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Die lesbische Frau, die auf Andy Warhol schoss
Wer war die Attentäterin von Andy Warhol? Eine faszinierende TV-Doku geht den Motiven der radikalfeministischen Schriftstellerin Valerie Solanas auf den Grund, die sich bereits in den 1950er Jahren als lesbisch outete. Ihr "SCUM Manifesto" gilt heute als Kult.

Valerie Solanas bei ihrer Festnahme 1968 (Bild: Bettmann Archives / Arte)
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1. Mai 2024, 03:28h 9 Min.
In Andy Warhols persönlichem Umfeld wussten nahezu alle, dass er schwul war. Doch zu Leibzeiten hatte er nie wirklich ein Coming-out. Ganz anders seine Attentäterin: Valerie Solanas hatte bereits kurz nach Beginn ihres Psychologiestudiums 1954 an der University von Maryland ihr Lesbischsein öffentlich gemacht, lange vor Stonewall und weit entfernt von einer urbanen Subkultur, die ihre Isolation zumindest teilweise hätte kompensieren können. Ihr Coming-out war ein außergewöhnlicher Tabubruch, der für die meisten zu dieser Zeit undenkbar gewesen wäre.
Sowohl Warhol als auch Solanas befanden sich aufgrund ihres Queerseins am gesellschaftlichen Rand. Doch auch wenn beide hochintelligent waren und sich kritisch mit ihrer sozialen Umwelt auseinandersetzten, fielen ihre jeweiligen Erfahrungen gegensätzlich aus. Während Solanas erleben musste, dass sie aufgrund ihres Geschlechts und ihrer Direktheit rasch an die Grenzen des Machbaren stieß und darüber eine immer größer werdende Wut kultivierte, gelang es Warhol, sich als extravaganter und gleichwohl undurchschaubarer Sonderling im Zentrum der New Yorker High Society zu profilieren.
Als Valerie Solanas im Juni 1968 Andy Warhol in seinem Atelier aufsuchte und ihm mit drei Schüssen aus ihrem Revolver beide Lungen, die Leber, die Milz und den Magen zerfetzte, hatte sie sich längst verrannt in ihrem Zorn. Dieser galt längst nicht mehr nur dem Patriarchat, sondern grundsätzlich allen Männern. Dass nun ausgerechnet Andy Warhol dafür herhalten musste, ist von tragischer Ironie. Wie konnte das geschehen?
Der radikalste Text des Feminismus
Valerie Solanas kommt 1962 nach New York, um als Schriftstellerin Karriere zu machen und im Greenwich Village Gleichgesinnte zu finden: "Freaks, Dropouts, Schwule und Lesben – Leute wie ich", vermerkt sie in ihren Aufzeichnungen. Sie bewegt sich knapp am Rande des Existenzminimums; mal lebt sie auf der Straße, mal mietet sie sich im Chelsea Hotel ein, einer Enklave der Großstadt-Bohèmiens. Sie vollendet ein Theaterstück mit dem Titel "Up Your Ass", das ihre eigene Situation als eine von zeitweiliger Obdachlosigkeit betroffene Sexarbeiterin spiegelt. Der Tonfall ihres Dramas ist für damalige Verhältnisse äußerst derb – und teilweise auch humorig. "Alle Wege führen nach Rom", lässt sie ihre Protagonistin in der Verhandlung mit einem Freier sagen, "und alle Nervenstränge eines Mannes führen zu seinem Schwanz". Gleichwohl reflektiert der Text auch ihre Verachtung für das männliche Geschlecht. Nebenbei vollendet Solanas ihr "SCUM Manifesto", das als der radikalste Text des Feminismus in die Geschichte eingehen wird. "SCUM", das könnte als Dreck oder Abschaum verstanden werden, steht hier allerdings als Kürzel für "Society for Cutting Up Men" – später mit "Gesellschaft zur Vernichtung der Männer" ins Deutsche übersetzt. Sie verkauft Kopien davon auf der Straße, zum Preis von einem Dollar für Frauen, zwei für Männer.
Warhol bot Solonas eine Filmrolle an
Solanas sucht den Kontakt zu Warhol, der bereits damals als Superstar der amerikanischen Gegenkultur gilt. Sie hofft, er würde ihr Theaterstück produzieren und übermittelt ihm eine Abschrift von "Up the Ass". Als es zu einer Begegnung kommt, teilt er ihr mit, das Stück sei ihm "zu anstößig". Zudem steht das aktivistische Kunstverständnis, das in Solanas Drama zum Ausdruck kommt, im Kontrast zu Warhols Selbstverständnis als Künstler. Er betrachtet sich selbst als neutralen Beobachter der Welt. Seine Motive sind Popikonen und banale Konsumkultur, umfassen aber auch die dunklen und abgründigen Seiten der Zivilisation, wie etwa die "Car Crashs" oder Serie der "Electric Chairs". Warhol möchte die Gesellschaft nicht belehren, sondern ihr einen Spiegel vorhalten – und sich dabei eine ironische Distanz bewahren. Davon sind Solanas Texte eine Galaxis weit entfernt. Dennoch scheint sie ihn aufgrund ihrer radikalen Ansichten als Person zu faszinieren. Warhol hat stets ein Faible für die Outcasts der Gesellschaft, vor allem, wenn er in ihnen etwas Exzentrisches erkennt, das er für seine Arbeit nutzen kann – und so hält er sie eine Weile hin. Er möchte sie in seinem Film "I, a Man" einsetzen und bietet ihr eine Rolle an, in der sie sich selbst spielen soll. Für die sieben Minuten lange Szene, in der sie einen Dialog mit dem Schauspieler Tom Baker improvisiert, wird Solanas mit 20 Dollar entlohnt.
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So einfach lässt sich Solanas jedoch nicht abspeisen. Sie rückt Warhol erneut auf die Pelle und fordert ihr Manuskript zurück. Doch da stellt sich heraus, dass er es verschludert hat. Ungefähr zur gleichen Zeit muss sie erkennen, dass sie von ihrem Verleger Maurice Girodias mit einem Knebelvertrag getäuscht wurde. All das trägt dazu bei, dass sie innerhalb kurzer Zeit in eine paranoide Gedankenspirale gerät, sich eine Schusswaffe besorgt und kaltblütig zur Tat schreitet.
Gericht erklärt Solonas für unzurechnungsfähig
Nach dem Anschlag gibt sie kühl zu Protokoll, sie bereue lediglich, Andy Warhol nicht getötet zu haben. Dieser überlebt allerdings nur knapp – und erholt sich nie mehr davon, auch wenn er zunächst versucht, den Vorfall für sich zu nutzen: Auf Fotos, die seine Verwundung zeigen, inszeniert er sich als als Christus. Warhol verzichtet auf eine Anzeige, zwanzig Jahre später stirbt er an den Spätfolgen des Attentats. Solanas wird von einem Gericht für unzurechnungsfähig erklärt und erst in die Psychiatrie eingewiesen, bevor sie dort nach einem einjährigen Aufenthalt noch zwei weitere im Gefängnis verbringen muss.
Die Regisseurin Mary Harron hat die komplexe Beziehungsstruktur der beiden 1996 in ihrem Biopic "I shot Andy Warhol" verfilmt, mit einer durch körperliche Präsenz und bezwingender Direktheit beeindruckenden Liliy Taylor in der Rolle der Valerie Solanas. Andy Warhol wird hingegen von Jared Harris als unnahbarer und unverbindlicher Freigeist dargestellt, der sich in seinem Körper nicht wirklich heimisch zu fühlen scheint. Überzeugender hätte man kaum veranschaulichen können, wie mit Solanas und Warhol Welten aufeinanderprallten.
Neue Doku in der Arte-Mediathek
Eine neue TV-Doku taucht nun tief in das Leben Valerie Solanas ein und zeichnet ein vielschichtiges Bild von ihr, von ihrer Kindheit bis zu ihrem tragischen Tod 1987. "Ich schoss auf Andy Warhol – SCUM Manifesto" – so heißt die sehenswerte Dokumentation der französischen Filmemacherin Ovidie, die sich noch bis zum 24. Oktober 2024 in der Arte-Mediathek streamen lässt. Darin wird erzählt, wie Valerie bei ihren Großeltern in Atlantic City aufwächst, wie sie den Schlägen ihres Großvaters trotzt, wie ihr Vater sie bei sonntäglichen Besuchen missbraucht. "Ich habe Sex auf die ekelhafteste Weise kennengelernt, mit einem Mann, der mich eigentlich hätte beschützen sollen", heißt es in ihren Aufzeichnungen. Mit 13 wird sie schwanger und gebiert ihre Tochter in einem Pensionat. Dabei handelt es sich um eine Einrichtung, in dem Teenagermütter während ihrer Schwangerschaft versteckt gehalten und schließlich ihrer Neugeborenen beraubt werden, um den Ruf der Familie zu wahren.
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Valerie lernt, wie sie Sex zu barer Münze machen kann. Als sie im Alter von 15 erneut schwanger wird, verkauft sie das Baby an ein reiches Paar, das keine Kinder haben kann und finanziert sich so das College und ihr Studium. Sie schreibt sich 1954 an der Universität von Maryland im Fach Psychologie ein und notiert bald darauf: "Die wenigen Frauen in den Vorlesungen waren gepflegt, hübsch frisiert, trugen Röcke – lauter Daddy-Töchter, mit denen ich nichts zu tun hatte. Während sie auf die Ehe warteten, um sich entjungfern zu lassen, bekannte ich mich offen als Lesbe. Das überforderte sie total. Ich war eine Anomalie."
"Männchen sind ein biologischer Unfall"
Sie schließt 1958 ihren Bachelor ab. Während ihres Studiums arbeitet sie in einem Tierlabor und entwickelt bereits erste Thesen, die sie in ihrem späteren SCUM-Manifesto – einer Ode an die vermeintliche biologische Überlegenheit der Frauen – weiter ausführen wird: "Männchen sind ein biologischer Unfall. Das männliche Y-Chromosom ist bloß ein unvollständiges X-Chromosom. Das Männchen ist ein verhindertes Weibchen, eine wandelnde Fehlgeburt, eine genetische Missgeburt."
Zum geplanten Masterstudiengang in Philosophie kommt es nicht mehr, weil Valerie eigenen Angaben zufolge nach dem Bachelor als einzige Frau übrig bleibt und aus der Uni gemobbt wird. Sie fokussiert sich von nun an auf ihre Berufung als Schriftstellerin und Aktivistin. Bislang beschränkt sich ihre Erfahrung mit Männern auf Vergewaltigung, Inzest, Prostitution und Mobbing: kein Wunder, dass sie sich kein entspanntes Verhältnis zu ihnen vorstellen kann.
So schreibt sie in ihrem "SCUM Manifesto", das Hauptinteresse des heterosexuellen Mannes sei es, eine Frau herumzukriegen. Er sei "von der Idee besessen, ob er es richtig schaffen wird, ob er einen erstklassigen Auftritt hinkriegt, ob er seinen Klempnerjob gut hinter sich bringt." Der Mann sei "irgendwo im Niemandsland zwischen Mensch und Affe stehengeblieben, wobei er schlechter dran ist als die Affen, denn im Gegensatz zu diesen verfügt er über ein großes Arsenal von negativen Gefühlen – Haß, Eifersucht, Verachtung, Ekel, Schuld, Scham, Zweifel – und was noch schlimmer ist: er ist sich dessen bewusst, was er ist und was nicht."
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Utopie einer Gesellschaft ohne Männer,
Solanas entwirft die Utopie einer Gesellschaft ohne Männer, in der die "Babyproduktion" künftig im Labor stattfinden soll und die Gentechnik dafür sorgt, dass lediglich "ganze, vollkommene Lebewesen produziert werden, nicht aber physische Defekte und Krankheiten, oder psychische Leiden wie die Maskulinität." So abstrus, lächerlich und paranoid Solanas Manifest an vielen Stellen auch klingt: Im Kern berührt es ein reales gesellschaftliches Problem. Dieses hat zwischenzeitlich unter dem Begriff der "toxischen Männlichkeit" Eingang in einen breiten Diskurs gefunden – und ist heute so brisant wie nie.
Differenzierung zählte dabei nicht zu Solanas argumentativen Stärken: Sie macht kaum einen Unterschied zwischen Männern, die ganz real eine Bedrohung für Frauen darstellen, und solchen, die sich mit ihr und ihrer Weltsicht sogar solidarisieren – letztere hielt sie gar für unterwürfige Idioten. Schwule und asexuelle Männer wiederum betrachtete sie als Teil eines nützlichen "Männerhilfstrupps". Auch Andy Warhol rechnete sie dazu, wobei sie ihn ihren Notizen zufolge als asexuell einschätzte. Ohne das Attentat auf ihn wäre wohl kaum jemand auf das "SCUM Manifesto" aufmerksam geworden, zumindest ist es bis heute untrennbar damit verbunden. So entwickelte sich das Buch allmählich zum Kult und gilt für manche als ein Standardwerk der feministischen Literatur.
Zu den bekennenden Fans des "Scum Manifesto" zählt auch der Musiker und Autor Nick Cave, der ihren Beschreibungen des Maskulinen "etwas Wahrhaftiges" abgewinnen konnte. Für seinen 2009 erschienenen Roman "Der Tod des Bunny Munro" erfand er eigens einen Charakter, der Valerie Solanas literarisch wieder auferstehen lassen sollte – allerdings in einem männlichen Körper. Es wäre spannend zu wissen, wie sie darüber geurteilt hätte.
Links zum Thema:
» "Ich schoss auf Andy Warhol – SCUM Manifesto" in der Arte-Mediathek
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