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Roman
Eine queere sizilianische Tragödie
Adriano Sack, Redakteur der "Welt am Sonntag", erzählt mit seinem Debütroman "Noto" eine hinreißende Geschichte von einem schwulen Paar aus Berlin. Es geht um ihre Liebe, den Tod und die Wahlheimat Sizilien.

Blick in die Kuppel der Unesco-Kathedrale von Noto. Nachdem sie 1996 aufgrund von Materialermüdung eingestürzt war, wurde beim Wiederaufbau 2009 für die Ausmalung der russische Künstler Oleg Supereco beauftragt (Bild: Axel Krämer)
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14. April 2024, 04:00h 8 Min.
Bislang lief es ganz gut im Leben von Konrad. Vor zwölf Jahren hat er in Berlin den Mann seines Lebens kennengelernt. Sie zählen sich beide zu den "mittelgut Verdienenden aus der Kreativbranche", erwerben gemeinsam ein Grundstück auf Sizilien und bauen darauf ein Haus, das ihnen im Lauf der Zeit zur Heimat wird: "Der Ort unseres Lebens und unserer Liebe."
Doch dann passiert das Unfassbare: Adriano stirbt bei einem tragischen Unfall. Nach dem ersten Schock wechselt Konrads Zustand in den Funktionsmodus. Dann kommt die Dunkelheit, "grau wie eine Regenwolke, die man durchfliegt" und die ihm "jede Orientierung und jeden Halt" raubt. Eine "lähmende Lebensmüdigkeit" legt sich über ihn, und alles, was ihn bis dahin angetrieben hatte, erscheint ihm von da an, "fad und zäh. Wie ein Kaugummi, sobald man das Aroma rausgekaut hat."
Mit Adrianos Asche nach Sizilien
Wie soll es für ihn weitergehen? Was soll mit dem gemeinsamen Haus geschehen, das voller Erinnerungen steckt? Zum Glück reißt ihn seine beste Freundin Jenny aus der Erstarrung. Von Konrads und Adrianos Leidenschaft angesteckt, hatte sie vor Jahren mit ihrem Partner Johannes ebenfalls ein Haus in der Umgebung der sizilianischen Stadt Noto gebaut, just auf dem Nachbargrundstück. Dort warten die beiden nun mit ihren Kindern auf Konrad, der sich mit Adrianos Asche im Gepäck von Berlin aus auf den Weg macht — um sich über seine eigene Zukunft klar zu werden.
An diesem Punkt setzt der Roman ein: aus der Erzählperspektive Konrads, der mit seinem Hund auf der Fähre von Civitavecchia nach Palermo übersetzt. In der Haustierkabine fällt ihm die schwarze Wunde am fehlenden Auge eines Pferdes auf, von der er seinen Blick nicht lassen kann. Die eigene Verwundung hingegen, sein eigener blinder Fleck – darüber wird sich Konrad erst nach und nach gewahr. "Adrianos Asche war noch nicht kalt, und alle wollten meinen Plan für mein neues Leben hören", sagt er kurze Zeit später. "Ich glaube, ich bin nach Noto gekommen, um einen zu finden. Und ich will Adrianos Asche beisetzen. Ich weiß nur noch nicht, wo."
Tiefsinnige Geschichte um Liebe und Tod

Adriano Sacks Roman "Noto" ist Ende Februar 2024 bei Nagel & Kimche erschienen
"Noto" (Amazon-Affiliate-Link ) nennt sich die prächtige Barockstadt im Südosten Siziliens, die der Geschichte ihren Titel verleiht, und Adriano heißt nicht nur der tödlich verunglückte Moderedakteur und Lebensgefährte des Ich-Erzählers Konrad, sondern auch der Autor des Buches – es ist das Romandebüt von Adriano Sack, Journalist und Leiter des Ressorts "Stil und Reise" der "Welt am Sonntag". Von ihm ist bekannt, dass er seit Jahren zwischen Berlin und Italien pendelt, und wer seine Hundekolumne verfolgt, ist längst mit dem Mischling Jack vertraut. Dieser spielt auch in dem Roman eine Rolle: "Seine Ohren sind weich wie die eines Welpen. 'Million Dollar Ears' hat Adriano sie immer genannt und konnte nicht aufhören, sie zu streicheln."
Inwiefern der Autor in seinem Buch die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verwischt, spielt jedoch keine Rolle. Denn Adriano Sack erzählt mit "Noto" eine hinreißende wie auch tiefsinnige Geschichte um Liebe und Tod, und nur darauf kommt es an. Manchmal neigt er dabei zum Skurrilen, wobei er uns jeglichen Anflug von Kitsch und Rührseligkeit erspart – nicht aber den mitfühlenden Schmerz, der sich beim Lesen unweigerlich einstellt. Dieser überträgt sich in kleinen, fast unmerklichen Dosen, die erst spät ihre Wirkung entfalten. Zunächst scheint es so, als dominierten Leichtigkeit und Witz die Geschichte, kombiniert mit einer Unterweisung in den Lebensstil deutscher Expats, die längst einen Teil von Sizilien für sich in Besitz genommen haben.
Dass wir zunächst auf einen Umweg geschickt werden, erklärt sich aus der Ausgangssituation, in der sich der Protagonist befindet: Die "Ausweichbewegungen der Seele" für die Bewältigung seines Schicksalsschlags brauchen ihre eigene Zeit. "Weil mich das leere Haus so leer macht, wende ich mich der Banalität des Alltags zu" – so versucht sich Konrad seine Lage nach seiner Ankunft in Noto zu erklären. Und darum vermittelt der Autor über eine lange Strecke hinweg zunächst mal den Anschein, als würde er lediglich einen Unterhaltungsroman zum Besten geben, wenngleich lehrreich und auf sprachlich hohem Niveau.
Gwyneth Paltrow im Wald begegnet
Zu den skurrilen Vorkommnissen zählt etwa jenes, bei dem Konrad auf einer Wanderung Gwyneth Paltrow im Wald begegnet. Ein Kapitel wiederum sticht mit einer vom eigentlichen Handlungsstrang losgelösten Geschichte innerhalb des Romans hervor. Es ist ein satirisch angehauchtes, äußerst authentisch anmutendes und in jedem Fall erhellendes Gentrifizierungs-Drama, das sich in einem bis dahin noch weitgehend unbeachteten Tal Siziliens abspielt und von den Interessenkonflikten auf dem Immobilienmarkt erzählt.
Der Höhepunkt, auf den alles zusteuert, ist jedoch die Episode, in dem die Heirat der jungen CDU-Politikerin Annabelle von Gumpenberg mit der Schriftstellerin Tabassom Osman im Palazzo Falconeri gefeiert wird. Das Fest gilt als "das gesellschaftlichen Ereignis des Jahres" – zumindest für die Expat-Bubble vor Ort: ein High-Society-Event mit lesbisch-migrantisch-konservativem Hintergrund, das im Hinblick auf die Handlung zunächst nur als konstruiertes Spektakel um des Spektakels willen daher kommen mag. Doch spätestens jetzt spürt man, dass einem viele der Figuren des Romans berührend nahe gekommen sind, ohne dass es bislang groß aufgefallen wäre – allen voran der Protagonist. Als sich Konrad mit Jennys Familie auf den Weg zur Hochzeit macht, kreuzt ein Leichenwagen mit Blaskapelle ihren Weg. "Eine deprimierend kleine Traube von Menschen in Schwarz läuft hinterher, die meisten diskret mit ihren Handys beschäftigt, andere von Tränen geschüttelt." Kaum hat man sich über die pointierte Beschreibung der Szene amüsiert, wird Konrads verstorbener Lebensgefährte in Erinnerung gerufen, und eine unsichtbare Schlinge zieht sich um den Hals: "So eine Blaskapelle hat sich Adriano immer für unsere sizilianische Hochzeit gewünscht. Um die Stimmung im Auto nicht zu verderben, sage ich nichts und starre aus dem Fenster."
In seinem Erzählfluss lässt Adriano Sack den toten Adriano nicht nur in Rückblicken zu Wort kommen, sondern auch im Hier und Jetzt, über die gesamte Geschichte hinweg – als innere Stimme Konrads, der sich in verschiedenen Situationen vorstellt, was sein Geliebter ihm just in diesem Augenblick mitteilen würde. Als bei einem Abendessen ein transfeindlicher Witz erzählt wird, hört er Adriano sagen: "Du musst Dir das nicht anhören, Süßer. Jeder würde verstehen, wenn Du jetzt einfach verschwindest."
Die Gleichzeitigkeit von Elend und Pracht

Autor Adriano Sack (Bild: José Cuevas)
Es ist eine große Stärke des Romans, all seine Figuren bereits nach wenigen Worten lebendig werden zu lassen. Auch Loki und Skadi, die beiden Patenkinder von Konrad, zeichnen sich rasch als unverwechselbare Persönlichkeiten ab und hinterlassen darüber hinaus einen Eindruck von der Zärtlichkeit, die ihnen der Autor entgegenbringt. Viele Szenen werden nur angedeutet oder skizziert. Dennoch entwickeln sie eine unerwartete Kraft und versetzen uns nicht nur in Konrads Situation, sondern fügen sich zu einem facettenreichen Memento mori zusammen – und zu einem Panorama der Insel, die wie kaum ein anderer Ort für das Nebeneinander von Leben und Tod steht. Adriano Sack findet dafür in seiner Sprache ausdrucksstarke Bilder. Diese leiten sich ab aus den mythologischen Ursprüngen der Region, aus dem Fluch und Segen des Ätnas, aber auch aus populären Sizilien-Klischees, die in Inszenierungen von Dolce & Gabbana oder in der Serie "White Lotus" ihren Widerhall finden. "Diese Gleichzeitigkeit von Elend und Pracht ist vermutlich das, was Sizilien so unwiderstehlich macht", lautet eine Erkenntnis von Konrad. "Diese Insel erinnert einen permanent daran, dass es kein Paradies gibt."
Der Autor spart nicht mit kenntnisreichen Andeutungen, seien diese nun kulinarischer, popkultureller oder kunsthistorischer Art. Er verzichtet dabei auf ausschweifende Erläuterungen und überlässt uns selbst, mehr über das Weingut der Winzerin Arianna Ochipinti, das ikonische Pool-Foto von Faye Dunaway oder Andrea Palladio herauszufinden. Letzteres war der bedeutendste Baumeister der Renaissance, der mit seiner Architektur vor allem norditalienische Städte prägte – und mit der Baugeschichte Siziliens so rein gar nichts am Hut hat. Doch weil der Name bei einer auf Prestige bedachten Klientel die Ohren klingeln lässt, möchte ein Investor auf einem Grundstück gleich drei Villen im Palladio-Stil errichten – ein Beispiel für eine der dezenten Anspielungen im Roman, bei denen das Lesevergnügen durch Hintergrundwissen noch gesteigert wird. Auch wenn es sich dabei um Nebensächlichkeiten wie dem Geltungsdrang des europäischen Geldadels handelt, der allerdings im Immobilienpoker Siziliens eine nicht unerhebliche Rolle spielen dürfte.
Eine spezifisch queere Geschichte
Im Verlagstext erfährt man, dass Adriano Sack mit "Noto" eine "hoffentlich universelle Liebesgeschichte" erzählen möchte. Das ist ihm zweifellos geglückt. Nebenbei erzählt er jedoch auch eine spezifisch queere Geschichte, bei der sich Konrad unter Drogen auf einen One-Night-Stand mit Adrianos früherem Mitbewohner Santi einlässt – der ihn eigentlich in Sizilien besuchen kommt, um ihm in seiner Lebenskrise freundschaftlich beizustehen. Daraus entwickelt sich ein komplexes Beziehungsgeflecht, zu dem sich noch andere Personen gesellen und das bis zum Schluss die Spannung aufrecht erhält.
Zudem wird deutlich, dass im Milieu der Kreativen, in dem sich Konrad bewegt, bei aller vorgeblichen Progressivität noch längst nicht sämtliche Vorurteile gegenüber Queerness der Vergangenheit angehören. Und auch das gelingt Adriano Sack in subtilen Hinweisen, die durch ihre Zurückhaltung eine umso stärkere Wucht entfalten. Als Konrads Chefin Katharina das zum Verkauf stehende Haus von ihm und Adriano besichtigt, sagt sie: "Total eigener Style. Dafür habt ihr einfach ein Händchen. Dein Mann überrascht mich selbst nach seinem Tod noch." Gleich darauf äußert sie ihr Befremden darüber, dass die beiden nicht verheiratet waren – ohne sich danach zu erkundigen, ob das möglicherweise geplant war. "Ich habe mich immer gefragt, warum wir die Homo-Ehe eingeführt haben, wenn ihr dann doch alle nicht wollt."
Am Ende des Buches hat Adriano Sack eine Literaturliste angefügt. Sie enthält nicht nur Empfehlungen für Goethes "Italienische Reise" von 1786 oder René Königs literarische Sizilien-Studie von 1950, sondern auch Hinweise auf Musik von Prince, David Bowie und Beyoncé. Gerade so, als würde einen der Roman an sich nicht ohnehin noch lange beschäftigen.
Adriano Sack: Noto. Roman. 336 Seiten. Nagel & Kimche. Zürich 2024. Gebundene Ausgabe: 24 € (ISBN 978-3-31201-314-2). E-Book: 17,99 €
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