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Nationalsozialismus

Queeres Verlangen im Ghetto und im KZ

Der Historikerin Anna Hájková ist es zu verdanken, dass wir heute mehr von queeren Beziehungen im Holocaust wissen. Mit ihrem Buch "Menschen ohne Geschichte sind Staub" leistet sie Pionierinnenarbeit.


Symbolbild: Schwule KZ-Häftlinge im Spielfilm "Bent" (Bild: Salzgeber)

Der Rosa Winkel ist ein klassisches Beispiel, wie sich die queere Community ein diskriminierendes, ja tödliches Symbol angeeignet hat. Der Stoffaufnäher, den schwule Männer im KZ tragen mussten, wurde zum Emanzipationssymbol. Ein Verlag benannte sich danach, in vielen Städten stehen Mahnmale in Winkelform, auch der Künstlername des schwulen Kultregisseurs Rosa von Praunheim erinnert daran.

Auch wenn es einige Zeit nach dem Krieg dauerte, begann in den 1970er Jahren eine geschichtswissenschaftliche Aufarbeitung der homosexuellen Opfer des Nazi-Terrors. Doch bis vor Kurzem klaffte in diesem Bereich eine große Lücke: Die schwulen Verfolgten waren in der Regel Nichtjuden gewesen. Die jüdischen Holocaust-Opfer galten meist als heterosexuell.

Mehr queere Holocaust-Forschung

"Zwei getrennte Welten", schreibt die tschechisch-britische Historikerin Anna Hájková dazu. Eine Kategorisierung, die bis vor Kurzem noch so tief eingebettet gewesen sei, dass es ihr nahezu unmöglich gewesen sei, die Frage nach jüdischen queeren Holocaust-Überlebenden bei ihrer Recherche im Visual History Archive der University of Southern California zu stellen.

So schildert es die Historikerin in ihrem Buch "Menschen ohne Geschichte sind Staub" (Amazon-Affiliate-Link ), das nun deutlich erweitert in zweiter Auflage erschienen ist. Hier wie an anderen Stellen zeichnet das schmale Buch durch persönliche Anekdoten zur Recherche seine eigene Entstehung nach. Es ist nicht zuletzt auch ihrer Forschung zu verdanken, dass sich diese Trennung mittlerweile mehr und mehr auflöst und es seit einigen Jahren zunehmend Arbeiten auf diesem Gebiet gibt.

Queerfeindlichkeit der Überlebenden


Die Neuausgabe von "Menschen ohne Geschichte sind Staub" ist am 21. Mai 2024 im Wallstein Verlag erschienen

In dem Buch, das insbesondere auch für Nicht-Historiker*­innen klar und verständlich ist, schildert sie zunächst die Schwierigkeiten, die eine queere Holocaust-Geschichte überwinden muss. Dies beginnt bereits mit dem Begriff: Von Schwulen, Lesben oder Homo­sexuellen zu sprechen, sei ahistorisch und reduzierend. Denn kaum jemand der Menschen, über die Anna Hájková schreibt, identifizierte sich vor oder nach dem Krieg so.

Die Historikerin, selbst lesbisch und Nachfahrin von Holocaust-Opfern, nutzt daher den Begriff queer. Das Konzept dahinter werde "der Offenheit und Komplexität gerecht [...], mit der die Menschen in der Geschichte ihre eigene Sexualität begreifen". Eine Argumentation, die überzeugt.

Anschließend erläutert sie, weshalb die queere Holocaust-Forschung überhaupt so lange eine Leerstelle war: Nicht nur die Täter*­innen waren queer­feindlich, auch andere Überlebende waren es, wie sie anhand eindeutiger Aussagen verdeutlicht.

Frühe Forschung war oft homophob

Doch auch auf Forschungsseite gab es Probleme: So wurden queere Holocaust-Überlebende häufig explizit nicht nach ihren queeren Erfahrungen gefragt oder auf Andeutungen in diese Richtung nicht weiter eingegangen. Homophobe Aussagen in der frühen Forschungsliteratur prägen die Wissenschaft bis heute, schreibt Anna Hájková.

Im zweiten Teil skizziert die Forscherin fünf Biografien queerer Holocaust-Überlebender: Etwa von Margot Heuman, die ihre queere Biografie erst Anna Hájková erzählte. Dabei war ihre Geschichte bereits in Oral-History-Interviews enthalten – einzig der Aspekt der queeren Liebe fehlte. Diese Unsichtbarmachung sei symptomatisch für diese Interviews gewesen.

Für die Geheimpolizei im Einsatz gegen Schwule

Interessant ist auch die Geschichte von Jiří Vrba, der in Theresienstadt in einem Jugendheim untergebracht wurde. Für seine Zeit, so schreibt es die Historikerin, lebte er ein eher selbstbestimmtes schwules Leben.

Nach dem Krieg jedoch arbeitete er für die tschechische Geheimpolizei. Er wurde ausgerechnet für eine Operation gegen Homo­sexuelle angeworben. Vor diesem Hintergrund bezeichnet Anna Hájková ihn als faszinierenden, ambivalenten Mann, der mit all seinen Brüchen und Widersprüchen ein Wegweiser für queere Holocaust-Geschichte war.

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Graphic Novel über Anne Frank in Florida verboten

Die sicherlich bekannteste Person im Buch und eines der bekanntesten Holocaust-Opfer weltweit ist Anne Frank. Eher unbekannt ist jedoch, dass sie im Eintrag vom 6. Januar 1944 von der Neugierde auf den Körper einer Freundin schreibt. Der erste niederländische Verleger ihres Tagebuchs strich diese und weitere Teile.

Eher traurige Bekanntheit erregte diese Stelle jedoch, als sie in einer Graphic-Novel-Adaption des Anne Frank Fonds aufgegriffen wurde. Denn durch das "Don't say gay"-Gesetz in Florida wurde das Buch in zwei Orten Floridas verbannt. Die Unsichtbarmachung trifft Anne Franks Queerness also erneut (queer.de berichtete).

Vorwort von Tessa Ganserer

Dabei gehe es, das betont Anna Hájková, gar nicht darum zu behaupten, dass Anne Frank lesbisch oder bisexuell war. Wichtiger sei festzustellen, dass sie sich an einigen Stellen im Tagebuch queer äußert. An ihrem Beispiel lasse sich die binäre Teilung in hetero- und homosexuell kritisieren.

"Menschen ohne Geschichte sind Staub" ist ein wichtiges Werk für die Holocaust-Forschung, das nicht nur aus rein wissenschaftlicher, sondern auch aus politisch-aktivistischer Sicht bedeutend ist. Denn, so schreibt es die Grünen-Bundestagsabgeordnete Tessa Ganserer im Vorwort: "Wenn Schicksale ein menschliches Antlitz bekommen, wenn wir die Schicksale dieser Menschen in ihren Facetten erfahren, können wir auch leichter verstehen."

Infos zum Buch

Anna Hájková: Menschen ohne Geschichte sind Staub. Queeres Verlangen im Holocaust. Mit einem Vorwort von Tessa Ganserer. 126 Seiten. Gebundene Ausgabe: 18 € (ISBN 978-3-8353-5641-2). E-Book: 17,99 €

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