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Interview

Trans Musicaldarstellerin AMY: "Wir werden unsichtbar gehalten!"

AMY ist eine der wenigen offen lebenden trans Musicaldarsteller*innen in Deutschland, ab Oktober ist sie als Helena im Stück "Ein wenig Farbe" zu sehen. Wir sprachen mit ihr über mangelnde Sichtbarkeit und das neue Projekt.


AMY spielte bereits in Stücken wie "The Rocky Horror Show" und "Hedwig and the Angry Inch" mit (Bild: Rachel Fichtner)

Im März hat die Musikalische Komödie Leipzig bekannt gegeben, dass das queere Kammermusical "Ein wenig Farbe" von Rory Six am 25. Oktober 2024 Premiere in der MuKo feiern wird (queer.de berichtete). Mit der Künstlerin AMY wird die Rolle der Helena erstmals von einer trans Musicaldarstellerin verkörpert.

AMY, die auch als Sängerin und Schauspielerin tätig ist, durfte bereits in einigen Stücken wie "The Rocky Horror Show" und "Hedwig and the Angry Inch" mitspielen, weiß aber gleichzeitig auch um die Ablehnung, mit der viele trans Menschen ihrer Branche zu kämpfen haben.

Im Rahmen ihrer neuen Rolle sprach queer.de mit ihr über ihren Werdegang, ihr bevorstehendes Musical-Projekt und ihre Zukunftspläne.

AMY, du gehörst zu den ersten trans Musicaldarsteller*innen im deutschsprachigen Raum. Stimmt dich dies eher stolz oder traurig?

Ich denke, es ist eine Mischung aus beidem. Zum einen sehe ich mich in einer Art Vorreiter*innenposition. Im englischsprachigen Raum ist das Thema trans Darsteller*innen auf den Theaterbühnen schon längst angekommen, hier ist es immer noch etwas Besonderes und extrem Seltenes. Ich kämpfe für Diversität und Sichtbarkeit auf deutschsprachigen Bühnen, so gut ich kann. Ich freue mich, dass sich ein Theater wie die MuKo endlich traut, mich als trans Frau in einer großen weiblichen Hauptrolle zu besetzen.

Wie könntest du dir erklären, dass es bisher noch nicht so viele trans Musicaldarsteller*innen hierzulande gibt?

Ich sage mal so, vielleicht gibt es mehr als wir wissen, aber sie sind nicht offen in der Musicalszene geoutet. Die Angst, keine oder nicht mehr genug Jobs zu bekommen, ist hoch. Wir werden von Regisseur*innen, Theaterleitenden, von Verlagen und Musiktheater-Autor*innen unsichtbar gehalten. In der Oper gibt es schon einige trans Personen, die auch Rollen spielen, deren Geschlecht sie sich definieren, im Musical nicht! Das Musical ist im deutschsprachigen Raum so schubladisiert und engstirnig, dass viele Theater vielleicht Angst davor haben, ihre Abonnent*innen zu verlieren, gerade in einer Zeit, in der der Rechtsdruck und der Hass auf trans und queere Personen wieder ansteigt. Ich freue mich über jede Möglichkeit, meiner Community ein Gesicht zu geben und zu zeigen: Wir sind hier! Wir können was!

Von 2013 bis 2017 hast du eine Ausbildung an der Akademie für Darstellende Kunst in Ulm absolviert – also nicht allzu weit vom vermeintlich konservativen Bayern entfernt. Wie hast du die Menschen dort in Bezug aufs Thema LGBTI erlebt?

Meine Zeit an der Schauspielschule hat mich eigentlich erst in die queere Szene so richtig eingeführt. Ich habe sehr früh, mit 17, die Ausbildung begonnen, und für mich war das alles eine ganz andere und weit entfernte Welt, bis ich die Schauspielschule begonnen habe. Ich habe dadurch sehr schnell herausgefunden, dass das meine Welt ist, meine Community und bin in der Zeit eigentlich selten auf Ablehnung gestoßen.

Hattest du das Gefühl, dass dir deine Transgeschlechtlichkeit im Berufsleben schon mal im Wege stand?

Ja! Ständig! Jobs als cis Person zu bekommen, ist schwierig. Jobs als cis Frau zu bekommen, noch schwieriger. Jobs als trans Frau zu bekommen, super schwierig bis unmöglich! Das kann unterschiedliche Gründe haben – zum einen die Stimmlage. Zum Beispiel ist es natürlich mit mehr Arbeit verbunden, einen Score, der für eine Mezzo-Stimme geschrieben wurde, plötzlich auf eine Tenorstimme umzuschreiben. Die Arbeit möchte sich natürlich im Theater niemand machen, wenn sie es auch einfacher haben können und eine cis Frau casten. Wir stehen alle für diesen einen Job Schlange, da reicht ein Fingerschnipp, und jemand unterschreibt. Theaterleitenden fehlt oft auch die Phantasie, um tatsächlich zu erkennen, dass wir als trans Personen durchaus in der Lage sind, unser Geschlecht, als welches wir uns definieren, nein: als das was wir sind, zu verkörpern. Ich bin eine Frau, dann kann ich auch Frauenrollen spielen. Ich habe Glück, in meiner beruflichen Laufbahn viele Menschen kennengelernt zu haben, die mir und meinen Fähigkeiten vertrauen und mir dadurch die Chance geben, mich zu zeigen.


AMY: "Die Musicalszene an sich thematisiert Transgeschlechtlichkeit eigentlich gar nicht" (Bild: Rachel Fichtner)

Ab Ende Oktober wirst du im Musical "Ein wenig Farbe" von Rory Six als erste trans Frau die Rolle der Helena verkörpern, die ebenfalls trans ist. Wie viele Parallelen konntest du zu deiner Rolle bereits feststellen?

Viele Aspekte von Helenas Geschichte sind, glaube ich, eins zu eins auf viele trans Personen übertragbar. Outing, Ablehnung von Freund*innen, Kolleg*innen im Beruf, der Gang zum*zur Psychiater*in, das Erstellenlassen von Gutachten, all das sind nur einige Dinge von Erfahrungen, die wir meistens alle teilen. Helena ist eine sehr sensible Figur, ich kann mich ihr sehr gut annähern und freue mich wahnsinnig darauf, ihr ein Gesicht geben zu dürfen.

Findest du, dass das Musical Transgeschlechtlichkeit authentisch thematisiert – oder gibt es vielleicht auch noch "Schraubstellen", die du dir für die Zukunft anders wünschen würdest?

Die Musicalszene an sich thematisiert Transgeschlechtlichkeit eigentlich gar nicht. "Ein wenig Farbe" und "Hedwig and the Angry Inch" sind die einzigen Stücke, die mir einfallen, die an das Thema wirklich ernsthaft herangehen. "Ein wenig Farbe" hat sich sehr sensibel mit dem Thema auseinandergesetzt, hat merklich aber dann doch schon ein paar Jährchen auf dem Buckel, was in der Schnelle der Entwicklung, vor allem in der Sprache, zu dem Thema merklich zu spüren ist.

Hat man bei etwaigen Musicalproduktionen manchmal nicht Angst, dass in erster Linie Besuchende kommen, die sich ohnehin für Geschichten wie diese interessieren – und Menschen, die mehr darüber erfahren sollten, gar nicht erst kommen?

Ja. Aber ich denke, das betrifft jedes Stück, dass nicht auf große kommerzielle Masse ausgelegt ist. Die Kunst liegt darin, das Publikum mit gutem Marketing neugierig auf solche Geschichten zu machen. Das konnten wir mit "Hedwig and the Angry Inch", was ich seit 2022 spiele, auch machen. Es kamen Leute, die vorher nichts mit der Thematik Transgender zu tun hatten, und sie haben mir im Feedback sehr oft mitgeben, dass sie ganz viel mit nach Hause nehmen konnten.

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Warum lohnt es sich in jedem Fall, "Ein wenig Farbe" zu besuchen?

Mir ist es wichtig, dass Menschen aus diesem Abend herausgehen und sich dem Thema noch etwas mehr und offener zuwenden konnten. Das besondere an dieser Inszenierung von "Ein wenig Farbe" ist eben die Besetzung mit mir als trans Frau. Dadurch bekommt das Publikum (hoffentlich) einen viel ehrlicheren und persönlicheren Zugang zu der Thematik, als wenn es (wie leider, in meinen Augen, auf diskriminierende Weise) mit cis Männern besetzt wird. In erster Linie ist es eine ganz berührende Geschichte einer Frau, die zu sich selbst findet. Diese Reise zu sich selbst steht für mich als Darstellerin mehr im Vordergrund als die Rahmenhandlung, dass Helena bald eine geschlechtsangleichende OP haben wird. Wir erzählen die Reise einer Frau auf dem Weg zu ihrem waren Ich, wie sie Widrigkeiten trotzt und wie die Beziehungen um sie herum aufblühen, zerbrechen, sich neu erfinden.

In welchen Musicals würdest du in Zukunft gerne einmal mitspielen – und warum?

Ich würde so gerne Mrs. Danvers in "Rebecca" spielen. Warum? Weil der Tiefgang, die Entwicklung der Rolle mich wahnsinnig reizt!

Wenn du deinem eigenen Leben einen Musicaltitel geben solltest, wie würde dieser lauten?

"Internationally ignored Diva"

-w-