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Spacey, das "Monster mit den seelenlosen Augen"?
Der Vorwurf sexueller Belästigung hat Kevin Spacey einen massiven Karriereknick beschert. Nach dem Freispruch im Sommer 2023 erhebt die Doku "Spacey Unmasked" nun neue Anschuldigungen gegen den schwulen Star – gerät jedoch zum einseitigen TV-Tribunal.

Plakatmotiv zu "Spacey Unmasked": Die zweiteilige Doku kann ab 7. Juni 2024 bei discovery+ gestreamt werden (Bild: Channel 4)
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6. Juni 2024, 09:59h 5 Min.
"Wenn man im Aufzug steht, weiß man nicht, ob er nach oben oder unten fährt", philosophiert Kevin Spacey bei einer Preisverleihung. Noch ahnt der zweifache Oscar-Preisträger nicht, dass es wenig später für ihn abwärts geht. Ein Absturz, wie ihn kaum ein anderer Schauspieler zuvor erlebt hat. Im Zuge von #MeToo werden dem schwulen Darsteller 2017 Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs gemacht. Schauspieler Anthony Rapp wirft Spacey vor, ihn 1986 im Alter von 14 Jahren sexuell belästigt zu haben.
Die Karriere des US-Stars bricht wie ein Kartenhaus zusammen. Er verliert nicht nur den Job bei "House of Cards", sondern wird von dessen Produktionsfirma zudem auf 31 Millionen Dollar Schadenersatz wegen Vertragsbruch verklagt. Während diese Klage erfolgreich ist, endet der Zivil-Prozess in New York sowie ein Strafprozess in London wegen sexuellen Missbrauchs mit Freispruch.
Die zweiteilige Doku "Spacey Unmasked" erhebt nun neue Vorwürfe. Zehn Zeugen packen vor der Kamera aus, berichten von Vorfällen zwischen 1976 und 2013. "Keiner der Zeugen war am Gerichtsprozess beteiligt", erklärt eine Texttafel vorab. Als "Schlag ins Gesicht" bezeichnet einer von ihnen in der Doku den Freispruch im vorigen Sommer.
Spacey soll beim gemeinsamen Kriegsfilm-Gucken masturbiert haben
Ähnlich wie in der NDR-Doku "Gegen das Schweigen – Machtmissbrauch bei Theater und Film" vom März, sitzen die Betroffenen in einem kargen Raum auf einem Stuhl und erzählen direkt in die Kamera. Eingeblendet werden lediglich die Vornamen. Da wäre Daniel, ein Komparse in "House of Cards", der als CIA-Mann auftritt. Nach einer gemeinsamen Szene mit Spacey hätte dieser ihm anschließend in der Pause in den Schritt gegriffen. Für den damals 23-Jährigen ein Schock, den er bis heute nicht verdaut habe.
Ähnlich soll es dem gleichfalls heterosexuellen Scott, einem Ex-Marine und jungen Schauspieler, ergangen sein. Er wird nach eigenen Angaben von Spacey ins Kino eingeladen zu "Der Soldat James Ryan". Während der Vorstellung habe der Star begonnen zu masturbieren und den jungen Kollegen zum Mitmachen gedrängt. Das sei schließlich der Preis für eine Hollywood-Karriere, soll er gesagt haben.
Zwischendurch kommt immer wieder Randall Fowler, der ältere Bruder des Schauspielers, zu Wort. Er erzählt vom gewalttätigen Vater, einem Nazi-Sympathisanten, von dem er sexuell missbraucht wurde. Was das mit den Vorwürfen gegen Kevin Spacey zu tun hat, bleibt spekulative Küchenpsychologie: Ungeliebtes Kind wird zum übergriffigen Sex-Täter, der seine Macht ausnutzt und seinen Kick in der Demütigung seines Gegenübers findet? Da hätte man gern die Expertise von Fachleuten gehört. Gleichfalls eher spekulativ klingt der Vorwurf eines ehemaligen Mitschülers. Ihm soll Spacey in Teenie-Tagen bei einer Autofahrt an den Schritt gegriffen haben. Was wohl eher unter Sex-Versuche unter gleichaltrigen Jugendlichen abzuheften wäre als in einer Doku über sexuellen Missbrauch.
Nur Zeugen der Anklage
Als methodische Schwäche der gravierenden Art erweist sich, dass bei diesem TV-Tribunal ausschließlich Ankläger vertreten sind. Deren Geschichten, bisweilen sentimental mit eingespielter Hintergrundmusik und mit Tränen in Szene gesetzt, kann man glauben. Oder eben nicht. Immer wieder wird von Spacey als "Monster mit seelenlosen Augen" gesprochen.
Warum es keinerlei Entgegnung auf die Vorwürfe gibt, erklärt die Doku mit einer banalen Texttafel am Ende: "Spacey sagt, dass er nicht genügend Zeit bekommen habe, um auf die Vorwürfe der Zeugen einzugehen. Dass er solche Vorwürfe schon immer bestritten und vor Gericht erfolgreich damit war."
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Da hätte man schon gerne die Zusammenhänge erfahren: Wie viel Zeit wurde Spacey eingeräumt für eine Reaktion? Weshalb hatte es die Doku so eilig? Gegenüber den Journalisten Dan Wootton äußert sich Spacey in einem Interview schließlich ja sehr schnell. Dort nimmt er Stellung zu den Vorwürfen. "Ich übernehme die volle Verantwortung für mein früheres Verhalten und meine Taten, aber ich kann und werde mich bei niemandem entschuldigen, der etwas über mich erfunden oder übertrieben hat", sagt er dort. Er habe nie jemandem angeboten, dass er ihm gegen sexuelle Gefälligkeiten bei seiner Karriere helfen werde. In diesem Interview sagt er zudem, dass sein Coming-out just während des Skandals ein "schreckliches Timing" gewesen sei. Ursprünglich sollte das passieren, hätte er einen Emmy für "House of Cards" gewonnen.
Weiterreichende Fragen: Fehlanzeige
Das Thema Coming-out wird in der Doku vergleichsweise kurz angerissen. "Gay war einfach ein klarer Karriere-Killer", heißt es mit Blick auf Rupert Everett, dem attraktive Rollen verwehrt blieben. Auch das gilt als Grund, weshalb Spacey sich vehement weigerte, Angaben zu seiner sexuellen Orientierung zu machen. Oder der im "Playboy"-Interview ein "I am not gay" postulierte.
Zu diesem Themenfeld hätte man in einer Doku, zumal wenn sie den Titel "Unmasked" trägt und zweiteilig angelegt ist, durchaus mehr bieten und weitreichendere Fragen stellen können. Etwa, welche Vorurteile bedient werden, wenn es ein älterer Schwule ist, der sich an Teenager heranmacht? Weshalb die #MeToo-Bewegung auffallend wenig Vorfälle mit queerer Thematik zu Tage brachte. Warum ausgerechnet das Showbiz solche Strukturen und Abhängigkeitsverhältnisse bietet, in denen sexuelle Übergriffe offenbar besonders gut gedeihen und die gern als "Casting-Couch" verniedlicht werden?
Derweil fährt der Aufzug für Spacey wieder aufwärts. "Taxi Driver"-Autor Paul Schrader will ihn für seinen geplanten Frank-Sinatra-Film besetzen: "Ich hätte Kevin nicht engagiert, wäre er verurteilt worden. Aber er wurde nicht verurteilt", sagt der Hollywood-Veteran.
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