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Essays

Ein queeres Buch über Brüste

Der neue Sammelband "Brüste. Eine Anthologie", herausgegeben von Miku Sophie Kühmel und trans Mann Linus Giese, wirft erhellende Blicke auf ein oft objektifiziertes Körperteil.


Symbolbild: Person mit Brustbinder (Bild: IMAGO / Pond5 Images)
  • Von Lorina Speder
    18. Mai 2024, 12:05h 3 Min.

Es ist ein Thema, das scheinbar nie an gesellschaftlicher Aufmerksamkeit in Bezug auf Frauen und trans Personen verliert. Ob beim Stillen oder ob man sie hat bzw. nicht mehr hat: Brüste werden trotz körperlicher Selbstbestimmung oft von außen kommentiert und bewertet. Wie unterschiedlich diese aber eigentlich von den Protagonist*innen wahrgenommen werden, untersucht die Anthologie "Brüste" (Amazon-Affiliate-Link ), die Linus Giese und Miku Sophie Kühmel herausgegeben haben und in zwölf Essays von Autor*innen und den Herausgeber*innen aufgeteilt ist.

"In der Welt, in der ich lebe, spielen Brüste eine große Rolle. Es ist eine heterosexuelle cis Männerwelt, in der Brüste unbedingt und ausnahmslos Weiblichkeit repräsentieren", beginnt Nils Pickerts Essay. Genau diese Feststellung wird in jedem Essay angesprochen und infrage gestellt. Bettina Wilpert geht in "Vexierbilder, oder: Stillen ist Stillen" zum Beispiel auf kunsthistorische Verweise zu Brüsten, Weiblichkeit und deren Darstellungen ein. Sie beginnt gleich mit La Barbuda, die im wahren Leben Magdalena Ventura hieß und für ihr bärtiges Aussehen bekannt war. Caravaggio malte sie mit einem Baby an ihrer Brust und kontrastierte damit die gesellschaftlichen Vorstellungen, wie eine stillende Frau auszusehen habe.

Man erfährt aber auch, dass es bei cis Männern zu einer sogenannten Laktation, der Milchbildung, kommen kann. Zwar ist das selten, doch nicht ausgeschlossen. Die Autorin hinterfragt außerdem den Druck, unter dem moderne Mütter stehen. Dieser gipfelt in dem Hashtag #stillenistliebe, der im Umkehrschluss jene Mütter peinigt, die zum Stillen – aus welchem Grund auch immer – nicht imstande sind. Für die Autorin war das Stillen und die Care-Arbeit, die Mütter mit einem Neugeborenen umso mehr einholt, ein harter, wenn auch lohnender Weg.

Der cis-männliche Blick ruft viel Leid hervor


"Brüste. Eine Anthologie" ist am 18. Mai 2024 im Tropen Verlag erschienen

Auch die Limitationen, die Brüste mit sich bringen können, werden thematisiert. Herausgeber Linus Giese spürte den Unterschied am eigenen Körper und wertschätzt es heutzutage, seinen Oberkörper nicht mehr bedecken zu müssen. "Oberkörperfrei" heißt sein Essay, in dem er sich daran erinnert, wie sehnlichst er seine weiblich gelesenen Brüste nicht mehr haben wollte. Der trans Mann schreibt da von einer Körperdysphorie und der Scham, die begann, als seine Brüste im Alter von zwölf Jahren zu wachsen begannen. Und über die Erleichterung, die er spürte, als er den Binder entdeckte, der seinen Körper flach wirken ließ. Letztendlich entschied er sich für eine Masektomie, was ein unendliches Gefühl der Freiheit mit sich brachte.

Dass Brüste hier und in den anderen Essays mit persönlichen Geschichten und unterschiedlichen Konzepten verbunden sind, zeigt, dass der cis-männliche Blick viel Leid hervorruft. Es ist erfrischend zu lesen, dass die eigenen Erfahrungen mit Brüsten zwar die Auseinandersetzung mit Weiblichkeit hervorrufen, aber oft nicht mit den gesellschaftlichen Vorstellungen übereinstimmen. Neben OPs und Krankenhausaufenthalten durch Brustverkleinerungen kommt genauso die Erwartung in den 90er und 00er Jahren, einen BH zu tragen oder die Ästhetisierung der Brüste zur Sprache.

Die schlichteste Feststellung über Brüste in den Essays kommt aber von der Herausgeberin: "Ich fühle mich eigentlich von jeher am wohlsten, wenn ich nicht über sie nachdenke."

Infos zum Buch

Linus Giese, Miku Sophie Kühmel (Hg.): Brüste. Eine Anthologie. Mit Beiträgen von Daniela Dröscher, Antje Rávik Strubel, Bettina Wilpert, Nils Pickert, Sarah Berger, Dr. Michaela Dudley, Biba Oskar Nass,Angela Lehner, Kirsten Achtelik und Audrey Naline. 176 Seiten. Tropen Verlag. Berlin 2024. Gebundene Ausgabe: 20 € (ISBN 978-3-608-50249-7). E-Book: 15,99 €

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