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Kritik an Kant
Wenn Philosophen über Schwule herumphilosophieren
Vor 300 Jahren wurde Immanuel Kant geboren. In der ganzen Lobhudelei zu seinem runden Geburtstag wurde vergessen, auf ein Detail hinzuweisen: Homosexuelle Männer wollte er kastrieren lassen.

Immanuel Kant (1724-1804) auf einem Gemälde von Johann Gottlieb Becker aus dem Jahr 1768 (Bild: wikipedia)
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12. Mai 2024, 04:24h 10 Min.
Immanuel Kant (1724-1804) war ein deutscher Philosoph der Aufklärung und gehört zu den bedeutendsten Vertretern der abendländischen Philosophie. Sein Werk "Kritik der reinen Vernunft" kennzeichnet einen Wendepunkt in der Philosophiegeschichte. Das hört sich nach einem bedeutenden Philosophen an – der er zweifelsfrei auch war. Sein Leitspruch "Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde" (kategorischer Imperativ) ist auch heute noch eine gute Maxime für das eigene Leben. Die Redensart "Was du nicht willst, das man dir tu', das füge keinem anderen zu" ist weit davon entfernt, eine gute Wiedergabe dieses Gedankens zu sein.
Nachfolgend geht es anlässlich von Kants 300. Geburtstag um seine Äußerungen über Homosexualität. Sie sind dünn, wurden aber aufgrund seiner Bedeutung breit rezipiert.
Immanuel Kant: "Die Metaphysik der Sitten"
Die "Metaphysik der Sitten" ist eine von Kant erstmals 1797 veröffentlichte Schrift zur Rechts- und Tugendlehre, in der er eine praktische Philosophie ausgearbeitet hat, deren Kern die Begründung des kategorischen Imperativs ist. Im ersten Band (hier Ausgabe von 1798 online) schreibt Kant, dass der Sex mit einer anderen Person (also der gegenseitige "Gebrauch" von "Geschlechtsorganen" innerhalb einer "Geschlechtsgemeinschaft") in "natürlicher" oder "unnatürlicher" Weise geschehen könne. Dabei erwähnt er auch die "Uebertretungen der Gesetze, (und die) unnatürliche(n) Laster (crimina carnis contra naturam), die auch unnennbar heißen" (S. 106-107). Dieses "Laster" nennt er einige Seiten später dann doch beim Namen: "Päderastie" (= Homosexualität). Für die Form der Strafe hat Kant eine konkrete Vorstellung: Sie solle in der "Castration" bestehen (S. 171). Im zweiten Band (hier Ausgabe von 1803 online) verweist er noch einmal darauf, dass Sex nur der Fortpflanzung dienen dürfe, denn schließlich diene die "unnatürliche(n) Wollust" nicht dem "Naturzwecke" (S. 78). Aufgrund der Bedeutung Kants wird diese Schrift bis heute nachgedruckt.
Der Germanist Paul Derks ("Die Schande der heiligen Päderastie", 1990, S. 64) hat diese Positionierung Kants als "weder mutig noch scharfsinnig" bezeichnet (S. 269). Kants Einstellung entsprach zu seiner Zeit dem weit überwiegenden gesellschaftlichen Konsens, auch in Kreisen der Aufklärungsphilosophie. Ungewöhnlich ist nur die geforderte Strafart der Kastration, die zu seiner Zeit in keinem deutschen Strafgesetzbuch stand. An einer anderen Stelle wird Derks deutlicher und verweist darauf, dass angesichts dieser Schrift nicht "die brutalen Folgen etwa in der Sexualethik" vergessen werden sollten (S. 64). Vielleicht überschätzt Derks aber auch die Wirkung Kants in diesem Punkt. Kant war zwar in anderer Hinsicht äußerst einflussreich, aber nicht durch seine Äußerungen über Homosexualität. Die entsprachen überwiegend dem Mainstream seiner Zeit – abgesehen von der geforderten Strafform der Kastration. Die Kastration als Strafe für Sexualdelikte blieb jedoch eine isolierte Äußerung und wurde in der Juristerei des 19. Jahrhunderts nie ernsthaft diskutiert.

"Metaphysik der Sitten" – hier in der Ausgabe des Anaconda-Verlags (2016)
Zwei Rezeptionen vom Anfang des 19. Jahrhunderts
Der katholische Theologe Fidel Deubel, der Kant aus konservativer Sicht bekämpfte, zeigt sich in seinem Buch "Deutsche Welt thu' einmal wegen der Philosophie und Geistlichkeit die Augen auf!" (1807, S. 85) ähnlich homophob wie Kant, scheint ihn aber nur halb gelesen bzw. halb verstanden zu haben. Angekommen ist bei ihm nur, dass die Menschen nach Kants Auffassung mehr auf ihre Vernunft statt auf Gott hören sollten, was zur Folge hätte, dass – so Deubel – gegen Homosexualität gar keine Gesetze mehr erlassen werden könnten. (Die Vorstellung, dass nicht Religion und Moral, sondern nur verletzte Rechtsgüter das Strafrecht bestimmen sollten, setzte sich erst rund 150 Jahre später durch.)
Ein Jahr nach Deubel scheint sich im "Entwurf eines Maaßstabs der gesetzlichen Zurechnung und der Straf-Verhältniße" des Juristen Hans Ernst von Globig (1808, S. 131) ein wenig mehr Aufklärung Bahn zu brechen, wenn er betont, dass Kant mit seiner Forderung der Kastration aller Homosexuellen "zu weit zu gehen" scheine, weil damit der Eindruck von "Rache" durch den Staat entstehen würde, der "möglichst vermieden werden" müsse. Globig beschäftigte sich, auch in dieser Schrift, mit Fragen einer Staatsrechtsreform im Sinne der Aufklärung. Welche Maßnahmen oder Strafen er selbst für richtig hielt, ließ er jedoch leider offen. Man kann vermuten, dass er Gefängnisstrafen befürwortete, denn das entsprach um 1800 sowohl der Rechtslage in den meisten deutschen Ländern als auch der gängigen juristischen Meinung. Das war hierzulande ein "Fortschritt" gegenüber der bis ins 18. Jahrhundert hinein geltenden Todesstrafe. Nur sehr wenige deutsche Juristen dieser Zeit befürworteten Straflosigkeit für gleichgeschlechtlichen Sex – anders als in Frankreich, wo "Sodomie" bzw. "Päderastie" während der Französischen Revolution entkriminalisiert wurde. In einer früheren Schrift von 1783 schreibt Globig, Erziehung und moralische "Aufklärung" seien hilfreicher gegen "Sodomie" als Bestrafungen, vor allem öffentliche, durch die das "Laster" eher verbreitet werde. Welche Maßnahmen er sich genau vorstellte, bleibt aber auch hier unklar.
Die Mitschriften von Kants Ethik-Vorlesung
Von einer Vorlesung Kants über Ethik, die er in den Siebziger- und Achtzigerjahren des 18. Jahrhunderts an der Universität Königsberg hielt, existieren Mitschriften dreier Hörer, die später mehrfach veröffentlicht wurden (u. a.: "Eine Vorlesung Kants über Ethik", hrsg. von Paul Menzer, 1924). Nach diesen Mitschriften versuchte Kant in seinen Vorträgen u. a. die unterschiedlichen "Fleischesverbrechen" genauer einzuordnen, wobei er jeden Sex außerhalb der Ehe als kriminell ansah. In drei Sätzen geht er auf gleichgeschlechtlichen Sex ein und betont, dass es dem "Zwecke der Menschheit" zuwiderlaufe, wenn die Beteiligten "nicht heterogen, sondern homogen" seien ("Eine Vorlesung Kants über Ethik", hrsg. von Paul Menzer, 1924, S. 214). Eine spätere Edition dieser Vorlesung wird – nahezu wortgleich – auch online angeboten ("Kants gesammelte Schriften", Band IV: "Kants Vorlesungen", 1974, S. 391).

Drei Sätze über den Sex zwischen "homogenen" Menschen (Ausgabe von 1924)
Manfred Herzer kommt in seiner Rezension (in: "Capri", Heft 1/91, S. 43 bzw. Online-Ausgabe, S. 487) einer weiteren Ausgabe (Immanuel Kant: "Eine Vorlesung über Ethik", hrsg. von Gerd Gerhardt, 1990) zu dem Schluss, dass hier "einer der Überleitungswege mittelalterlicher Homophobie in die Moderne offen vor Augen liegt" und dass Kants Formulierung "in der modernen Zeit die Schwulenverfolgung rechtfertigen sollte". Außerdem weist er auf Kants Terminologie hin, weil sich mit den von ihm verwendeten Begriffen "heterogen" und "homogen" die "knapp hundert Jahre später geprägten Ausdrücke heterosexuell und homosexuell" anzukündigen scheinen. Manfred Herzer meint damit die Wortneuschöpfung "Homosexualität" durch Karl Maria Kertbeny im Jahr 1869 (s. dazu den Artikel "Vor 150 Jahren wurde die 'Homosexualität' erfunden" hier auf queer.de).

Immanuel Kant: "Eine Vorlesung über Ethik" (Ausgabe von 1990)
Kants Freundschaft mit Hamann
Immanuel Kant war mit dem deutschen Philosophen Johann Georg Hamann (1730-1788) befreundet, wobei beide eine recht unterschiedliche Einstellung zur Sexualität hatten. Nach Auffassung des Germanisten Paul Derks begründete Hamann "seine gesamte Anthropologie auf der menschlichen Sexualität (…), was ihn in schroffen Gegensatz" zu Kant gestellt habe. Hamann habe sich für Homosexualität interessiert, die er "bibelkonform als Verirrungen zu verabscheuen vorgibt" ("Die Schande der heiligen Päderastie", 1990, S. 64). In einem Brief vom 27. Juli 1759 schrieb Hamann an Kant: "Sind Sie Socrates und will Ihr Freund Alcibiades seyn: so haben Sie zu Ihrem Unterricht die Stimme eines Genii nöthig. Und diese Rolle gebührt mir (…)" (Hamann, Johann G.: "Hamanns Schriften", 1821, 1. Bd., S. 429). Auch Derks zitiert aus diesem Brief (S. 67) – als Beispiel dafür, dass sich Hamann gegenüber Kant "lebenslang eines provokanten sokratisch-päderastischen Tons befleißigte".

Johann Georg Hamann (1730-1788) – aus dem Buch "Das geistige Deutschland im Bildnis: Das Jahrhundert Goethes" (1949)
Heute wird Johann Georg Hamann von manchen als homosexuell angesehen. So verweist der Historiker Bernd-Ulrich Hergemöller darauf, dass ein Lehrjunge dem jungen Hamann beigebracht habe, sich selber zu befriedigen (s. dazu auch oben "Hamanns Schriften", S. 165). Später habe sich Hamann in einen Lautenspieler verliebt und mit seiner Schrift "Sokratische Denkwürdigkeiten" (1759) habe er versucht, die Jünglingsliebe öffentlich zu verteidigen (Bernd-Ulrich Hergemöller: "Mann für Mann. Biographisches Lexikon zur Geschichte von Freundesliebe und mann-männlicher Sexualität im deutschen Sprachraum", 2010, S. 479-481).
Kants Einfluss auf Schopenhauer
Der deutsche Philosoph Arthur Schopenhauer (1788-1860) "sah sich selbst als Schüler und Vollender Immanuel Kants, dessen Philosophie er als Vorbereitung seiner eigenen Lehre auffasste" (Wikipedia). In ihrer ablehnenden Haltung zur Homosexualität lassen sich bei beiden Philosophen Parallelen erkennen, wobei sich Schopenhauer dazu wesentlich ausführlicher äußerte.
In diesem Kontext möchte ich auf zwei Aufsätze verweisen. Bereits Udo Schüklenk ging in seinem Aufsatz "Arthur Schopenhauer und die Schwulen" (in: "Capri", Nr. 3/1988, S. 3-21 bzw. Online-Ausgabe, S. 171-189) an verschiedenen Stellen auch auf Kant ein (S. 174, 175, 179, 185), um dessen Einfluss auf Schopenhauer zu verdeutlichen. Ungefähr 30 Jahre später habe ich mich anhand von Schopenhauers Hauptwerk "Die Welt als Wille und Vorstellung" (1819) hier auf queer.de mit Schopenhauers kruder Vorstellung einer schwulen Welt auseinandergesetzt und auch auf Kants Schrift "Die Metaphysik der Sitten" verwiesen.
Die drei Philosophen Kant, Schopenhauer und Friedrich Nietzsche galten übrigens für manche Autor*innen als "asexuell", weil sie ihren eigenen Geschlechtstrieb – aus welchen Gründen auch immer – unterdrückt hätten. Im "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen" (Jg. 1903, S. 115) werden sie deshalb als "Dreigestirn" des 19. Jahrhunderts bezeichnet.

Arthur Schopenhauer. Fotografie von Johann Schäfer (1855)
Die frühe Homosexuellenbewegung um Magnus Hirschfeld
Der wichtigste Repräsentant der frühen Homosexuellenbewegung war Magnus Hirschfeld. Auf Kants Wünsche nach Kastration aller Homosexuellen ging Hirschfeld in seinen Schriften nicht ein, was nachvollziehbar erscheint, weil diese Äußerungen nicht in eine emanzipatorische Argumentation hätten eingebunden werden können. Hirschfeld versuchte dies jedoch mit einer anderen allgemeinen Äußerung Kants. So berichtete er, dass viele schwule Männer mit heterosexuellen Frauen verheiratet waren, z. B. aus sozialen Gründen oder weil sie auf eine "Heilung" hofften. Hirschfeld macht deutlich, dass solche Ehen nicht funktionieren können: "Es fehlt eben die wechselseitige Durchdringung der zwei, welche nach Kant erst das ganze Menschenwesen bilden" (s. "Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen", 1901, S. 53 und Magnus Hirschfeld: "Die Homosexualität des Mannes und des Weibes", 1914, S. 409). Damit hatte Hirschfeld Kant formal richtig zitiert und es geschafft, ihn positiv in seine Emanzipationsstrategie einzubinden.
Stell dir mal vor…
...du kommst auf einer Bahnfahrt mit einem fremden Mann ins Gespräch. Von einem Wahlrecht für Frauen hält er nichts, Angriffskriege findet er legitim, wenn sie der Prävention dienen, für Ausländer*innen soll es kein Asylrecht geben und er ist für die Todesstrafe. Der Fremde zeigt sich unverhohlen rassistisch: "Die Menschheit ist in ihrer größten Vollkommenheit in der Rasse der Weißen." Er zeigt sich hart in sozialen Fragen. Wer lüge, stehe noch unter dem Tier, wer sich selbst befriedige, verhalte sich verabscheuungswürdig und Homosexualität sei ein scheußliches Verbrechen wider die Natur.
Weil er sich mit seinem Namen vorgestellt hat, googelst du diesen zu Hause: Dieser Mann zählt in Japan neben Buddha, Konfuzius und Sokrates zu den vier Weltweisen, zu den berühmtesten Denkern aller Zeiten und Räume. Allein im Jahr 2004 sollen über 1.000 Monografien über ihn und seine Werke erschienen sein und bis heute ist er angeblich der meistzitierte Philosoph überhaupt. Er gilt als Gründungsvater der politischen Philosophie. Die Formulierung der Freiheitsbestimmung in Artikel 2 unseres Grundgesetzes soll auf ihn zurückgehen. Du bist bestimmt erstaunt. Wie passt das zusammen?
Das ist eine sehr gute Frage, die in Baden-Württemberg einschließlich der hier nacherzählten und gekürzten fiktiven Geschichte über eine Bahnfahrt Schüler*innen gestellt wird. Ich habe sie dem Kapitel "Eine seltsame Begegnung" (S. 57-58) der Broschüre "Kant im Ethikunterricht" (hrsg. vom Fachverband Ethik, 2011) entnommen.

Eine Karikatur zu den sehr unterschiedlichen Sichtweisen auf Immanuel Kant aus der Broschüre "Kant im Ethikunterreicht" (2011)
War Kant homosexuell?
In Bernd-Ulrich Hergemöllers Lexikon "Mann für Mann. Biographisches Lexikon zur Geschichte von Freundesliebe und mann-männlicher Sexualität im deutschen Sprachraum" (2010, S. 622-624) hat Immanuel Kant einen eigenen Eintrag. Das soll auf die Bedeutung der Freundesliebe in seinem Leben hinweisen, suggeriert jedoch, dass Kant homosexuell gewesen sein soll. Hergemöller verweist u. a. darauf, dass Kant auf seinem Sterbebett "von dem Diaconus Ehregott Andreas Christophorus Wasianski betreut (wurde), dem er – wider jede Gewohnheit – vor seinem Tod den Mund zum Kusse reichte".
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In der "Süddeutschen Zeitung" äußert sich Marcus Willaschek, Autor des Buches "Kant – Die Revolution des Denkens" (2023), über die beiden Männer so: "Mutmaßungen (dass Wasianski und Kant ein Paar gewesen seien) gab und gibt es immer wieder. Kant war nicht verheiratet und lebte mit seinem Diener zusammen, er war sehr eng befreundet mit (dem Kaufmann) Joseph Green. Konkrete Hinweise auf eine homoerotische Neigung Kants, die über diese Tatsachen hinausgehen, gibt es aber nicht" ("Ein schillernder Aufsteiger", Interview mit Marcus Willaschek, SZ Plus, 19. April 2024, Bezahlartikel). Im Gegensatz zu Kants Freund Johann Georg Hamann finde ich die Quellenlage zu Kant und Wasianski zu dünn, um Kant als homosexuell anzusehen.
Resümee
Wichtiger als die Frage von Kants sexueller Orientierung und die Gründe, warum er von vielen als asexuell angesehen wird, erscheint mir jedoch die Frage, wie viel Leid er Homosexuellen mit seinen Äußerungen angetan haben könnte. Allerdings lassen sich Einflüsse und Nachwirkungen Kants auf dem Gebiet der Sexualethik schlecht nachweisen. Für schwule Männer ist der 300. Geburtstag Immanuel Kants auf jeden Fall kein Grund zum Feiern.
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