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Neu bei Rowohlt

Schwul, depressiv, süchtig: Klaus Mann, der ewig Getriebene

Thomas Medicus hat eine monumentale Biografie über den ältesten Sohn Thomas Manns geschrieben. Über ein Leben zwischen homosexuellem Begehren, Drogenexzessen und einer omnipräsenten Todessehnsucht.


Klaus Mann (1906-1949) nahm sich im Alter von 42 Jahren in Cannes das Leben (Bild: Annemarie Schwarzenbach / wikipedia)

Ein Nebensatz in einem Buch. Klaus Mann: Sohn von Thomas Mann. Ein Name ohne eigenen Inhalt. Das war nicht das, was von ihm übrig bleiben sollte. "Ich möchte so gerne berühmt werden", schreibt er als Jugendlicher in sein Tagebuch. Ein Wunsch, den er schon früh fasste. Schauspieler, Dichter, no matter what – Hauptsache einfach berühmt sein.

Schwul, depressiv, drogensüchtig, stets im Schatten seines Vaters stehend, voller Todessehnsucht und ein Leben lang mit dem virulenten Wunsch, nicht aufwachen zu wollen in einer realen Welt, sondern Traumzustände vorziehend – Zuschreibungen über Klaus Mann gibt es genug, viele sind hinreichend bekannt. Doch wie fügen sie sich ein in die Biografie eines Mannes, der schon als Kind zu einem Zeitzeugen großer geschichtlicher Ereignisse des 20. Jahrhunderts geworden ist?

Der Journalist und Autor Thomas Medicus nimmt sich in "Klaus Mann. Ein Leben" auf mehr als 500 Seiten Raum, um seine monumentale Biografie über Klaus Mann auszubreiten. Mit feiner Präzision, überbordendem Wissen und einer fundierten Einordnung in familiäre und gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge zeichnet er das Bild eines Mannes, dessen unklarer Suizid Anlass gibt, das Rätsel seiner Existenz lösen zu wollen.

Ein Mensch voller Todessehnsucht


Die Biografie "Klaus Mann. Ein Leben" ist am 16. April 2024 bei Rowohlt Berlin erschienen

Medicus beginnt seine chronologische Biografie nicht mit der Geburt Klaus Manns 1906 in München, sondern stellt dessen letzte Phase seines Lebens, die in seinem Tod in Cannes mündet, in einem Prolog voran. Dass Klaus Mann stets penibel Tagebuch führte, ermöglicht eine umfassende, aber auch stark subjektiv geprägte Rekonstruktion seines Lebens. Gerade deshalb bezieht Medicus andere Quellen mit ein und verweist auf Dokumentationen, Briefe und die zahlreichen autobiografisch geprägten, literarischen Werke.

Gestorben ist Klaus Mann schließlich mit gerade einmal 42 Jahren an einer Überdosis Schlaftabletten in einer Klinik, wo er zum Entzug war. Ohnehin sei er immer ein Mensch voller Todessehnsucht gewesen. Wiederkehrende Suizidgedanken trieben ihn vor sich her. Sein jüngerer Bruder Golo Mann teilte in seinen "Erinnerungen an meinen Bruder Klaus" diesen Eindruck: "Die Neigung zum Tod war in ihm gewesen von Anfang an, er hatte nie alt werden können oder wollen."

Bereits im Kindesalter war Klaus Mann mit dem drohenden Tod konfrontiert und sprang diesem nochmal gerade so von der Schippe: In Folge eines Blinddarmdurchbruchs und anschließender langwieriger Komplikationen wäre er 1915 fast gestorben. Die traumatische Krankheitserfahrung des aufgerissenen Leibes (er musste wieder und wieder operiert werden) blieb ein Leben lang an ihm haften.

Erste homo­erotische Regungen zu Schulzeiten

Allgemein ist im Zusammenhang mit seiner Kindheit viel von Angst die Rede. Dabei wuchs er zunächst in begüterten wie privilegierten Verhältnissen auf. Das wichtigste intrafamiliäre Verhältnis hatte er qua seiner Geburt zu seiner nur ein Jahr älteren Schwester Erika, mit der er über weite Strecken seines Lebens unzertrennlich war. Erste homo­erotische Regungen zeigten sich bereits zu Schulzeiten. Der in der Schule als Außenseiter geltende Klaus Mann flüchtete sich früh in exzessives Schreiben und Lesen, die aufkeimenden Einsamkeitsgefühle sollten ein ständiger Wegbegleiter werden.

Durch Medicus faktenreiche Ausführungen und die Einbeziehung der Perspektiven weiterer Protagonist*innen, die in Klaus Manns Leben gewirkt haben, sowie der gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen und Krisenjahre entsteht ein breites Panoramabild, das auch ein Stück deutsche Geschichte erzählt. Und es wird der Vielfältigkeit seiner Persönlichkeit gerecht: als Sohn eines berühmten Vaters, politischer Akteur, Journalist, Autor, Schauspieler, Dandy, prägende Figur der schwulen Gemeinschaft, Drogenabhängiger und ewiger Melancholiker, der den Tod stets herbeigesehnt hat. Ein getriebener Mensch, der viel reiste, um seinen inneren Dämonen zu entkommen: "Auf keinen Fall zur Ruhe, zur Besinnung kommen, kein Stillstand, lautete die Regel."

Dass die spannungsgeladene Vater-Sohn-Beziehung, auf die Klaus Manns innere Konflikte oftmals reduziert werden, nur als ein Puzzlestück verstanden werden müssen, zeigt Medicus begründungsreich auf und erhebt dessen gesamte Biografie zu einer gehaltvollen Lebens-, und ja auch Leidensgeschichte, die es lohnt, neu entdeckt zu werden.

Infos zum Buch

Thomas Medicus: Klaus Mann. Ein Leben. 544 Seiten. Rowohlt Berlin. Berlin 2024. Gebundene Ausgabe: 28 € (ISBN 978-3-7371-0154-7). E-Book: 22,99 €

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