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Porträt
Knutschen oder Kapitalismus? Die rettende Musik von Karin Ann
Die neue Indie-Sensation Karin Ann aus der Slowakei erobert die Bühnen mit großen Songs über Verlust, Abschied, queere Liebe und Hoffnung in hoffnungslosen Zeiten. Jetzt ist ihr Debütalbum "through the telescope" erschienen.

Mit gerade einmal 21 Jahren ist Karin Ann auf dem besten Weg, einen großen Auftritt auf der globalen Musikbühne zu haben (Bild: Cameron Lindfors)
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10. Mai 2024, 07:47h 4 Min.
Einen kurzen Moment dauert es, bis die 21-jährige Songwriterin im Gespräch ankommt. Ein verschmitztes, schüchternes Grinsen später sprudelt sie los. Karin Ann sitzt im Hotelzimmer in Nashville, Tennessee (dem oft vergessenen, aber nicht weniger relevanten Mekka der Musikwelt), und gleich steht die Probe mit der Band an. Für die große Tour zum neuen Longplayer "through the telescope" (Amazon-Affiliate-Link ). Sie holt weit aus, erzählt von Mikro- zu Makrokosmos, Erziehung, Erwachsenwerden, den Platten in Mamas Wohnzimmer und dem sehr realen Druck des Musikgeschäfts.
Natürlich, direkt, fast schon weise und sehr sortiert.
Schon nach kurzer Zeit wird im Interview schnell klar: Es ist bisweilen mehr als schräg, als junger Mensch nebst eigenen Entwicklungsprozessen dazu noch mit den multiplen Krisen dieser Zeit konfrontiert zu sein. Ständig diese riesigen, surrealen Entscheidungsprozesse. Knutschen oder Kapitalismus? Herzschmerz oder Welt retten? Unter der Decke verkriechen oder dagegen ansingen?
All diese vermeintlich unvereinbaren Extreme schafft die queere Slowakin mit den tschechischen Wurzeln in großartige, weite Songformen zu gießen, von Shoegaze bis Disco, von Indie Rock im Stile der gefeierten Superstar-Combo boygenius bis zum sanften, hauchigen Balladen-Pop à la Billie Eilish.
Doch der Weg dorthin war weit.
Die menschliche Komponente

Karin Anns Debütalbum "through the telescope" ist am 10. Mai 2024 bei 3am Records erschienen
Vom ersten "Hypetrain" förmlich überrollt fand sich Karin bereits als Teenager in einem Burnout wieder, zerrissen zwischen den Erwartungen der neu gewonnenen Fans und dem eigenen Anspruch, nicht nur fürs Fließband zu schreiben, verordnete sie sich selbst eine Pause. Und nahm – "top secret und in aller Stille und so langsam wie nötig", wie sie selbst beschreibt – mit Benjamin Lazar Davis (Joan as police woman, Okkervil River) und Will Graefe als Produktionsteam das erste Album auf.
Und hier ist sofort zu hören, dass großes Talent auf nicht weniger große Erfahrung und Expertise trifft – eine Ausgangslage, die nicht immer "einfach so" entsteht. Aber hilfreich waren dafür vor allem Hunde. "Ich habe mit Ben einfach erstmal gebonded wegen unserer Hunde – es ging eher darum, welche Rasse er hat und dass ich Hunde liebe, als um eine Albumproduktion. Mir war die menschliche Komponente sehr wichtig, ohne die gäbe es kein Album", erzählt Karin Ann und strahlt.
Dieses warme, organische und besondere Gefühl ist sofort beim ersten Reinhören in "through the telescope" zu spüren. Ob beim melancholisch anrührenden "pile of bones" über das orchestral-elektronisch aufwühlende "the band keeps playing" (der erste Song aus dem Recording-Prozess) bis hin zur knarzigen The-Black-Keys-meets-Liz-Phair-Single "she" – hier hören wir ein großes Talent.
Mit dabei beim Zweifeln, Stolpern und Ratlos-Sein
Die Produktion ist höchst geschmackvoll und zurückgenommen, um Karin den nötigen Raum einzugestehen, und gleichzeitig so präsent, um kleine Lücken oder Wackler mit großzügig breiten Arrangements aufzufangen. Ein weiser Mensch sagte einmal "Es ist keine Schande, wenn die Menschen dir beim besser werden zusehen können", und genau diese Slacker-meets-Perfektionistin-Attitude macht "through the telescope" zu einem herausragenden Album.
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Wir dürfen beim Zweifeln, Stolpern und Ratlos-Sein dabei sein, nichts ist zu viel oder zu wenig, alles hat Platz zum Atmen. Ein – im lauten Musikzirkus rar gewordenes – Attribut, das hier freimütig zugestanden wird. Denn Karin Ann hat Vision, eine ganz eigene Herangehensweise und das Wissen darüber, dass es schon verrückt genug ist, mit 21 nicht mit Friends auf der Parkbank zu sitzen und über den ersten queeren Crush zu schwärmen, sondern die großen Clubs der Welt zu spielen.
Jungen Queers das Gefühl geben, sie sind nicht allein
Ist das nicht wunderbar? Karin Ann sagt: "Ich habe mich nie als besonders glücklichen Menschen gesehen. Ich versuche einfach mit dem, was ich erlebe durch meine Musik umzugehen. Besonders als queerer Mensch musst du das ganz früh lernen. Ich war immer der Outlaw mit den bunten Haaren. Diese Perspektive hat mir geholfen kreativ zu bleiben."
Es bleibt Karin Ann für ihre weitere Karriere sehr zu wünschen, dass sie sich diese Einstellung bewahrt, denn genau das hilft in stürmischen Zeiten – und für die Zukunft. Angesprochen auf ihre Klarheit und Zielstrebigkeit diesbezüglich sagt sie noch: "Weißt du, als junger Mensch in dieser Zeit habe ich gar keine Wahl, als das meiste aus allem zu machen. Wer weiß, welche Zukunft auf mich wartet."
Dann muss sie schon los zur Probe. Die Welt retten. Oder einfach nur einen Song singen, der jungen, queeren Menschen das Gefühl gibt, sie sind nicht allein. Eine Rettung ist diese Musik in jedem Fall.
Links zum Thema:
» Das Album "through the telescope" bei amazon music
» Homepage von Karin Ann
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