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Internationale Kunstausstellung

Queer Utopia auf der 60. Biennale in Venedig

Schwule Orgien, queerfeministische Wandbilder, stolze trans Kunst: So queer war die Weltkunstschau noch nie. Zu den großen Newcomern zählt ein Künstler aus Pakistan. Auch mit dem deutschen Beitrag kann man sehr zufrieden sein.


Der Künstler Jeffrey Gibson verwandelt den Pavillon der USA in eine regenbogenfarbene Wohlfühlwelt. Die Biennale di Venezia läuft noch bis zum 24. November 2024 (Bild: Axel Krämer)

Rhythmische, sanfte Bewegungen, nackte Haut, ein knappes Gewand mit roten Troddeln und reichlich Goldschmuck: Zur Eröffnung der diesjährigen Biennale in Venedig lässt der im Sudan und in Saudi-Arabien aufgewachsene schwule Künstler Ahmed Umar den traditionellen sudanesischen Brauttanz wieder aufleben. Beim Publikum kommt das Spektakel gut an. Dabei ist es selbst in Umars Herkunftsland seit Jahrzehnten kaum noch zu sehen. Für das allmähliche Verschwinden des Brauchs sei, so der Künstler, eine "Islamisierung und Politisierung" der gesamten Kultur verantwortlich – ganz davon abgesehen, dass der Tanz ausnahmslos Frauen vorbehalten war. Darum will Umar seine Performance nicht nur als sinnliche Darbietung verstanden wissen, sondern als politisches Statement gegen Ausgrenzung; als ein Akt, der nicht bloß an eine verlorene Tradition anknüpfen will, sondern auch eine queere Utopie entwirft. Im Sudan wäre die Aktion ein Verfolgungsgrund.

"Mir wurde in meinem Leben schon oft signalisiert, dass ich nicht willkommen bin", sagt Umar in einem Interview. Im Jahr 2008 floh er nach Norwegen. Bis heute erkennt seine Familie seine Arbeit als Künstler nicht an, doch das hält ihn nicht von seiner Beharrlichkeit für seine Berufung ab: Drei Jahre widmete er sich dem Erlernen des Brauttanzes. Das Kostüm schneiderte er sich selbst auf den Leib – angepasst an einen Körper ohne weibliche Brust. Für die Perlenverzierung des Rahats, einem Rock aus Leder, Gras und Strohschnüren, recherchierte er mit großem Aufwand und sichtete alte Videos.


Ahmed Umar führt den traditionellen sudanesischen Brauttanz auf (Bild: Andrea Avezzù; Courtesy: La Biennale di Venezia)

Seit er in Europa lebt, muss er sein Schwulsein und seine Begeisterung für den sudanesischen Brauttanz nicht mehr leugnen. Dennoch fühlt er sich bei seiner Ankunft als Fremder – und stürzt sogleich in eine Identitätskrise. Daran arbeitet er sich bis heute ab. Ihn beschäftigen Fragen wie: Wer bin ich? Wohin gehöre ich? Welche Kultur repräsentiert mich? All dies ist unmittelbar mit dem diesjährigen – und erstmals von einem offen schwulen Kurator ausgerufenen – Biennale-Motto verbunden: "Stranieri ovunque", "Fremde überall", "Foreigners everywhere". In der Pressemitteilung verweist der Brasilianer Adriano Pedrosa in diesem Zusammenhang ausdrücklich auf das Queere, das Indigene und das Migrantische: das Fremdsein in all seinen Facetten.

Die Kunstschau verteilt sich auf die ganze Stadt

Die nunmehr 60. Weltkunstschau in Venedig ist eine der größten ihrer Art und zudem die älteste internationale Kunstschau. Sie verteilt sich auf die ganze Stadt, auf unzählige einzelne Ausstellungsräume, Kirchen und Museen, verfügt jedoch über zwei Hauptstandorte: die Giardini della Biennale, wo sich 28 Länder in ihren nationalen Pavillons präsentieren, und das Arsenale, ein riesiger Komplex, der aus dem ehemaligen Zeughaus und der Schiffswerft der damaligen Republik Venedig besteht. Im letzteren sind die meisten der von der Biennale-Leitung kuratierten Kunstwerke ausgestellt.

Wer in diesem Sommer die Schau besucht, erkennt recht schnell: So queer war die Biennale noch nie. Dazu gehören großformatige Gemälde, auf denen schwule Orgien zu sehen sind, etwa von dem New Yorker Louis Fratino im zentralen Pavillon der Giardini oder von dem chinesischen Künstler Xyadie im Arsenale; Skulpturen, die stolze trans Figuren verkörpern, wie etwa die schillernde Göttinnen-Plastik des brasilianisch-schweizerischen Künstlers Guerreiro do Divino Amor im Garten des Schweizer Pavillons, oder die Bronzeskulptur "Woman" der texanischen Künstlerin Jade Guanaro Kurikii-Olivo im Hof des Hauptpavillons der Giardini.


Schwule Orgien – von dem New Yorker Künstler Louis Frattino und dem chinesischen Künstler Xyadie (Bilder: Matteo de Mayda, Andrea Avezzù; Courtesy: La Biennale di Venezia)

Auch das monumentale, in bunten Farben leuchtende Wandbild "Diaspora" des queerfeministischen Kunstkollektivs Aravani Art Project aus Bangalore zählt dazu, untergebracht in einem imposanten Säulensaal des Arsenale, sowie eine drei Meter hohe Fiberglasstatue einer Dragqueen in Gestalt von Marge Simpson, gestaltet von dem mexikanischen Künstlers Juan Pablo Chipe für den Pavillon eines Sponsors – all das und noch viel mehr begegnet dem Publikum auf seinem Rundgang. Zu den Höhepunkten der queer-indigenen Selbstermächtigung zählt die regenbogenfarbene Wohlfühlwelt, in die sich der Pavillon der USA dank des Künstlers Jeffrey Gibson verwandelt hat.

Eine nahezu perfekte Illusion


Eine über drei Meter hohe Dragqueen-Skulptur für den Swatch-Pavillon von dem mexikanischen Künstlers Juan Pablo Chipe (Bild: Axel Krämer)

Käme einem nicht ab und zu in den Sinn, wie sehr im realen Leben all die mühselig erkämpften Rechte auf der Kippe stehen, wie hemmungslos sich selbst in manch westlichen Ländern oder Regionen queer­feindliche Kräfte ausbreiten, wie bedrohlich die Entwicklung vor allem in Uganda oder in Russland voranschreitet, oder wie sich die Situation in nahezu allen islamisch geprägten Ländern darstellt, dann wäre dieses Queer Utopia eine perfekte Illusion – gerade so, als wäre die Welt auf bestem Wege, sämtliche heteronormativen Zwänge hinter sich zu lassen.

Hin und wieder schwappt die Realität von draußen herein, erinnert uns ein Kunstwerk an die Unsicherheit und Zerbrechlichkeit queerer Selbstbehauptung. Der aus Südkorea stammende Kang Seung Lee etwa ruft in seinen Installationen Künstlerkollegen mit asiatischen Wurzeln ins Gedächtnis, die an den Folgen von Aids gestorben und im Westen nahezu unbekannt sind: den Choreografen und Balletttänzer Goh Choo San aus Singapur, oder Tseng Kwong Chi, einen US-Fotografen chinesischer Herkunft, der mit Keith Haring ab Ende der 1970er Jahre zusammenarbeitete. Hingegen sind die Malereien Martin Wongs, an den Kang Seung Lee in einer Arbeit erinnert, aufgrund mehrerer Retrospektiven seit kurzem auch einem europäischen Publikum vertraut.

Schwule Männer im Cruising-Park

Der aus Pakistan stammende und in den USA lebende Künstler Salman Toor wiederum zählt zu jenen Newcomern auf dieser Biennale, die von sich reden machen werden. Auf seinen im Arsenale ausgestellten Bildern hält er ambivalente Szenen aus dem schwulen Leben in Pakistan fest. Ein leuchtendes Smaragdgrün dominiert seine Bilder, und stets herrscht eine Atmosphäre des Heimlichen und Tabuisierten vor. In "Night Grove" ist etwa ein Cruising-Park zu sehen, arrangiert wie ein Wimmelbild, auf dem Männer auf der Suche nach sexueller Befriedigung sind.


Salman Toor, Night Grove (2024) (Foto: Andrea Avezzù; Courtesy: La Biennale di Venezia)

"The Beating" zeigt drei Jugendliche, von denen einer mit einem Baseballschläger auf einen am Boden liegenden Mann einzuprügeln droht – dessen Partner muss hilflos dabei zusehen, offenbar wurden sie beim Sex an einem öffentlichen Ort überrascht. "Die Zeremonie" wiederum ist ein Tableau mit zum Teil orientalisch kostümierten Figuren, das in diesem Kontext Assoziationen an eine erzwungene Hochzeit weckt. Das alles ist mit feinen, zurückhaltenden Pinselstrichen umgesetzt und trifft vielleicht gerade deshalb umso mehr ins Mark. Salman Toor hatte 2021/22 seine erste Einzelausstellung im New Yorker Whitney Museum – es ist nur eine Frage der Zeit, bis er sich auch in Europa einen Namen machen wird.

Nahezu alle Kunstwerke der Biennale, die Queerness in einem muslimisch sozialisieren Zusammenhang thematisieren, sind im Exil entstanden. In den nationalen Selbstrepräsentationen islamisch geprägter Länder ist dazu nicht einmal im Ansatz etwas zu finden.

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Der israelische Pavillon ist geschlossen


Skulptur der texanischen trans Künstlerin Jade Guanaro Kurikii-Olivo (Puppies Puppies) (Bild: Matteo de Mayda; Courtesy: La Biennale di Venezia)

Eine von antisemitischen Ausfällen begleitete Auseinandersetzung um den israelischen Pavillon führte dazu, dass dieser bis auf weiteres geschlossen bleibt. Davon mal abgesehen: Ein tendenziöser, ja, äußerst ärgerlicher Widerspruch an dieser Biennale ist, dass das Kuratorium für seine eigene Schau einerseits den Leitgedanken des Fremdseins in der Welt ausruft und andererseits nun ausgerechnet das Phänomen der jüdischen Diaspora ausklammert: das Urthema des Exils. Lediglich das Auswärtige Amt in Berlin kam auf die Idee, eine israelische Künstlerin mit einer Arbeit für den deutschen Pavillon zu beauftragen. Yael Bartana zeigt in ihrer multimedialen Installation "Light to the Nations", dass sich das Thema sogar in einen globalen Kontext einbinden lässt: Sie schickt ein jüdisches Raumschiff auf einen kosmisch-philosophischen Trip durchs All, der zum Nachdenken über kollektive Identitätsbildung im Allgemeinen anregt. Bartana ist die einzige israelische Künstlerin, die auf dieser Biennale zu sehen ist.

Und das ist nicht der alleinige Grund, warum man in diesem Jahr mit dem deutschen Beitrag zufrieden sein sein kann. Ersan Mondtag, der sich den Innenraum des Pavillons mit Bartana teilt, erzählt in seinem Werk "Requiem eines Asbestarbeiters" die Geschichte seines Großvaters Hasan Aygün, der einst aus der Türkei nach Berlin kam und aufgrund seiner langjährigen Tätigkeit für die Firma Eternit an den Folgen des eingeatmeten Asbeststaubs starb. Der queere Regisseur und Ausstellungsmacher hat dafür dessen Haus im deutschen Pavillon nachgebaut, in dem sich die Theaterperformance abspielt. Mondtag gibt damit erstmals einen sehr persönlichen und darüber hinaus berührenden Teil seiner Familiengeschichte preis. In TV-Interviews weist er gleichwohl darauf hin, dass nicht nur seine Herkunft, sondern auch seine Homosexualität einen wichtigen Teil seiner Identität ausmacht.

Schon allein der deutsche Pavillon lohnt den Besuch der diesjährigen Biennale, deren Zukunft mehr denn je ungewiss ist: Die italienische Ministerpräsidentin Georgia Meloni hat im März 2024 Pietrangelo Buttafuoco, einen Freund aus ihrer postfaschistischen Partei Fratelli d'Italia, als Präsidenten des Festivals eingesetzt. Wie sich die Weltkunstausstellung künftig präsentieren wird, mag man sich derzeit noch gar nicht ausmalen.

-w-