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Lukas Heinser

ESC hat "mehr für das 'Gefühl Europa' getan" als die EU

Der Eurovision Song Contest bringt laut ESC-Experte Lukas Heinser nicht nur Europa zusammen wie sonst keine andere Organisation, sondern bringt der skeptischen Öffentlichkeit auch queere Themen näher.


Der nichtbinäre Musikstar Nemo aus der Schweiz gehört dieses Jahr zum Kreis der Favorit*­innen (Bild: Instagram / Nemo)

  • 2. Mai 2024, 14:49h 3 Min.

Journalist Lukas Heinser hat gegenüber "WEB.DE News" den hohen gesellschaftlichen Stellenwert des Eurovision Song Contest betont. "Es ist meine tiefste Überzeugung, dass der Song Contest mehr für das 'Gefühl Europa' getan hat, als es die Europäische Union mit irgendwelchen Vorschriften jemals könnte", erklärt Heinser. "Die Menschen begreifen diesen Kontinent vor allem deshalb als Einheit, weil es den ESC und den Uefa-Cup gibt."

Ferner betonte Heinser, dass der ESC immer schon eine politische Veranstaltung war – trotz gegenteiliger Äußerung des Veranstalters, der Europäischen Rundfunkunion. "Denn 1956, nur elf Jahre nach Kriegsende, Deutschland direkt mit an den Tisch zu holen, war natürlich auch ein sehr starkes Signal der Völkerverständigung", so Heinser.

Schon Anfang der Sechziger gewann ein queeres Lied

Außerdem sagte der Experte, dass der ESC nicht erst in den letzten Jahren ein queeres Event geworden sei, sondern es praktisch immer schon war. Die Kodizes seien zu Beginn nur anders gewesen: "1961 gewann Luxemburg mit einem Liebeslied, von dem man sich heute relativ sicher ist, dass es von zwei Männern handelt." Der Siegersong "Nous les amoureux" wurde vom schwulen Chansonnier Jean-Claude Pascal (1927-1992) gesungen, der später bestätigte, dass das Lied von einer schwulen Beziehung handelte. Der Text war allerdings so mehrdeutig, dass er von der Öffentlichkeit meist nicht verstanden wurde.

Zudem habe der ESC einen erheblichen Einfluss auf queere Kinder und Jugendliche gehabt: "Wenn man Menschen fragt, die ihr Coming-Out zu einer Zeit hatten, in der das noch ein bisschen schwieriger war, werden die erzählen, dass sie schon als Kinder – noch bevor sie überhaupt über so etwas wie Sexualität nachgedacht haben – fasziniert von dieser Veranstaltung waren und dass ihnen diese Veranstaltung geholfen hat, das eigene Anderssein anzunehmen."

Dabei verwies er auf den Sieg der trans Sängerin Dana International im Jahr 1998 – allerdings überforderte dies wiederum die Öffentlichkeit: "Damals waren die deutschen Medien überhaupt noch nicht so weit, das Vokabular war noch gar nicht richtig vorhanden. Da konnte man dann sowas lesen wie 'ein Transvestit' oder 'war mal ein Mann'. Heute offenbart man mit solchen Formulierungen, dass man es noch nicht so ganz verstanden hat." Diese Geschichte zeige auch, dass der ESC ein Millionenpublikum vorsichtig an das Thema Queersein heranführen könne. "Das ist eine Dimension dieser Veranstaltung, die ich neben dem völkerverbindenden Aspekt wahnsinnig wichtig finde", so Heinser.

Heinser hatte 2022 das Buch "Eurovision Song Contest – populäre Irrtümer und andere Wahrheiten" veröffentlicht (queer.de berichtete). Der Journalist ist seit einigen Jahren Assistent des deutschen ESC-Kommentators. Beim diesjährigen Wettbewerb treten mehrere queere Kandidat*innen an (queer.de berichtete). (cw)

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