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Interview

Wie dreht man einen Film über Cancel Culture?

Mit antisemitischen und rassistischen Pöbeleien im Suff sorgte John Galliano 2011 für Entsetzen. Wir sprachen mit Kevin Macdonald, der unter dem Titel "High & Low" einen Film über den schwulen Modedesigner gedreht hat.


John Galliano im Dokumentarfilm "High & Low" (Bild: MUBI)

Geschichten über die Modewelt erfreuen sich ungebrochener Beliebtheit. Nach Serien über Balenciaga oder Dior und Chanel kommt demnächst Daniel Brühl als Karl Lagerfeld auf die Bildschirme, doch auch Dokumentarfilme locken Zuschauer*innen in Scharen an. Die Supermodels der 1990er Jahren und die Redaktion der "Vogue" wurden bereits von Filmemacher*innen in den Fokus genommen, ganz zu schweigen natürlich von Design-Ikonen wie Alexander McQueen, Vivienne Westwood, Dries van Noten, Jean-Paul Gaultier, Halston oder Martin Margiela.

Nun ist in "High & Low – John Galliano" (seit 26. April 2024 beim Streamingdienst MUBI) einer der erfolgreichsten und Aufsehen erregendsten Modedesigner der zurückliegenden 30 Jahre dran. Im Film von Kevin Macdonald ("Der Mauretanier") kommen nicht nur Anna Wintour, Charlize Theron, Naomi Campbell oder Gallianos Lebensgefährte Alex Roche zu Wort, sondern natürlich auch der umstrittene schwule Designer selbst, der 2011 nach antisemitischen Ausfällen nicht nur zu einer Geldstrafe verurteilt wurde, sondern auch seinen Job bei Dior verlor. Wir haben uns mit dem schottischen Regisseur darüber unterhalten, wie er sich seinem Protagonisten und dessen von Höhen und Tiefen gezeichneter Geschichte angenähert hat.


Regisseur Kevin MacDonald (Bild: MUBI)

Mr. Macdonald, lassen Sie uns mal mit einer ganz allgemeinen Frage beginnen: Wie erklären Sie sich das riesige Interesse, das wir dieser der Modebranche und ihren Designer*­innen entgegenbringen, was zu einer Flut von Filmen und Serien über das Thema geführt hat?

Von außen betrachtet ist diese Welt einfach sehr exotisch und sonderbar, die Designer*­innen erscheinen als Figuren überlebensgroß, genau wie die Dramen und Konflikte, die sich da abspielen. Für filmische Geschichten, egal ob fiktionalisiert oder dokumentarisch, ist das ein Geschenk. Johns Geschichte hat mich besonders gereizt, schon allein, weil er eine sehr interessante Persönlichkeit ist und in seinem Leben schon ziemlich viel durchgemacht hat. Nicht zuletzt natürlich die Ereignisse damals in der Pariser Bar La Perle und alles, was nach der Veröffentlichung des Videos von jenem Abend folgte. Das ist eine sehr komplexe Geschichte, in der es nicht nur Schwarz und Weiß gibt. Wie gemacht für mich, denn schlichte Helden- und Erfolgsgeschichten langweilen mich.

Es war also der Skandal von 2011, der Sie hauptsächlich interessierte?

Das nicht, aber seinen Anfang nahm "High & Low – John Galliano" damit, dass ich begann, mich mit dem Phänomen Cancel Culture zu beschäftigen. Während des Corona-Lockdowns las ich so viel über Menschen, die "gecancelt" wurden – und begann zu überlegen, wie man darüber einen Film drehen könnte. Doch die meisten Menschen, denen das erst kürzlich passierte, wollen darüber noch nicht sprechen. Denen fehlt der Abstand, um ehrlich zu sein, auch weil sie alle noch um Wiedergutmachung kämpfen. Irgendwann schlug mir jemand John Galliano vor. Darauf bin ich angesprungen. Aber am Ende ist es nun ein Film geworden, der sich vor allem mit diesem Mann und seine Biografie sowie mit der Mode allgemein beschäftigt. Cancel Culture ist jetzt nur noch ein kleiner Teil des Ganzen.

Kann man überhaupt von Cancel Culture sprechen, wenn der Mann – nach einer kurzen Pause natürlich – längst wieder erfolgreich als Designer arbeitet? Oder anders gefragt: Hätte sich seine Karriere auch so schnell erholt, wenn die La-Perle-Episode zehn Jahre später passiert wäre?

Das Interessanteste an der Cancel Culture ist natürlich die Frage, wie man überhaupt Vergebung erlangen kann und wie man einen solchen Cancel-Moment überwindet und hinter sich lässt. Heutzutage sind wir definitiv weniger nachsichtig und versöhnlich als vor zehn Jahren. Gleichzeitig gibt es heute deutlich bessere Krisen-PR, habe ich den Eindruck. Man hat gelernt, wie wirkungsvoll eine perfekte Entschuldigung sein kann. Aber auch sonst hat sich viel geändert. Damals war Johns extravagantes, manchmal wirklich schlechtes Benehmen ein Teil dessen, was ihn so erfolgreich machte. Er galt ein bisschen gefährlich und definitiv schwierig, was ihn umso mehr als Genie wirken ließ. Heute würde man das anders sehen und so nicht mehr akzeptieren, denke ich. Allerdings ist es auch nicht so, dass John völlig ungeschoren davongekommen wäre. Es gibt bis heute nicht wenige Menschen, die weiterhin nichts mit ihm zu tun haben wollen.

Sie haben in der Vergangenheit auch schon Dokumentarfilme über Bob Marley oder Whitney Houston gedreht. Verkompliziert es die Sache, wenn die Person, von der Sie erzählen, noch lebt und natürlich mit Ihnen kooperieren muss?

Vor allem finde ich es sehr viel interessanter, wenn man mit einem noch lebenden Menschen zusammenarbeitet. Auch der andere Ansatz kann spannend sein, gerade bei jemandem wie Bob Marley, von dem es ganz wenige eigene Aussagen und Interviews gab, so dass ich versuchen musste, ihm mittels vieler anderer Menschen nahezukommen. Doch es ist natürlich dankbarer, jemanden wie John Galliano zu haben, zu dem ich eine Beziehung aufbauen und direkte Fragen stellen kann, weil er mir großzügigerweise sehr viel seiner Zeit zur Verfügung stellte. So konnte ich sehr viel tiefer in seine Psyche und seine Gedanken und viel gründlicher versuchen, ihn tatsächlich zu verstehen.

Besteht nicht gleichzeitig die Gefahr, dass man zu unkritisch und lobhudelnd wird, um die Person, die einem gegenübersitzt, nicht zu verärgern?

Ich bin ein so neugieriger Mensch, dass ich mir gar nicht vorstellen kann, nicht immer noch weiter nachzubohren. Außerdem sagte John von Beginn an, dass ich ihn alles fragen darf und kein Thema tabu ist. Seine einzige Bitte war, den Film nicht düster und trostlos enden zu lassen. Ihm war es wichtig, anderen Menschen, die mit Suchtproblemen ringen, zu zeigen, dass es Hoffnung gibt und man trotzdem irgendwann ein gutes Leben führen kann.

Gab es trotzdem während des Drehs mal Momente, wo Sie das Gefühl hatten, eine Grenze zu überschreiten und Galliano womöglich zu verärgern?

Nein, vor allem wenn es um die Ereignisse von 2011 ging. Ich habe mich nie selbst zensiert, in vorauseilendem Gehorsam oder so. Und er war auch immer bereit, über alles zu sprechen, an das er sich erinnerte. Es gab nur einen Punkt, wo wir an eine Grenze stießen. Als es um das Verhältnis zu seinem Vater ging und die emotionalen wie physischen Misshandlungen, die er da erlebt hat, konnte John irgendwann nicht weitersprechen. Das war zu schwierig für ihn, auch heute noch. Deswegen habe ich da irgendwann nicht weitergefragt. Davon abgesehen herrschte in unseren Gesprächen aber wirklich immer komplette Offenheit.

Infos zum Film

High & Low – John Galliano. Dokumentarfilm. Großbritannien, USA 2023. Regie: Kevin Macdonald. Mitwirkende: Naomi Campbell, Kate Moss, Penelope Cruz, Charlize Theron, Anna Wintour, Edward Enninful, Boris Cyrulnik, Hamish Bowles, Sidney Toledano. Laufzeit: 117 Minuten. Sprache: englische Originalfassung. Untertitel: Deutsch (optional). FSK 12. Seit 26. April 2024 bei MUBI
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