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Neuer Essay-Band

Susan Sontag, die feministische Nicht-Feministin

Unter dem Titel "Über Frauen" sind knapp 50 Jahre alte Essays der bisexuellen Intellektuellen Susan Sontag erstmals auf Deutsch erschienen. Sie sind nicht nur zeitlos elegant, sondern bereichern auch heutige Debatten.


Susan Sontag (1933-2004), porträtiert von Juan Bastos (Bild: wikipedia)

Simone de Beauvoir, Hannah Arendt, Marie Curie – und Susan Sontag als selbstverständliche Ergänzung in dieser Reihe Ausnahme-Frauen, Jahrhundertdenkerinnen, Revolutionärinnen des Geistes. Das ist zwar durchaus auch ein posthumes Urteil von außen, aber entspricht ebenso Sontags ganz eigenem Selbstverständnis. Und beweist ihr teils als maßlos empfundenes Selbstbewusstsein.

Was diese drei Frauen, genau wie sie selbst, ihrer Meinung nach beweisen: Hervorragend ausgebildete Frauen können schon seit eineinhalb Jahrhunderten in Westeuropa und den USA bedeutende Positionen einnehmen, die Forschung voranbringen, Diskurse prägen.

Sontag, mit 19 Mutter und alleinerziehend

Susan Sontag, zweifellos eine der wichtigsten und zugleich streitbarsten intellektuellen Stimmen des vergangenen Jahrhunderts, urteilt daher: Der Feminismus setzt sich für durchschnittlich begabte Frauen ein. Der Unterschied der Geschlechter bestehe nämlich darin: Mittelmäßige Männer könnten wichtige gesellschaftliche und politische Positionen einnehmen, während ähnlichen Frauen dies verwehrt sei. Diese Ungerechtigkeit müsse beendet werden. So schildert es Daniel Schreiber in seiner hervorragenden Sontag-Biografie "Geist und Glamour".

Doch Susan Sontag war feministischer, als diese snobistische Haltung vermuten ließe. Sie, 1933 geboren und 2004 verstorben, kannte die Benachteiligungen, unter denen Frauen litten und leiden. Sie wurde mit 19 Mutter, war alleinerziehend und behauptete sich in der männerdominierten intellektuellen und universitären Welt.

Sontag schrieb lieber über Männer als Frauen


Der Essay-Band "Über Frauen" ist am 15. April 2024 im Hanser Verlag erschienen

Sontags einflussreiche, weitsichtige, pointierte Essays wie "Anmerkungen zu 'Camp'", "Aids und seine Metaphern" oder "Über Fotografie" werden noch immer begeistert von Geisteswissenschafts-Studierenden gelesen. Für eine feministische Haltung ist sie weniger bekannt, schrieb sie doch auch eher über Männer wie den Schauspieler Antonin Artaud, die Philosophen Roland Barthes und Walter Benjamin oder den Schriftsteller Elias Canetti.

Was Sontag nun über den Feminismus, über Frauen, über Schönheit, über Gleichberechtigung dachte, zeigen die sieben Texte des Bandes "Über Frauen" (Amazon-Affiliate-Link ). Bis auf einen erscheinen alle zum ersten Mal auf Deutsch, präzise übersetzt von Kathrin Razum. Die Texte können das vielleicht etwas einseitige, zumindest aber unvollständige Bild Sontags zurechtrücken.

Sontag wollte nicht die lesbische Autorin sein

Dafür ist sie aber zu einem guten Teil auch selbst verantwortlich: Sie wollte nicht als feministische Autorin gelten, und als lesbische schon gar nicht. Obwohl vielfach von der schwul-lesbischen Community gefordert, outete sie sich erst 2000 als bisexuell, wenige Jahre vor ihrem Tod.

Die jahrelange Beziehung zur Fotografin Annie Leibovitz war in New York zwar ein offenes Geheimnis, Sontag machte sie aber nie offiziell. Ein Label hätte ihr Werk verengt, sie wollte sich nicht vereinnahmen lassen, sondern von einem breiten Publikum gelesen werden.

"Ich war schon immer Feministin"

Und so überrascht es vielleicht, wenn Sontag im Text "Die Dritte Welt der Frauen" schreibt: "Ich würde mich niemals als emanzipierte Frau beschreiben. So einfach liegen die Dinge nicht. Aber ich war schon immer Feministin."

Darin vergleicht sie die feministische Bewegung mit der, die sich für die Abschaffung der Sklaverei einsetzte. Die Ungleichbehandlung von Frauen bezeichnet sie als "älteste Form der Unterdrückung, eine, die es schon lange vor der Unterdrückung aufgrund von Klasse, Kaste oder Ethnie gab."

In dem Text von 1973 ist sie vom Erfolg des Feminismus überzeugt. Auf der Höhe der zweiten Welle der Frauenbewegung ist sie optimistisch, aus heutiger Sicht fast schon naiv: In 20 Jahren, schreibt Sontag, würden Frauen gleichen Lohn für gleiche Arbeit erhalten. Und dank Verhütungsmitteln und legalisierter Abtreibung "frei über ihren Körper verfügen können". Ein Blick in ihr Geburtsland, die Vereinigten Staaten, kann als deutliche Mahnung verstanden werden, gerade auch für alle anderen marginalisierten Gruppen: Alles Erreichte ist brüchig.


Susan Sontag im Jahr 1979 (Bild: Lynn Gilbert / wikipedia)

Frauen sollen "in ansehnlicher Zahl zu militanten Lesben werden"

Ihre Forderungen, unter anderem: Karate lernen, Schönheitssalons überfallen, eigene und kostenlose Psychiatrien und Abtreibungskliniken betreiben, feministische Scheidungsberatung anbieten, "in ansehnlicher Zahl zu militanten Lesben werden". Das sind erstaunlich radikale Ideen dafür, dass Sontag nur ein Jahr später dem Feminismus später vorwarf, "ein bisschen schlicht" und antiintellektuell zu sein.

Daneben finden sich in dem Band ein längerer und zwei kürzere Texte zum Thema Schönheit und Alter: Die Autorin argumentiert darin, im für sie so typisch klugen wie pointierten Stil, dass es für Frauen eine "Nervenprobe" sei, ihr Alter zu nennen. Denn während männliche Kompetenz mit dem Alter wächst, schwinde die weibliche.

Kapitalismuskritik an der Schönheitsindustrie

Viele Beobachtungen sind (bedauerlicherweise) nach wie vor gültig: Dass Frauen mit jüngeren Partnern mehr Skepsis entgegengebracht wird als andersherum. Dass Mädchen dazu erzogen werden, in krankhaftem Maße auf ihr Aussehen zu achten. Dass davon vor allem die Schönheitsindustrie profitiert.

Im 1972 erschienenen Text "Zweierlei Maß. Altern ist nicht gleich Altern" stellt Sontag fest, dass das Gesicht eines Mannes als etwas definiert sei, "woran er nicht herumbessern muss". Dies revidiert sie drei Jahre später in "Schönheit. Wie wird sie sich als nächstes verwandeln?": Die männliche Schönheit habe sich an die Öffentlichkeit gewagt, zumindest unter jüngeren Männern.

Schönheits-Mythos schadet auch Männern

Soweit, so richtig. Ein Prozess, der unzweifelhaft bis heute anhält. Ihre optimistische Schlussfolgerung jedoch, dass der Mythos der Schönheit dadurch weniger reaktionär und "damit weniger schädlich für die Frauen" werde, lässt sich aus heutiger Sicht kaum teilen, aller Body Positivity zum Trotz.

Diversität ist zwar in, sie existiert aber nur parallel zu althergebrachten Schönheitsidealen. Und die treffen heute auch Männer. 2021 gab es in Deutschland doppelt so viele Schönheits-OPs wie noch zehn Jahre zuvor. Im Sinne Sontags weniger schädlich für Frauen werde der Schönheits-Mythos also allerhöchstens dadurch, dass er inzwischen auch Männern schadet.

Gegen die Verklärung von Leni Riefenstahl

Sontags Essay "Faszinierender Faschismus" ist der einzige in "Über Frauen", der bereits auf Deutsch vorlag. Daniel Schreiber zählt ihn zu "einem der herausragendsten Essays ihrer Karriere", der Text machte die "New York Review of Books" im Februar 1975 zur bis dahin meistverkauften Ausgabe.

Heute womöglich wenig nachvollziehbar, doch Anfang der 1970er Jahre erlebte die Nazipropaganda-Regisseurin Leni Riefenstahl von Teilen der feministischen und cineastischen Community eine Rehabilitierung.

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"Jeder Satz sprühte von kaltblütiger Wut förmlich"

Hier wird deutlich, dass die Kulturanalyse Susan Sontags Steckenpferd bleibt: Sie argumentiert treffsicher und schlüssig, dass Riefenstahl zwar die "interessanteste, begabteste und erfolgreichste Künstlerin der Nazi-Zeit" war. Ihr Werk jedoch, insbesondere auch der 1973 erschienene Fotoband über die sudanesischen Nuba, sei eindeutig von faschistischen Ideen und Ästhetiken geprägt.

"Über Frauen" enthält dann einen Leserinnenbrief der Dichterin Adrienne Rich, die den Riefenstahl-Text deutlich kritisiert und von Sontag ein stärkeres Bekenntnis zum Feminismus fordert. Sontag antwortet, "jeder Satz sprühte von kaltblütiger Wut förmlich", wie Daniel Schreiber treffend feststellt.

Ihre Texte sind erschreckend aktuell

Obwohl "Faszinierender Faschismus" dank seiner klugen Analyse noch immer interessant zu lesen ist, ist es mindestens genauso spannend nachvollziehen zu können, was der Text ausgelöst hat. Auch im letzten Text, einem Interview mit dem Magazin "Salmagundi", spricht Sontag über Riefenstahl, aber auch über sexuelles Begehren und die Rolle der Pornografie.

Sind die Texte nun "aktueller denn je", wie der Klappentext etwas erwartbar und formelhaft ankündigt? Wohl kaum. Stattdessen sind sie, und das ist eigentlich die viel wichtigere Feststellung, überraschend – und erschreckend – aktuell.

Die Texte in "Über Frauen" bestätigen an vielen Punkten das Bild Sontags. Sie erweitern es aber auch deutlich. Und sie beweisen, dass ihre knapp 50 Jahre alten Essays nicht nur zeitlos elegant sind, sondern auch heutige Debatten bereichern.

Infos zum Text

Susan Sontag: Über Frauen. 208 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Kathrin Razum. Hanser Verlag. München 2024. Hardcover:23 € (ISBN 978-3-446-27482-2). E-Book: 16,99 €

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