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Sachbuch

Eine feministische Trans-Verbündete, wie es sie in Deutschland nicht gibt

Unter dem Titel "Begehren und Widerstand" hat der Berliner Verlag etece buch die 25 einflussreichsten Texte der lesbischen Autorin Joan Nestle veröffentlicht – pünktlich zu ihrem 84. Geburtstag.


Die US-amerikanische Journalistin und Autorin Joan Nestle feierte am 12. Mai 2024 ihren 84. Geburtstag (Bild: Digby Duncan)

Es ist ein starkes Buch und überfällig dazu. Versammelt sind darin Texte der US-Amerikanerin Joan Nestle, geboren 1940 im New Yorker Stadtteil Bronx. Sie ist Lesbe, Feministin, Jüdin, Trans-Verbündete, war 1973 Mitgründerin des Lesbian Herstory Archives in New York, sie ist eine großartige Journalistin und Autorin erotischer Texte. Um es kurz zu machen, sie ist eine unglaublich faszinierende Frau, von der ich mir als trans Frau wünschte, im deutschen Feminismus gäbe es eine vergleichbar beeindruckende Persönlichkeit mit so viel Offenheit, Menschlichkeit und Weitblick.

Herausgegeben hat den im Verlag etece buch erschienenen Band Lara Ledwa, die seit einigen Jahren für das Lesbenarchiv Spinnboden e.V. in Berlin arbeitet. So viel vorab – eine unbedingte Leseempfehlung, ein Buch wie eine Erleuchtung. Fünf Übersetzer*innen waren am Entstehen des Readers beteiligt. Sie beweisen alle viel Sinn für die unterschiedlichen Tonlagen in den Texten und für Nestles direkte, geradezu unverschämt umstandslose, immer auch empowernde und dazu gleichermaßen einfühlsame wie poetische Sprache. Der Reader bietet einen Querschnitt aus Nestles bisheriger schriftstellerischer und aktivistischer Arbeit.

Die politische Bedeutung von Lust und Begehren


Der Reader "Begehren und Widerstand" ist am 12. Mai 2024 bei etece buch erschienen

Das Buch enthält, was der Titel verspricht: "Begehren und Widerstand" (Amazon-Affiliate-Link ). Nestle lässt uns in unterschiedlichen Textformaten, bei denen das Autobiografische und Biografische überwiegt, wissen, was lesbische Sexualität alles sein kann und macht uns dabei begreiflich, welch eminent politische Bedeutung Lust und Begehren haben. Weshalb Sex und Sexualität eine zentrale Rolle in ihrem Leben spielen. Sie klärt uns über Butch-Fem-Verhältnisse auf und sagt auch, was sie nicht sind und was sie in der Fremdwahrnehmung als klischeehafte Vorstellungen verwirft.

Wir erfahren sehr viel darüber, wie die lesbische Emanzipation im 20. Jahrhundert begann und wie wichtig bei allem die queere Solidarität ist und dass der in den 1970er Jahren einsetzende Feminismus immer wieder auch durch Ausgrenzungen nahe am Verrat gebaut war. Denn sie weiß nur zu gut: Freiheit ist immer die Freiheit der anderen.

Lesbischer Ally der trans Community

Wie ernst sie es mit der Solidarität meint, wird klar, wenn sie davon spricht, die Lesben- und Schwulenbewegung habe es nach Stonewall versäumt, die trans Community mit ins Boot zu nehmen, um sie in ihrem Kampf um Grundrechte zu unterstützen. Welche Feministin in Deutschland wäre mit Blick auf trans in der Lage, etwas zu schreiben wie beispielsweise dies hier:

Aber wir sind uns so sicher gewesen zu wissen, wer eine "Frau" und wer ein "Mann" ist, was Geschlecht bedeutet und was nicht […]. Es ist eine der komplexen Ironien von Befreiungsbewegungen, dass ihre leidenschaftlichen Gewissheiten oft die Notwendigkeit für zukünftige inklusivere Visionen von Emanzipation schaffen.

Nirgendwo ist mir so klar geworden, wieviel Wahrheit in der alten feministischen Parole "Das Private ist politisch" steckt, als in Nestles Texten. Emanzipation und Politik sind bei ihr nichts Abstraktes, sondern sie beschreibt, wie wir sie buchstäblich in und mit unserem Leben Tag für Tag verkörpern, auch zuweilen schmerzhaft dafür einstehen müssen, und wo sie zu etwas Fühlbarem werden. Trauer und Glück liegen da oft nahe beieinander.

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Nestles Feminismus ist Welten entfernt von einem "Emma"- und TERF-Feminismus. Die heute 84-Jährige stand einfach immer nur mitten im Leben, einem lustvollen und selbstbewussten Leben als Lesbe, woraus ihre Vorliebe für Realismus erwuchs. Diese Lebensnähe und Lebensbejahung, die alle miteinschließt, sind in ihrer Sprache stets gegenwärtig.

Beeindruckende Kostproben aus dem Gesamtwerk

Der Reader umspannt, wie gesagt, ihr gesamtes schriftstellerisches Schaffen und gibt daraus beeindruckende Kostproben. Das beginnt schon mit dem Auftakt "Meine Woman Poppa" und einem buchstäblich gloriosen Bekenntnis zum Butch-Fem-Sex. Der autobiografische Text "Verbotenes Land" führt in Nestles Jugend und einem Familienurlaub in Arizona, wo sie Antisemitismus pur erlebte. "Wie konnte die Schönheit dieses Landes nur so von Hässlichkeit besessen sein?", fragt sich die Autorin am Ende. Beeindruckend auch ihr Engagement in der Bürgerrechtsbewegung, als sie ihre Queerness noch als Geheimnis in sich trägt, und dem historischen Marsch von Selma nach Montgomery, der Hauptstadt von Alabama, um für das Wahlrecht der Schwarzen zu demonstrieren.

Erschütternd und schonungslos ehrlich der ausführliche Bericht über das schwierige Mutter-Tochter-Verhältnis (betitelt mit "Meine Mutter hat gern gefickt"), wo die Mutter in einem Brief darauf besteht: "Meine Sünden gehören mir. Punkt." Und ebenso: "Ich bin keine Mutter. Ich bin Regina, eine Frau." Berührend auch die Lebensgeschichte von Mabel Hampton, einer 1902 in New York geborenen Schwarzen Lesbe.

Nestle wehrt sich gegen das Klischee, Butch-Fem-Beziehungen seien der Abklatsch einer Hetero-Beziehung. Sie sind vielmehr "komplexe erotische Statements", und in den 1950er Jahren waren solche Beziehungen auch "Zeichen des Widerstands". Der Mainstream-Feminismus wollte davon nichts wissen: "Diese einschneidenden Erlebnisse der Ausgrenzung wegen eines sexuellen Stils prägen meinen Feminismus."

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"Historische Schwesternschaft" mit Sexarbeiter*innen

Geprägt hat sie auch das Bewusstsein einer "historischen Schwesternschaft" von Lesben und Prostituierten, denn "Huren sind genau wie Queers für die Gesellschaft nicht viel mehr als ein dreckiger Witz." Nestles Verteidigung einer bewusst gelebten und widerständigen Sexualität führte dazu, dass erotische Erzählungen eine wichtige Stellung in ihrem Leben einnehmen. Es gehe darum zu erzählen, "wie Berührung und Genuss und Verlangen das Leben stärken".

Das Schlusswort hat Joan Nestle, bei dessen Botschaft es wohl jeder trans Frau warm ums Herz wird, weil wir es von Feministinnen hierzulande noch nie gehört haben:

Wenn ich nur meine eigenen Träume kenne, dann werde ich nie verstehen, wo mein Verlangen nach Freiheit sich negativ auf die Geschichte anderer auswirkt, wo meine Interpretation eines anderen Lebens durch die Grenzen meiner eigenen Sprache, Vorstellungskraft oder Begierde geschwächt wird.

Infos zum Buch

Joan Nestle: Begehren und Widerstand. Herausgegeben von Lara Ledwa. Aus dem Englischen von Anna Kuntze, Bettina Wind, Desz Debreceni, Johanna Davids, Sabine Fuchs. 304 Seiten. etece Buch. Berlin 2024. Softcover: 25 € (ISBN 978-3-982-46364-3)

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