https://queer.de/?49679
Gaslighting
Mein Weg aus der Dunkelheit einer schwulen Missbrauchsbeziehung
Im Rahmen der Mikrokampagne #MyMentalMe über psychische Gesundheit in der queeren Community hat IWWIT-Mitarbeiter Jeff Mannes seinen traumatischen Befreiungskampf öffentlich gemacht. Wir dokumentieren einen gekürzten Auszug.

Symbolbild: Auch in queeren Beziehungen kommt es zu emotionalen und psychischen Missbrauch (Bild: Robert V. Ruggiero / Unsplash)
- Von Jeff Mannes
27. Mai 2024, 05:01h 6 Min.
Plötzlich Depressionen! Damit hatte IWWIT-Mitarbeiter Jeff Mannes zu kämpfen. IWWIT (ICH WEISS WAS ICH TU) ist die bundesweite schwule Präventionskampagne der Deutschen Aidshilfe. Allerdings konnte er nicht verstehen, warum er plötzlich Depressionen hatte. Bis seine engste Freundin den Verdacht hegte, dass sein Partner ein Narzisst ist.
Die Geschichte seines traumatischen Befreiungskampfes hat er nun im IWWIT-Blog im Rahmen der Mikrokampagne #MyMentalMe über psychische Gesundheit in der queeren Community veröffentlicht. Wir dokumentieren einen gekürzten Auszug.
Erst Love-Bombing, dann Erniedrigung
Schon früh hätte ich die gigantische Red Flag, das Alarmzeichen, erkennen müssen. Hier war ich nun, rund 10.000 Kilometer von zu Hause entfernt, mitten in der Nacht in einer unbekannten Stadt, emotional aufgelöst, verwirrt und fast schon traumatisiert. Rausgeworfen von dem Mann, dem ich vertraute. Dies hätte das Alarmsignal sein sollen, das mir die Augen öffnete. Doch das war es nicht. Es war erst der Anfang einer lang anhaltenden, traumatischen Beziehung, die mich tief in die Depression stürzte.
Ich traf Mike, der eigentlich anders heißt, zwei Monate zuvor in Berlin. Er war charmant, fast zu charmant. Ein kleines Bauchgefühl sagte mir, dass dieser übertriebene Charme suspekt sei, aber ich hörte nicht darauf. Heute weiß ich: Er betrieb Love-Bombing. Am letzten Tag seines Berlin-Urlaubs gestand ich ihm, dass ich mich in ihn verliebt hatte, und er lud mich in seine Heimat ein. Zwei Monate später war ich dort. Die ersten Tage waren schön, dann passierte das Warnzeichen, das mir weiteres Leid hätte ersparen sollen.
Wir fuhren mit zwei Freunden von ihm zum Abendessen. Mike stellte mir unerwartete Fragen, um mich vor seinen Freunden bloßzustellen. Ich verstand nicht, warum er mich plötzlich erniedrigte. Nach dem Abendessen, als wir alleine im Auto waren, sagte ich ihm, dass ich sein Verhalten nicht in Ordnung fand. Er explodierte: "Du hast den ganzen Abend ruiniert! Ich halte dich nicht aus, du bis einfach zu viel!" Dann warf er mich aus dem Auto. Da stand ich nun, mitten in der Nacht in einer unbekannten Stadt. Verwirrt, erschrocken, beängstigt.
Heute, mit meinem Wissen über Narzissmus und Missbrauchsbeziehungen, würde ich das durchschauen. Aber damals hatte ich dieses Wissen nicht. Statt Mikes Verhalten zu verurteilen, zweifelte ich an mir selbst. Hatte ich überreagiert? War es vielleicht wirklich nur ein harmloser Spaß? Bin ich "zu viel"? Ich versuchte ihn anzurufen, um mich zu entschuldigen, schrieb ihm, dass es mir leidtut und dass ich falsch reagiert hatte. Keine Antwort. Mindestens eine Stunde verging, in der ich allein, verlassen, geschockt und verängstigt durch die Stadt wanderte. Und dann antwortete er endlich und holte mich ab. Er sprach kein Wort mit mir im Auto. Ich dachte, dass ich mich glücklich schätzen könnte, wenn er überhaupt noch einmal mit mir reden würde. Doch das Gegenteil wäre richtig gewesen. Denn es war erst der Anfang.
Ein Kampf gegen Gaslighting und die Schatten der Depression
Fast drei Jahre später war ich nur noch ein Schatten meines früheren Selbst. Diagnose: mittelschwere Depression. Mike hatte mich emotional und psychisch so fertiggemacht, dass ich mich selbst nicht mehr erkannte. Ich verstand nicht, warum ich eine Depression hatte. Eigentlich konnte ich mich doch glücklich schätzen? Ich lebte in Berlin, meiner Lieblingsstadt, in einer tollen Wohnung, hatte gute Freundschaften und einen erfüllenden Job. Und Mike machte mir ständig klar, dass unsere Beziehung so besonders war, dass die ganze Welt auf uns eifersüchtig sei. Heute weiß ich, dass dies Größenwahn und eine Projektion war.
Über Monate hinweg versuchte ich, die Depression loszuwerden: Ausdauersport, Ernährungsumstellung, Meditation – nichts half. Ich verstand nicht, dass meine Beziehung die Ursache war. Es gab sogar einen Fachbegriff dafür: Gaslighting.
Gaslighting ist eine Form des emotionalen und psychischen Missbrauchs. Es ist eine oftmals sehr versteckte, heimliche Form des Missbrauchs, die in schweren Depressionen enden kann. Gaslighting funktioniert vor allem dann, wenn das Opfer nicht merkt, dass es unter Gaslighting leidet. Es ist eine Form der Manipulation, bei der der Gaslighter versucht, sein Opfer davon zu überzeugen, dass es sich falsch erinnert, das eigene Verhalten oder die eigenen Motive falsch versteht oder falsch interpretiert und dadurch Zweifel in ihm weckt, die es verletzlich und verwirrt machen. Gaslighter nutzen diese Verwundbarkeit aus, um ihr Opfer immer wieder an sich selbst zweifeln zu lassen, mit dem Ziel, sie an sich und ihre Version der "Wahrheit" zu binden und emotional abhängig zu machen. "Du weißt nicht, wer du bist. Aber ich weiß es", meinte Mike wortwörtlich einmal zu mir.

Gaslighting ist eine oftmals sehr versteckte Form des Missbrauchs (Bild: "Krishan Rajapakshe / 2024 – krishanrajapakshe.blog)"
Gaslighting geschieht oft innerhalb enger, vertrauter Beziehungen über einen längeren Zeitraum hinweg. Anfangs ist das Opfer vielleicht einfach nur verwirrt. Nach einer Weile aber fängt es an, komplett an sich und seinem Geisteszustand zu zweifeln und die falsche "Realität" des Gaslighters anzunehmen. Im Extremfall traut das Opfer der eigenen Wahrnehmung überhaupt nicht mehr und das, was der Gaslighter über das Opfer sagt, wird zur kompletten Wahrheit. Mit dem Ergebnis schwerer Depressionen.
Mike hatte mich über die vergangenen drei Jahre hinweg auf viele verschiedene Arten gegaslightet. Jedoch war die weitaus destruktivste Form – und zugleich diejenige, die ihn entlarven sollte – seine Projektion der Eifersucht.
Mike drehte stets den Spieß um, wenn ich meine Unzufriedenheit mit etwas ausdrückte. Ich sei eigentlich, ohne es zu merken, von Eifersucht zerfressen. Mikes emotionaler Missbrauch und Gaslighting führten dazu, dass ich an mir selbst zweifelte und seiner "Wahrheit" über mich mehr glaubte, als mir selbst. Nach und nach, über mehrere Monate hinweg, hackte er so Stück für Stück von meinem Selbstbewusstsein, meinem Selbstvertrauen und meinem Lebensglück weg. Ohne dass ich es bemerkte.
Doch dann tat Mike etwas, das seinen Missbrauch meiner engsten Freundin gegenüber entlarven und meinen Befreiungskampf ins Rollen bringen sollte. Romina, meine engste Freundin seit der Schulzeit, hatte über die vergangenen beiden Jahre meinen Verfall beobachtet, wusste aber selbst nicht mehr, wie sie mir helfen konnte. Aber irgendwann machte Mike einen Fehler. Und Romina erkannte plötzlich etwas. Als wir das nächste Mal alleine zusammen saßen, brachte sie mich gegen meine ursprünglichen Bedenken dazu, ihr zu versprechen, über Narzissmus zu recherchieren.
Es war nicht nur der Beginn meiner schmerzhaften, traumatischen Befreiung, sondern sollte auch mein Menschenbild für immer verändern…
Was dann passierte, wie ein Freund von Mike plötzlich von Millionen an Schulden berichtete, wie Mike bedrohlich wurde und sich sein Partner überraschend gegen ihn auflehnte, was das Thema Narzissmus mit uns als queere Community zu tun hat und wie du dich vor emotionalem Missbrauch schützen kannst, das erfährst du hier im IWWIT-Blog.














