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"Machtmissbrauch"

Schweiz: Leiter von queerem Jugendtreff sollen Sex mit Minderjährigen gehabt haben

Queere Organisationen in der Schweiz zeigen sich empört über einen Missbrauchsskandal in einem ostschweizerischen Jugendtreff.


Der Fall könnte bald ein Gericht beschäftigen (Bild: Tim Reckmann / flickr)

  • 16. April 2024, 09:01h 3 Min.

Zwei Leiter des queeren Jugendzentrums Sozialwerk.LGBT+ mit Anlaufstellen in den ostschweizerischen Städten Chur und Buchs sollen nach Recherchen der Mediengruppe Tamedia (Bezahlartikel) ihre Machtposition missbraucht und Sex mit Jugendlichen gehabt haben. Demnach soll ein Vorstandsmitglied Mitte 40 mit zwei 17-Jährigen intim geworden sein. Mit seinem ungefähr gleichaltrigen Ehemann, der ebenfalls in der Führung des Vereins aktiv war, soll er eine Dreierbeziehung mit einem der Minderjährigen geführt haben.

Zwar liegt das Schutzalter in der Schweiz bei 16 Jahren, allerdings können – ähnlich wie in Deutschland – sexuelle Handlungen an Jugendlichen bis 18 Jahre strafbar sein, wenn die minderjährige Person zur anderen Person in einem Abhängigkeitsverhältnis steht. Die Staatsanwaltschaft St. Gallen führe laut dem Bericht derzeit Ermittlungen wegen des "Verdachts auf strafbare Handlungen gegen die sexuelle Integrität" gegen die zwei Beschuldigten.

Dem Tamedia-Bericht zufolge lägen mehrere SMS, E-Mails und Sprachnachrichten vor, die die Beziehung bestätigten. Einer der betroffenen Jugendlichen sei Alexander (Name geändert) gewesen, der in seinem Heimatdorf wegen seiner sexuellen Orientierung gemobbt worden war. Im Jugendtreff habe er erstmals Anschluss gefunden, was aber bald zu intimen Kontakten mit dem Leiter geführt habe. Dieser habe in einer Sprachnachricht auch zum Ausnutzen seiner Machtposition Stellung genommen.

Er habe wörtlich gesagt: "Die Gefühle sind real. Alex tut mir sehr gut, Alex sagt, ich tue ihm sehr gut. Ob diese Machtposition jetzt da ist, das muss schlussendlich Alex beurteilen. Schlussendlich sind junge Menschen auch in der Lage, eigenverantwortliche Entscheide zu treffen. Und wenn diese dann nicht die richtigen sind, dann ist das halt so, das gehört zum Lernen dazu."

Alexander sei später auch zu den beiden Männer gezogen. In einem öffentlichen Eintrag in sozialen Medien habe er danach erklärt, dass er "in einer toxischen, polyamourösen Beziehung" lebe, die ihn sehr belaste. "[Das Vorstandsmitglied] wollte, dass wir ein polyamores Paar werden, und ich sagte 'Okay', denn ich war bereit, alles zu tun, nur um mit ihm zusammen zu sein. Und das, obwohl ich seinen Mann nicht mal mag." Die Dreier-Beziehung führte demnach zu heftigen Kontroversen im Vorstand des Jugendtreffs. Schließlich zeigte ein Ex-Vorstandsmitglied die beiden Männer an. Sie wollten sich gegenüber "Tamedia" nicht zu den Vorwürfen äußern.

Queere Dachorganisationen sind empört

Scharfe Kritik an den beiden Leitern kommt von schweizerischen LGBTI-Dachverbänden. "Jugendliche, welche sich ihrer sexuellen Orientierung nicht sicher sind oder noch nicht den Mut gefunden haben, sich zu outen, sind besonders vulnerabel. Es schockiert mich, wie schamlos die beiden Verantwortlichen des Sozialwerk.LGBT+ diese Situation ausgenutzt haben", erklärte Roman Heggli von der schwulen Organisation Pink Cross. "Die Beratung und Unterstützung von queeren Jugendlichen benötigt besondere Empathie und Professionalität – hier fehlte offensichtlich beides." Allesandra Widmer von der Lesbenorganisation Schweiz (LOS) ergänzte: "Ein Machtmissbrauch von diesem Ausmaß muss weitreichende Konsequenzen haben."

Sandro Niederer vom Transgender Network Switzerland (TSN) äußerte zudem die Befürchtung, dass als Folge des Skandals die "negativen Effekte […] für alle queeren Organisationen und Aktivist*innen spürbar sein" würden. Daher riefen alle drei LGBTI-Verbände dazu auf, den Vorfall sorgfältig nachzubearbeiten. Sie beabsichtigten außerdem, demnächst "Guidelines" (Richtlinien) für queere Jugendorganisationen zu veröffentlichen.

Die queeren Jugendtreffs sind inzwischen geschlossen, so dass queere Jugendliche in der Region keinen Anlaufort mehr haben. "Infolge personellen Engpasses fallen die Jugend- und Erwachsenenangebote bis auf weiteres aus", heißt es auf der Website des Vereins. (cw)

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