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Interview

"Peaches lief, als ich das erste Sex mit einem anderen Mann hatte"

Die kanadische Sängerin Peaches ist ein queeres Idol. Regisseur Philipp Fussenegger und Co-Regisseurin und Cutterin Judy Landkammer erzählen im Interview, wie sie die Künstlerin für ihre Doku "Teaches of Peaches" neu kennenlernten.


Queeres Idol: Peaches im Dokumentarfilm "Teaches of Peaches" (Bild: farbfilm verleih)

Wer von euch war vor eurer Doku "Teaches of Peaches" der größere Fan von Peaches?

Judy Landkammer: Das ist eine fiese Frage… Philipp hat wahrscheinlich die spannendere Anekdote dazu. Und für mich war die Musik von Peaches wichtig in meiner Entwicklung, als ich 2009 als Baby Queer nach Berlin gekommen bin.

Philipp Fussenegger: Ich hatte das erste Mal Sex mit einem anderen Mann, da lief das Album "The Teaches of Peaches" im Hintergrund. Krass, was für ein Sound. Später lief dann "Talk to Me" die ganze Zeit. Vor Drehstart habe ich versucht, das alles zu vergessen, damit ich unvoreingenommen reingehe und sie neu entdecken kann.

Und wer war nach dem Film der größere Fan?

Philipp Fussenegger: Ich bin ein Riesenfan von Peaches. Ich unterschreibe alles, was sie sagt.

Judy Landkammer: Mir geht's auch so. Ich kannte natürlich die On-Stage-Peaches, die Person, wie sie sich präsentiert und präsentiert wird: die punky queerfeministische Ikone, laut, knallige Farben. Und ich bin ein Riesenfan von ihrer Off-Stage-Persona geworden. Sie ist sehr warm und hat immer ein offenes Ohr für alle um sie herum.


Regieduo Philipp Fussenegger und Judy Landkammer (Bilder: privat / Lorena Juan

Judy, wieso war Peaches wichtig für dich als Baby Queer, also als junge Person, die gerade ihre Queerness entdeckt?

Judy Landkammer: Ich hatte sehr viel zu entdecken, als ich 2009 nach Berlin kam. Ich war 20, 21 Jahre alt und habe Wörter wie queer noch gar nicht für mich benutzt. Aber ich wusste immer schon, dass das bei mir vielleicht ein bisschen anders läuft als bei anderen. Damals hat eine Freundin mir "Fuck the Pain Away" vorgespielt, und ich mochte die roughe Energie und Düsterheit von dem Song. Damit konnte ich mich sehr identifizieren. Und wenn man in Berlin lebt, kommt man gar nicht um Peaches herum. Sie schwirrt gefühlt immer so rum. Aber ich bin kein Hardcore-Fan und musste mit dem Dokumentarfilm manches neu entdecken.

Es ist ja gar nicht so einfach, einen Film über eine Person zu machen, die man gut findet. Habt ihr versucht, eine journalistisch-dokumentarische Distanz zu wahren oder habt ihr das von Anfang an aufgegeben?

Judy Landkammer: Die Distanz war schon da, alleine weil sie uns nicht kannte. Und sie ist relativ vorsichtig und kontrolliert, sie bewahrt eine Distanz zu einem. Wir mussten das durchbrechen und ihr Vertrauen gewinnen. Wir haben ihr erklärt, wie wir arbeiten: Bei uns gibt es keine Hierarchien oder Egos, sondern wir wollen diesen Film im Dialog mit ihr machen. Wir haben ihr immer wieder frühe Schnittversionen gezeigt und Feedback von ihr eingeholt. Sie hat dann gemerkt, was sie uns entgegenbringen und sie sich öffnen muss.

Philipp Fussenegger: Die große Herausforderung war, die Distanz step by step abzubauen. Ich und Peaches haben eine professionelle Distanz, aber es ist sehr freundschaftlich. Wenn wir nicht weiterkamen, haben wir sie auch gefragt, ob sie uns Türen öffnen kann. Es war uns wichtig, dass sie den Film auch cool findet, es geht ja um sie. Und so ist es ein Queer Feelgood Movie geworden. Es geht nicht um die großen Dramen, hier den Bus verpasst und da was schief gegangen. Man soll inspiriert und mit einem Smile aus dem Kino gehen.


Poster zum Film: "Teaches of Peaches" startet am 9. Mai 2024 im Kino

Besteht da nicht die Gefahr, dass "Teaches of Peaches" ein Imagefilm wird?

Philipp Fussenegger: Ja, das sagen viele. Aber es war nie so, als hätte sie was verboten oder Nein gesagt. Ich glaube, dieser Gefahr muss man sich aussetzen, aber wir haben schon einen eigenen Plan verfolgt. Und Peaches steht ja sehr für Inklusivität. Und da passt es zu diesem Film dazu, ihn gemeinsam auf Augenhöhe zu machen. Ist es denn ein Imagefilm geworden?

Judy Landkammer: Ich würde sagen: nein. Es gibt durchaus Regisseur*­innen im Dokumentarfilm, wo es dann heißt: Ich mache jetzt den Film, zeige ihn am Ende und dann leb damit. Aber das ist überhaupt nicht unser Ansatz. Die Teamarbeit finden wir viel wichtiger – und dass Peaches damit happy ist. Und natürlich brauchten wir manchmal Hilfe von ihr. Bei 20 Jahren Archivmaterial weißt du nicht, wer da wer ist. Wenn die Sängerin Feist, damals ihre Mitbewohnerin, am Küchenboden mit Rollschuhen rumrollt, weiß man vielleicht nicht unbedingt, dass sie das in der Wohnung in Toronto macht.

Es scheint nicht ganz einfach zu sein, mit Peaches über Persönliches zu sprechen, oder? Bei Philipps Frage, ob ihr Einsatz für Abtreibungsrechte etwas Persönliches ist, reagiert sie sehr abweisend, fast schroff.

Philipp Fussenegger: Ich habe immer versucht, sie aus der Reserve zu locken, auch wenn mich das zum Buhmann gemacht hat. In dem Moment zeigt sie, dass ihr dieses Engagement einfach sehr wichtig ist. Aber ich wurde auch ertappt, dass meine Frage vorurteilsbehaftet war, mehr als ich gedacht hätte.

Judy Landkammer: Bis zu einem gewissen Grad ging es. Aber uns ist klar geworden, dass wir es über andere Leute machen müssen, um ihr noch näher zu kommen. Ihr Partner Black Cracker lässt uns zum Beispiel näher an sie heranzukommen. Es war auf jeden Fall nicht so, dass wir die Kamera draufhalten und sie erzählt uns in Tränen alles über ihr Leben, was auch nicht unser Ziel war.

Philipp, du warst bei der Jubiläumstour dabei. Hast du dich dort als Störfaktor empfunden?

Philipp Fussenegger: Ich war mit dem Kameramann Dino unterwegs. Es war der Running Gag, dass wir immer zu spät waren. Nach der Show sind die in den Bus, haben geschlafen und sind am nächsten Tag angekommen. Und wir sind hinterhergefahren – aber waren immer zu spät. Der Soundcheck war schon vorbei, und alle haben uns erzählt, was wir verpasst haben zu drehen. Ich bin froh, dass man das dem Film nicht anmerkt. Ja, wir waren ein Störfaktor, aber eigentlich ist das immer so im Dokumentarfilm. Man muss dann reingehen, wenn es eigentlich ganz unpassend ist. Und diese Momente haben wir gesucht.

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Peaches ist eine Künstlerin, die sowohl von der Musik als auch vom Auftreten her Grenzen sprengt und nicht wirklich in eine Schublade passt. Habt ihr versucht, das auch in den Film zu übersetzen?

Judy Landkammer: Unser Film ist nicht klassisch, sondern eher ein Essayfilm. Unsere Dramaturgin Susanne Heuer sagt, der Film funktioniere wie Erinnerungen, also eher lose Verknüpfungen statt strenger Chronologie. Philipp und Dino haben viel Material während der Tour gesammelt, und wir hatten Tonnen Archivmaterial. Die Struktur des Films wurde erst mit viel Schweiß und Geduld und Gedanken konstruiert im Schnittraum.

Philipp Fussenegger: Sehr assoziativ, wie ein Puzzle, das man in seinem Kopf zusammenbastelt.

Was hat euch denn am meisten an Peaches überrascht?

Judy Landkammer: Ich hatte nicht gedacht, dass Peaches so unglaublich ruhig ist, wenn sie nicht mehr auf der Bühne steht.

Philipp Fussenegger: Sie sammelt alle möglichen Sachen. Sie hat riesige Archive, mit Klamotten, Perücken, natürlich Tapes. Da gibt es unendlich viele, wie man im Film sieht.

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Man sieht wahnsinnig viele von diesen krassen, witzigen, absurden Privataufnahmen. Wie anstrengend war es, dieses Archivmaterial zu sichten und in eine Reihenfolge zu bekommen?

Philipp Fussenegger: Horror!

Judy Landkammer: Es war Segen und Fluch zugleich. Am Anfang wollte sie das Archivmaterial gar nicht rausrücken. Nach der Tour war Philipp bei ihr im Lager. Und irgendwann hat sie gesagt: Ach, wollt ihr nicht diese zehn Kisten da alle mitnehmen, mit diesen ganzen Mini-DV und VHS-Tapes, die man erstmal digitalisieren musste. Und dann hatten wir noch eine Festplatte mit ungefähr 20 Jahren Archiv. Das geht nur mit Excel-Listen, Keywords und Mindmaps an der Wand – und 18 Wochen im Schnitt.

"Teaches of Peaches" hat dieses Jahr einen Teddy gewonnen. Was bedeutet das für euch?

Philipp Fussenegger: Es ist krass. Das passiert mir in meiner Karriere sehr oft, dass ich einen Preis gewinne, wo ich dachte: never. Da werde ich immer wieder überrascht vom Universum. Beim Teddy hätte ich auch gedacht: no way! Das ist so ein Adelsschlag.

Judy Landkammer: Der Teddy hat natürlich einen ganz besonderen Stellenwert als queerer Filmpreis. Das freut mich sehr. Aber am meisten freut mich, im Kino die Reaktionen der Leute mitzukriegen. Wen sie an den "richtigen" Stellen lachen oder klatschen oder begeistert sind. Das gibt mir so einen Kick.

Infos zum Film

Teaches of Peaches. Dokumentarfilm. Deutschland 2024. Regie: Philipp Fussenegger, Judy Landkammer. Mitwirkende: Peaches, Black Cracker, Leslie Feist, Chilly Gonzales, Shirley Manson, Charlie Le Mindu. Laufzeit: 102 Minuten. Sprache: englische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. FSK 16. Verleih: farbfilm. Kinostart: 9. Mai 2024
Galerie:
Teaches of Peaches
7 Bilder
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