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Über 100 Folgen von "Gay Over"
Podcaster Grey Young: "Grindr ist wie eine Fleischauslage beim Metzger"
Im Interview mit queer.de spricht der Berliner Podcaster Grey Young über seinen erfolgreichen Podcast "Gay Over", seinen äußerst offenen Umgang mit Sexualität sowie gängige Vorurteile gegenüber schwulen Männern.

Grey Young spricht jeden Sonntag über das schwule Leben über 40 (Bild: privat)
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26. Mai 2024, 09:19h 6 Min.
Vor rund sechs Jahren hat es den Podcaster Grey Young (45) nach Berlin gezogen, wo ihm seitdem jede Menge kurioser Dinge im Dating-Leben widerfahren sind. Hierüber spricht er seit 2021 in seinem Podcast "Gay Over – Mein (Dating)Tagebuch aus Berlin" – und das Ganze ziemlich erfolgreich. Immerhin sind mittlerweile über 100 Episoden erschienen, die mehrere Hunderttausend Aufrufe erhalten haben.
Allerdings erhält er nicht immer ausschließlich Lob für seinen Podcast, worüber er ganz offen im Interview mit queer.de berichtet. Zudem gibt er Preis, dass seiner Meinung nach nicht alle Vorurteile über schwule Männer an den Haaren herbeigezogen sind, und verrät, welchen Gast er gerne einmal in seiner Interview-Reihe "Gaytroffen" zu Besuch hätte.
Zunächst einmal Glückwunsch zu über 100 Folgen deines Podcasts "Gay Over – Mein (Dating)Tagebuch aus Berlin". Hättest du zu Beginn gedacht, dass es eines Tages so viele Episoden geben wird?
Danke für die Glückwünsche. Mein Podcast, der immer 100 Prozent uncut ins Rennen geht, ist für mich ein echtes Herzensprojekt. Ich bin tatsächlich gekommen, um zu bleiben. Dass ich nach meinem Podcast-Start im August 2021 inzwischen die 100-Episoden-Schallmauer durchbrochen habe, überrascht mich selber noch manchmal. Es ist ein ziemlich befriedigendes Gefühl, einfach sein Ding zu machen und kompromisslos durchzuziehen – gelingt mir aber auch nicht immer.
Wie kamst du überhaupt auf die Idee, einen eigenen Podcast ins Leben zu rufen?
Im August 2019 bin ich als frischer Single nach Berlin gezogen. Bis heute ist dieser Status quo unverändert. Liegt es an mir? Liegt es an Berlin? Bin ich mit über 40 Jahren noch etwas wert auf dem Markt? Ist das Leben als Ü40er schon gelaufen? Bin ich der einzige, der sich diese Fragen stellt? Warum spricht da niemand drüber? Das wollte ich ändern und deswegen bin ich mit dem "Gay Over"-Podcast gestartet. Auch um mich selber zu ordnen und zu reflektieren. Andere gehen zum Psychologen, ich habe meinen Podcast.
Bill Kaulitz hat vor kurzem in einem Interview gesagt: "Geheimnisse zu haben ist anstrengender, als offen zu sein." Wenn man sich deine Offenheit im Podcast anschaut, scheint dies auch auf dich zuzutreffen?
Da gebe ich Bill Kaulitz absolut recht. Schon immer habe ich andere in meine Gefühlswelt, meine Schicksalsschläge und ganz besonders in meine skurrilen und abenteuerlichen Dating-Geschichten eingeweiht. Wir haben alle viel zu verarbeiten und zu verkraften. Wenn wir alle offener mit anderen darüber sprechen, was uns wirklich beschäftigt, dann macht das uns und die Gesellschaft, in der wir leben, deutlich gesünder. Davon bin ich überzeugt. Gerade auf Social Media wird überall das Perfekte zur Schau gestellt. Das ist nicht real, ungesund und langweilt mich.

Grey Young: "Andere gehen zum Psychologen, ich habe meinen Podcast" (Bild: privat)
Gibt es dennoch auch Themen, über die du öffentlich nicht sprechen würdest?
Ja, die gibt es. Mein Job, mit dem ich meinen Lebensunterhalt verdiene, bleibt Tabu, und alles, was dort passiert, wird von mir nicht in meinem Podcast thematisiert. Sonst halte ich es wie nach einem Zitat von meinem Vater: Immer mutig vortragen.
Neben lustigen Dating-Geschichten geht es in deinem Podcast auch immer wieder um dein seelisches Wohlbefinden. In einer Folge vom September 2023 sprichst du über den Tod deiner Mutter – und wie dich dieser (verständlicherweise) auch heute noch belastet. Wie wichtig findest du es, dich auch von deiner verletzlichen Seite zu zeigen?
Sehr wichtig. Mein Leben ist teilweise schon recht trivial und dann hat es wieder ordentlich Tiefgang. Deswegen hat mein Podcast auch beides. Nicht meine Hosen komplett runterzulassen – das wäre nicht ich. Und genau deswegen hören auch viele gerne zu, da sie sich in mich, meinen Gedanken und Geschichten wieder erkennen. Ohne über meine Fehlbarkeiten zu sprechen, und da gibt es einige von, würde der ganze Podcast keinen Sinn machen – finde ich. Mein Podcast ist keine Lebensberatung. Davon gibt es ja eh ein Überangebot.
Trotz dieser Einblicke ist dein Podcast einigen Hörer*innen laut der Apple-Podcast-Bewertungen aber immer noch zu "oberflächlich" und "langweilig". Wie gehst du mit dieser Kritik um?
Kritische Kommentare sollten mich nicht verletzten, aber das tun sie dann doch. Natürlich tun sie das. Wer sagt, dass ihm solche Kommentare egal sind, der lügt. Aber dann schaue ich auf die insgesamt über 220.000 Streams, und mein Grinsen kommt zurück. Wer es jedem recht machen will, wird eh nur unglücklich, und ich habe mich zum Glücklichsein entschieden.
Dafür erhältst du auf der anderen Seite ja auch viel positives Feedback. Was war das schönste Kompliment, dass du bis dato für deinen Podcast bekommen hast?
Tatsächlich durfte ich schon einige Nachrichten lesen, die mich wirklich zu Tränen gerührt haben. Ein Zuhörer hat mir geschrieben, dass ihm mein Podcast sehr viel Kraft und Einblicke gibt, die er sonst nicht bekommen würde. Andere, dass sie früher nie Podcasts gehört haben, bis sie auf den "Gay Over"-Podcast gestoßen sind und es ein echtes Ritual für sie geworden ist, immer sonntags um 18 Uhr meinem Podcast zu lauschen.
In der Vergangenheit hattest du schon einige prominente Gäste wie Robin Solf oder Benni Bauerdick zu Gast. Gäbe es denn noch eine Person, die du super gerne mal als Gesprächspartner*in hättest?
Auch wenn ich damit gefühlt alleine da stehe: Ich liebe Markus Lanz. Also ihn bei "Gaytroffen" als Gast begrüßen zu dürfen, wäre ein echter Traum von mir. Aber auch Hape Kerkeling, Klaus Wowereit oder den Schauspieler Jannik Schümann.
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Zum Schluss noch zwei Fragen abseits deines Podcasts: Was sind deiner Meinung nach die gängigsten Vorurteile gegenüber schwulen Männern, mit denen gebrochen werden sollte?
Eine gute Frage. Ich versuche es mal: Nicht jeder Schwule trägt gerne Lederhosen – auch wenn ich selber ein paar mit kurzem Bein im Schrank habe. In einer schwulen Beziehung muss nicht immer einer die Frau sein. Aber ich denke, ein Vorurteil stimmt dann doch: Wir haben gerne Sex.
Wie blickst du im Allgemeinen auf die homosexuelle Dating-Szene – ist diese "toxischer" geworden als früher oder nimmst du sie doch überwiegend positiv wahr?
Als ich 18 Jahre alt war gab es auch schon GayRomeo und Gaychat.de. Aber die meisten hatten noch kein Foto drin, und so musste man sich erstmal übers Schreiben oder Telefonieren kennenlernen. Heute werden direkt sehr freizügig Fotos und Videos unmittelbar ausgetauscht, bevor man(n) sich trifft. Auf Partys schleppt man niemanden mehr ab, sondern es wird alles vor Ort erledigt. Grindr ist kein Dating-Portal, sondern eine Fleischauslage wie beim Metzger. Ich lehne das entschieden ab und bin trotzdem ein Teil davon. Fast niemand kann sich der immer fortschreitenden Sexualisierung der schwulen Regenbogen-Bubble entziehen. Insbesondere in Berlin, wo viele von einem Chill-Out mit exzessiven Substanzkonsum zum nächsten ziehen. Die Herausforderung, eine gesunde und erfüllte Sexualität zu leben, wird immer größer, und viele sind dabei zu scheitern. Hier muss besser aufgeklärt werden.
Links zum Thema:
» Homepage zum Podcast "Gay Over" mit allen Folgen














