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3.000 Seiten HisStory
"Capri" ist Geschichte – und lebt jetzt online weiter
Seit einigen Wochen ist "Capri – Zeitschrift für schwule Geschichte" online verfügbar – einschließlich der Möglichkeit einer Volltextsuche. Ein großer Gewinn für die schwule Geschichtsforschung.

"Capri" – optisch zwischen Schüler*innenzeitung und wissenschaftlicher Zeitschrift changierend, dazwischen immer wieder unfreiwillig komische Geschichten über die Insel Capri (Mitte)
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28. April 2024, 12:21h 6 Min.
Mehr als drei Jahrzehnte lang erschien in Berlin "Capri – Zeitschrift für schwule Geschichte" (1987-2019). Weit über die Funktion eines Mitteilungsblatts für die "Freunde eines schwulen Museums", als das sie gegründet wurde, hinaus war sie eine Publikationsplattform für Aufsätze, Quellenfundstücke, Rezensionen und Übersetzungen aus dem Bereich der Geschichte der männlichen Homosexualität. Eine Fundgrube, die nun allen zur Verfügung steht. Hier ist der Link zur Online-Edition (PDF-Scan auf der rechten Seite oben unter "Volltext/Datei(en)").
Die Online-Edition
Initiator*innen und Herausgeber*innen der Online-Edition sind die Bamberger Historiker*innen Klaus van Eickels und Christine van Eickels. Schon im Anschluss an das Inhaltsverzeichnis zu Beginn des Scans weisen sie auf den manchmal infantilen Humor des Capri-Herausgebers Manfred Herzer hin, der zu einer populärwissenschaftlichen Zeitschrift so gar nicht zu passen scheint. So wird zum Beispiel als Druckort die "TUNIX-GmbH" in "Neu-Amsterdam-Posemuckel" genannt oder der Untertitel in "Zeitschrift für schwüle Gerüchte" oder "Zentralorgan für historische Schwulologie" abgewandelt (S. 6).
Dann folgt ein Vorwort (S. 7), in dem u. a. darauf hingewiesen wird, dass sich die Verteilung "auf den Versand an die Mitglieder des Vereins (beschränkte), ohne dass Anstrengungen unternommen worden wären, über diesen Kreis hinaus Abonnenten zu gewinnen". Hier möchte ich den Herausgeber*innen ein wenig widersprechen, weil sich insbesondere die schwulen Buchläden beim Vertrieb der Zeitschrift immer recht engagiert gezeigt haben. Aber auch in den schwulen Buchläden hat man immer gemerkt, dass die Zeitschrift zu kämpfen hatte. Ein Nischenprodukt innerhalb der Nische der schwulen Buchläden.
Es ist sehr gut, dass die beiden Herausgeber*innen Klaus van Eickels und Christine van Eickels der Online-Ausgabe eine "Vorstellung der Zeitschrift und editorische Vorbemerkung" (S. 9-20) voranstellen, etwas, das bei vielen ähnlichen Online-Angeboten fehlt. Die Bedeutung der Zeitschrift, die optisch einer Schüler*innenzeitung nicht immer unähnlich sah, wäre ansonsten schlecht vermittelbar.
Capri und die wilden Orgien
Die schöne Idee, eine schwule Geschichtszeitschrift nach der italienischen Insel Capri zu benennen, hätte auch von mir stammen können. Aufgrund der Straflosigkeit homosexueller Handlungen in Italien war diese Insel für viele Schwule im 19. und 20. Jahrhundert Asyl, Zufluchtsort und eine Art schwules Sansibar.
Ich möchte nur zwei Beispiele von vielen erwähnen: Noch vor einigen Monaten bin ich hier auf queer.de auf den französischen Autor Jacques d'Adelswärd-Fersen eingegangen, der vor einer Strafverfolgung nach Capri floh. Nach seinem Tod am 5. November 1923 erschienen mehrere Presseartikel mit Überschriften wie "Orgien auf Capri" ("Neues 8 Uhr-Blatt", 15. Dezember 1923) und "Das Märchenschloß der Anormalen auf Capri" ("Neues Wiener Tagblatt", 16. Dezember 1923). In diesen Artikeln wurde auch an den Fall des deutschen Großindustriellen Friedrich Alfred Krupp erinnert, der 1902 im Zusammenhang mit einem Homosexuellenskandal auf Capri starb. Der Krupp-Skandal wird manchmal auch mit "Krupp auf Capri" umschrieben – nach der Überschrift eines Artikels in der SPD-Zeitung "Vorwärts", die mit diesem Artikel den Skandal auslöste. Der Name "Capri" steht für vieles, was schwule Geschichte ausmacht: nicht nur für Verfolgung, Flucht und Schutz, sondern auch für Gerüchte über wilde schwule Orgien.

Capri ist eine Insel, die auch wegen der Straflosigkeit von Homosexualität in Italien mit schwulen Orgien assoziiert wurde
Alte Schule und alte Schwule
Hatte sich die Zeitschrift – die hauptsächlich von Manfred Herzer verantwortet wurde – zum Zeitpunkt ihrer Einstellung überlebt? Die nie geänderte Bezeichnung im Untertitel "schwule Geschichte" zeugt nicht gerade von einem Entgegenkommen gegenüber all den Menschen, die lesbisch oder queer sind, oder von einem Versuch, sich dem wandelnden Zeitgeist der Community und seinem Sprachgebrauch irgendwie anzupassen. Wer ab den Neunzigerjahren geboren wurde und sich als queer, aber eben nicht unbedingt als schwul versteht, wurde auch vom Inhalt der Zeitschrift "Capri" nur wenig angesprochen. Den nie aufgegebenen eigenen Kurs Manfred Herzers, den man auch als "Alte Schule" eines früh homosexuell sozialisierten Mannes bezeichnen kann, finde ich ausdrücklich gut, was wohl auch an meinem mittlerweile fortgeschrittenen Lebensalter liegt.
Am Ende des vorigen Jahrtausends wünschten sich einige eine Professionalisierung und breitere Aufstellung von "Capri". Dazu ist es nicht gekommen, aber seit 1999 erscheint "Invertito. Jahrbuch für die Geschichte der Homosexualitäten". Schon an dem irgendwie irritierenden Plural im Untertitel merkt man, dass hier ein neuer Wind weht. Es gibt eine erkennbar breitere Aufstellung bei den Themen und damit auch beim anvisierten Lesepublikum. Es ist ein wissenschaftliches Jahrbuch – ganz ohne den Humor und den Charme des Selbstkopierten und Handgeschriebenen von "Capri". Wäre die Geschichte etwas anders verlaufen und wäre es zu einer Fusion gekommen, gäbe es heute vielleicht das Jahrbuch "Capri. Jahrbuch für die Geschichte der Homosexualitäten".

Schwule Geschichte, die mit "Invertito" (seit 1999) anders erzählt wird
Einzelne Nachteile der Suche
Die Online-Ausgabe ist ein großes Verdienst der Uni Bamberg, obgleich mich der Internet-Auftritt nicht in allen Punkten überzeugen kann. Um die mehr als 3.000 Seiten der einzelnen Hefte mit einem Klick durchsuchbar zu machen, wurde es als notwendig angesehen, aus ihnen eine einzige PDF-Datei zu gestalten. Es gibt Rechner (wie meinen), die zum Aufbau dieser Seite mit dem 1,3 GB großen Dokument bis zu zwölf Minuten benötigen. Auch die Gesamtzahl der Treffer wird mitunter erst nach einigen Minuten angezeigt.
Gut ist aber, dass gesuchte Wörter auch dann gefunden werden, wenn die Vorlage recht verschmiert aussieht. Bei der Suche habe ich noch ein kleines Problem gefunden: In der editorischen Vorbemerkung (S. 9-20) verwenden die Herausgeber*innen in den Fußnoten bei den Autor*innennamen sogenannte Kapitälchen, ohne zu berücksichtigen, dass der so hervorgehobene erste Buchstabe eines Namens (bei ansonsten durchgängiger Großschreibung) nicht suchbar ist. Den Hinweis auf einen queer.de-Artikel von mir über Goethe auf S. 11 habe ich nicht unter "Panhuis", sondern nur unter "anhuis" gefunden. Das eigentliche Textkorpus von "Capri" ist zum Glück davon nicht betroffen.
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Resümee
Der Zeitschrift "Capri" trauere ich nach, weil sie mich bei der schwulen Geschichtsforschung immer zuverlässig unterstützt hat. Über mehrere Jahrzehnte habe ich es immer für irgendwie selbstverständlich angesehen, dass es sie gibt – ähnlich wie das "Forum Homosexualität und Literatur" (1987-2007) der Uni Siegen, das ebenfalls über drei Jahrzehnte erschien und dann ebenfalls eingestellt wurde. Alles hat seine Zeit und ist endlich. Eine Online-Ausgabe wie bei "Capri" gibt einem zumindest das Gefühl, dass das jahrzehntelange Engagement von Manfred Herzer digital weiterlebt.
Die Herausgeber*innen hoffen, dass die neue Form der digitalen Zugänglichkeit aller erschienenen "Capri"-Hefte "weitere Forschungen zu Einzelaspekten wie auch zur Geschichte des Publizierens über die Geschichte der Sexualitäten insgesamt anregen wird" (Vorwort, S. 7). Das hoffe ich auch – der Grundstein dafür wurde mit der Digitalisierung gelegt.

"Capri" als Print-Ausgabe ist Geschichte
Links zum Thema:
» Online-Edition von "Capri - Zeitschrift für schwule Geschichte"
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de
















