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Comic-Autobiografie

Nichtbinär für Anfänger*­innen und Fortgeschrittene

In den USA ist die Graphic Novel "Genderqueer" von Maia Kobabe das am häufigsten angefeindete Buch. Jetzt ist die einfühlsame und empowernde Autobiografie, die keine Themen ausgespart oder tabuisiert, auf Deutsch erschienen.


Ausschnitt aus dem Cover: In "Genderqueer" erzählt Maia Kobabe von der Suche nach sich selbst

Glücklich, wer auf die Frage "Wer bin ich?" eine Antwort weiß. Manche Antwort beschreibt einen langen, nicht immer einfachen Weg der Selbstfindung. Nichtbinär und/oder trans zu sein oder überhaupt queer zu sein, kennt oft solche langen und schwierigen Vorgeschichten. Aber es ist jedes Mal wundervoll, endlich sein Selbst zu kennen. Und noch großartiger, dieses Selbst sichtbar zu leben. Das Zauberwort heißt Selbstbestimmung.

Das konnten Millionen von Menschen gerade beim ESC mit Nemo und dem Song "The Code" erleben. Nemo, nichtbinär, aus der Schweiz stammend und in Berlin lebend, sang davon, die Ketten sprengen zu wollen. Ja, es hat auf jeden Fall etwas mit Befreiung zu tun und ebenso mit Subversion, die eine Form von Lust sein kann. Denn schließlich geht es auch um die Frage, wie wir leben wollen und wer eigentlich entscheidet, was falsch und was richtig sei. Im Refrain heißt es: "I went to hell and back / To find myself on track / I broke the code". Am Ende ist es ein Sieg für das kompromisslose Selbstsein-Können. Nein, wir haben dazu keine Norm nötig wie die Mehrheit, denn wir sind unsere eigene.

Zu erinnern wäre hier ein anderer spektakulärer Sieg für eine Selbstfeier im Nichtbinärsein. Ich meine Kim de l'Horizon mit dem autofiktionalen Roman "Blutbuch", der im letzten Jahr erschienen ist. Zu hoffen bliebe, dass dies in der großen cis Welt zumindest in einigen Köpfen etwas bewegt und vielleicht sogar verändert. Denn eines ist ja wohl klar, Vielfalt steht eindeutig für eine bessere und freiere Welt.

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Ein Aufklärungs- und Erklär-Buch im besten Sinne


Die Graphic Novel "Genderqueer" ist Ende April 2024 im Berliner Reprodukt Verlag erschienen

Zu hoffen wäre auch, dass eine solche Wirkung jetzt von Maia Kobabes autobiografischem Comic "Genderqueer" (Amazon-Affiliate-Link ) ausgeht, der soeben im Verlag Reprodukt erschienen ist. Es ist im besten Sinne ein Aufklärungs- und Erklär-Buch und damit eine Hilfestellung für all jene, die gerade eine Antwort auf die Fragen "Wer bin ich?" und "Was bin ich?" suchen.

Kobabe, in Kalifornien geboren und aufgewachsen, hat inzwischen längst die eigene Identität gefunden – und die ist nichtbinär und asexuell. Und weil die Selbstfindung ein so komplizierter, mit lauter Hemmungen gepflasterter Prozess war, entschied sich Kobabe, diese Geschichte als Graphic Novel zu erzählen. Mit der Auszeichnung Master im Comic-Zeichnen war das natürlich der direkteste Weg, sich auszudrücken, und ich finde, Maia ist das großartig gelungen.

Gelungen deshalb, weil nichts an Themen ausgespart oder tabuisiert, sondern alles in aller Offenheit erzählt und dargestellt wird. Die eigenen Unsicherheiten und Selbstzweifel miteingeschlossen. Aber auch, wie nervend beispielsweise diese ständigen Mädchen- und Jungensthemen für Maia sind, wie extrem die Welt um uns herum geschlechtlich gepolt ist und wie verdammt wichtig das alle nehmen.


Zeichnung aus dem Buch

Warum eigentlich? Schon für Kinder stellt sich die Frage, wer mit wem spielt, wer was tun darf und wer nicht. Wie man auszusehen hat, welche Kleidung man trägt. Absurd, dass viele Menschen auf eine gendergerechte Sprache hysterisch reagieren und gleichzeitig von morgens bis abends nichts anderes tun, als ihre Mitmenschen ständig in zwei Geschlechter aufzuteilen.

Maia hat das Glück, nicht nur empathische Eltern zu haben, sondern hatte auch bei der "Geschwister-Lotterie" ein Riesenglück. Und trotzdem bleibt es für Maia ein mühevoller Weg zum eigenen Selbst. Mit der Pubertät wird der Körper zunehmend zur Problemzone, weil die Verweiblichung nun überhaupt nicht mehr zum Selbstbild passt.

Und wie ist das mit der Liebe? Maia findet schnell heraus: Freundschaft ist okay und auch Intimität, Sex aber nicht. Denn wer sich nicht weiblich definiert, will nicht durch Sex in genau diese geschlechtliche Schublade sortiert werden. Ein Dilemma, aber nicht unlösbar.

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Jede*r kann noch etwas dazulernen


Maia Kobabe (Bild: SmallPressExpo / wikipedia)

Wie gesagt, Maia Kobabe lässt nichts an Themen aus – von der Pronomen-Frage bis hin zur Unterwäsche, von den unangenehmen Untersuchungen der Gynäkologin bis hin zu Datings und sexuellen Erfahrungen und Sexspielzeug, alles packt Maia in wunderschöne Bilder und Bildfolgen, die immer wieder auch eine sinnbildliche Perspektive einnehmen – etwa das Schneckenhaus, darin Maia nachdenkend über all die brennenden Fragen, bin ich trans, schwul, bisexuell, asexuell?

Als ich mit der Lektüre von "Genderqueer" begann, war ich einigermaßen sicher, gut über das Thema nichtbinär informiert zu sein. Maia Kobabe hat mich jetzt eines Besseren belehrt. Vor allem wurde mir bestätigt, wie hilfreich Biografien und erlebtes Leben für ein besseres Verständnis sind. Ich wünsche dem Comic ein großes Lesepublikum. Nebenbei: In den USA ist "Genderqueer" das am häufigsten angefeindete Buch, wie die American Library Association bekannt gab.

Zum Schluss ein Zitat des Philosophen Stanley Cavell, in dessen unbedingt lesenswertem Werk mit seinen lebensnahen Gedanken ich zusammengefasst fand, worum es hier die ganze Zeit ging: "Das Los, ein Selbst zu besitzen – menschlich zu sein -, ist eines, bei dem das Selbst stets gefunden werden muss; es ist vom Schicksal bestimmt, gesucht zu werden oder nicht; erkannt zu werden oder nicht."

Infos zum Buch

Maia Kobabe: Genderqueer – Eine nichtbinäre Autobiografie. Graphic Novel. Aus dem Amerikanischen von Matthias Wieland. Handlettering von Olav Korth. 240 Seiten. Reprodukt Verlag. Berlin 2024. Softcover: 20 € (ISBN 978-3-95640-415-3)

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