erlebnis, inklusive dem Abschluss ihrer Affäre mit Paul, den sie nach dem routinierten Sex fast fluchtartig verlässt und nachts bedröppelt durch die Straßen Hamburgs läuft. Zurück auf Strand ist Marlene voll von ihrer Romanze mit Janne eingenommen. Sie schwebt auf Wolke sieben, lernt ihren Körper mit ihrer Geliebten neu kennen und glüht förmlich vor Liebe.

Das Geheimnis der Inselbewohner*innen

Doch Höller baut in ihren Text immer wieder kleine Details ein, die einen rätseln lassen. Die Inselbewohner*innen inklusive Janne scheinen ein Geheimnis zu hüten. Was hinter den künstlichen Kulissen auf der Insel wirklich passiert, beschäftigt auch Marlene mehr und mehr. Besonders, nachdem sie von sexuellem Missbrauch an einer Kollegin erfährt oder nach einer Zeltübernachtung den geöffneten Reisverschluss ihres Schlafortes bemerkt. Und dann ist da noch der Besitzer des Dorfs, den man nie sieht.

Durch die immer komplexer werdende Liebesgeschichte zwischen Marlene und Janne sowie dem nahenden Ende der Saison schafft Höller es, gen Ende Spannung zu vermitteln. Während Marlene ihre Umgebung vermehrt anders wahrnimmt, stellt die Autorin bald die anfangs noch romantische Idee des Insellebens infrage und macht aus dem Roman eine spannende, vielschichtige Erzählung.

Infos zum Buch

Kristin Höller: Leute von früher. Roman. 316 Seiten. Suhrkamp Verlag. Frankfurt 2024. Gebundene Ausgabe: 22 € (ISBN 978-3-518-47400-6). E-Book: 18,99 €

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