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Sachbuch

Warum Queer­feindlichkeit in der Politik so gut ankommt

Fortschritt und Rückschritt zugleich – das scheint sich bei queeren Rechten und der gesellschaftlichen Stimmung nicht auszuschließen. Im neuen Buch "Pride" analysiert der Politikwissenschaftler Michael Hunklinger, warum das so ist.


Übelste Hetze: AfD-Kundgebung gegen eine Lesung mit Dragqueens in München (Bild: IMAGO / aal.photo)

Es sind komische, auf den ersten Blick widersprüchliche Zeiten: Nie hatten queere Menschen im Westen mehr Rechte als heute. Schwule und Lesben dürfen in immer mehr Ländern heiraten und Kinder adoptieren. Die geschlechtliche Selbstbestimmung ist für trans und nichtbinäre Menschen einfacher geworden. Geschlechtsverändernde OPs an intergeschlechtlichen Babys sind verboten. Queere Menschen sind sichtbarer, im Alltag wie in der Popkultur.

Gleichzeitig ist Queerfeindlichkeit "eines der momentan wichtigsten Aktionsfelder der bürgerlichen wie der extremen Rechten und dient regelmäßig als Radikalisierungsfaktor nach rechts", wie der Autor und Politikwissenschaftler Michael Hunklinger in seinem Buch "Pride" (Amazon-Affiliate-Link ) feststellt. Ein Blick nach Ungarn genügt, um zu sehen, welche konkreten Folgen staatlich propagierte Queerfeindlichkeit haben kann. Ganz zu schweigen von zensierten Schulbüchern oder dem "Don't say gay"-Gesetz in Florida.

"Wir wollen nur wir selbst sein"


"Pride" ist Anfang Mai 2024 im Kremayr & Scheriau Verlag erschienen

Wie kann das sein? Und besteht in diesem Verhältnis nicht etwa ein Widerspruch, sondern eine Kausalität? Weil queere Menschen mehr Rechte als früher haben, ist Queerfeindlchkeit – die sich nicht selten in Gewalt zeigt – auf dem Vormarsch? Diesen Fragen nähert sich Hunklinger, der aktuell an der Universität Amsterdam zu Diversität und Ungleichheit forscht.

Zunächst hält der Autor fest, dass es oft nicht queere Menschen, sondern vielmehr die Gegner*­innen queerer Rechte sind, die solche Diskussionen laut und erbittert führen. "Aber es sind nicht wir, die das Thema polarisieren. Die Hass und Hetze verbreiten. Wir wollen nur wir selbst sein", schreibt Michael Hunklinger. Das stimmt, wenn auch nicht in dieser Absolutheit. Ein paar konkrete Beispiele – und davon gibt's ja mehr als genug – hätten seine Argumentation noch überzeugender gemacht.

Die Community ist zersplittert

Eine These des Buches, die Queer­feindlichkeit als politisches Phänomen erklären möchte: Die Gesellschaft wird immer individueller und partikularer. Queere Rechte würden als Nischenthema abgetan – nicht anders als Klimaschutz, die Forderung nach Frauenhäusern oder mehr Rechten für Migrant*­innen, schreibt Hunklinger.

Das ist einleuchtend. Zumal es ja ein Phänomen ist, das uns selbst trifft: Die Community ist zersplitterter und spricht längst nicht mehr mit einer Stimme. Das gibt zuvor marginalisierten Gruppen mehr Raum und Bedeutung. Und es lässt sich sogar positiv deuten: Weil der Druck von außen nicht mehr so groß ist, braucht es weniger inneren Zusammenhalt.

Diversität wieder als Stärke sehen

Doch teilweise geht es sogar sehr offen gegeneinander. Unverständnis und Ablehnung innerhalb der queeren Community ist weit verbreitet. Ein Blick in die Kommentare unter der Nachricht, dass Fee Jaehn – bekannt nach wie vor unter dem DJ-Namen Felix Jaehn – nichtbinär ist, genügt, um davon einen Eindruck zu bekommen.

Doch was folgt daraus? Was können wir als Gesellschaft und was kann die queere Community im Besonderen tun? Michael Hunklinger hat Ideen, die fast zu einfach klingen: Diversität nicht mehr gegeneinander ausspielen, sondern als Stärke sehen, als "Katalysator für mehr Gleichberechtigung, Emanzipation und radikale Solidarität".

Können wir solidarischer werden?

Womit wir zum nächsten Schlagwort kommen: Es brauche wieder mehr Solidarität untereinander, die dann auf die gesamte Gesellschaft ausstrahlen kann. Ja, unbedingt, unbestritten. Aber ist diese Forderung realistisch – oder naives Wunschdenken? Wie ließe sich verlorengegangene Solidarität zurückerlangen? Darauf hat "Pride" leider keine Antwort.

Überhaupt stellt sich beim Lesen immer wieder die Frage, an wen sich das Buch eigentlich richtet. An die queere Community? Immerhin schreibt Michael Hunklinger häufig in der ersten Person Plural: "Wir dürfen unsere Geschichte nicht vergessen." Dafür hätte "Pride" aber gerne noch ein bisschen mehr in die Tiefe gehen dürfen, was Konflikte innerhalb der Community angeht, wo sie herkommen, wie wir sie lösen können. Und unter "queer" nicht nur Lesben, Schwule und trans Menschen fassen dürfen: So tauchen inter­geschlechtliche oder asexuelle Menschen im ganzen Buch nicht auf.

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Ein gutes Einstiegswerk

Queerfeinde wird das Buch – unabhängig davon, ob sie es jemals kaufen würden – wohl eher nicht überzeugen. Dafür hätte es an einigen Stellen noch mehr Fakten gebraucht. Es richtet sich, auch wegen der zugänglichen Sprache, wohl eher an eine breite interessierte Leserschaft. Deshalb vermittelt "Pride" auch Basics wie den Unterschied zwischen sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität, geht auf klischeehafte Darstellungen in den Medien ein und gibt einen knappen historischen Überblick über die Kriminalisierung queerer Menschen, insbesondere in Deutschland und Österreich, wo der Verlag sitzt.

Michael Hunklingers "Pride" ist also – obwohl es sich hier und da auf Michel Foucault oder Didier Eribon stützt – ein gut lesbares und knappes Buch, das der interessierten Mehrheitsgesellschaft klar machen kann, weshalb der Einsatz für queere Rechte mehr ist als Minderheitenschutz.

Ein eher schwul-lesbisches als dezidiert queeres Publikum findet ein gutes Einstiegswerk, das in wichtige Begriffe und historische wie gesellschaftliche Zusammenhänge einführt und dies mit sinnvollen Argumentationshilfen für die nächste Debatte kombiniert. Ist Homosexualität nicht Privatsache, wieso sind Schwule im Fernsehen so schrill, reicht euch nicht die Ehe für alle, wieso sieht die Regenbogenflagge jetzt anders auf? Auf solche und weitere typische Fragen liefert "Pride" verständliche, überzeugende Antworten.

Infos zum Buch

Michael Hunklinger: Pride. Erschienen in der Essay-Reihe "übermorgen". 112 Seiten. Kremayr & Scheriau. Wien 2024. Gebundene Ausgabe: 20 € (ISBN 978-3-218-01416-8). E-Book: 12,99 €

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