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Pubertätsblocker & Co.
Eltern von trans Kindern schreiben Offenen Brief an Bundesärztekammer und Lauterbach
Nach zwei Beschlüssen zur Einschränkung der Selbstbestimmung und medizinischen Versorgung von trans Jugendlichen üben Elterngruppen und queere Verbände deutliche Kritik.

Symbolbild: Trans Junge Dylan auf dem Weg zu seiner ersten Pride-Demonstration (Bild: Daydreamerboy / wikipedia)
- 7. Juni 2024, 14:08h 4 Min.
In einem von mehreren queeren Verbänden mitunterzeichneten Offenen Brief (PDF) haben sich unter anderem Sorgeberechtigte und Eltern von trans* und nichtbinären Kindern an Dr. med. Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer, und Bundesgesundheitsminister Prof. Dr. Karl Lauterbach (SPD) gewandt. Darin bitten sie um eine Stellungnahme und Austausch – und darum, "die Gesundheitsversorgung nicht zum Spielball rechtskonservativer bevormundender Politik werden zu lassen".
Hintergrund sind zwei Beschlüsse beim Deutschen Ärztetag im Mai in Mainz. In einem wird – entgegen dem Sinn des kurz zuvor vom Bundestag nach langer Debatte verabschiedeten Selbstbestimmungsgesetzes (SBGG) – gefordert, es Personen unter 18 nicht zu gestatten, "ohne vorherige fachärztliche kinder- und jugendpsychiatrische Diagnostik und Beratung Angaben zu ihrem Geschlecht und Personenstand im Personenregister vorzunehmen oder vornehmen zu lassen".
Pubertätsblocker, geschlechtsangleichende Hormontherapien und Operationen seien Minderjährigen zudem "nur im Rahmen kontrollierter wissenschaftlicher Studien und unter Hinzuziehen eines multidisziplinären Teams sowie einer klinischen Ethikkommission und nach abgeschlossener medizinischer und insbesondere psychiatrischer Diagnostik und Behandlung eventueller psychischer Störungen zu gestatten".
Diese Beschlüsse würden "eine gesunde Entwicklung und medizinische Versorgung unserer Kinder gefährden", heißt es in dem Offenen Brief, der unter anderem vom Arbeitskreis Eltern-Kind und vom Vorstand der dgti e.V., von Vorständen von Trans-Kinder-Netz e.V., des Jugendverbands Lambda und des Bundesjugendrings sowie von weiteren Verbänden und Elterngruppen unterzeichnet wurde.
Bevormundung und Diskriminierung statt Selbstbestimmung
Der Offene Brief befasst sich ausführlich mit den beiden Beschlüssen. So sei es "wertvoll", dass es künftig keine "pathologisierende psychologisch-psychiatrische Befragung" mehr zur Änderung des Geschlechtseintrags und Vornamens geben soll. Das SBGG könne alltägliche und strukturelle Diskriminierung im Bereich Schule und Ausbildung mindern: "Wir sehen immer wieder Jugendliche, die erst eine Ausbildung oder ein Studium beginnen können, wenn Vorname und Personenstand amtlich geändert sind, da sie es als zu belastend empfinden, sich unter ihrem falschen Namen bewerben und sich deshalb im Rahmen des Bewerbungsverfahrens umfassend erklären zu müssen."
Man verwehre sich gegen die Darstellung der Kinder "als unaufgeklärte und unmündige Personen, die vor fremdbestimmenden Erwachsenen und scheinbar übereilten Entscheidungen geschützt werden müssten". Das entspreche nicht der Realität. Man empfinde "die Forderung nach einer rückwärtsgerichteten psychologisch-psychiatrischen Zwangsberatung als bevormundend, adultistisch, überholt" und sehe darin einen Verstoß gegen die Kinderrechtskonvention im Bereich Diskriminierungsverbot und Wohl des Kindes.
Im Bereich der medizinischen Versorgung komme es bei Jugendlichen selten zu operativen Maßnahmen. Bei Pubertätsblockern erlebe man in der Praxis "keinerlei Leichtfertigkeit" oder "übereilte Maßnahmen" seitens der behandelnden Therapeut*innen, vor denen Kinder geschützt werden müssten, sondern mehrjährige Prozesse in Übereinstimmung der Beteiligten. Ein Zwang zur Teilnahme an Studien bei sonstiger Verwehr der Behandlung sei medizinethisch nicht akzeptabel. Der Beschluss der Ärztekammer folge vor allem "rechtskonservativen Entwicklungen anderer Länder", kritisiert der Offene Brief. Trans Kinder litten unter "massiven psychischen Begleiterscheinungen, die nur durch angleichende Maßnahmen gemildert werden können. Transition ist keine Frage der Wahl; sie ist eine alternativlose Notwendigkeit. Ein jeder Mensch hat das Recht auf ein glückliches Leben und die Transition ist für unsere Kinder dafür unabdingbar."
Kinderrechte und -würde achten
Man wolle mit dem Brief nicht für politische Auseinandersetzungen benutzt werden, heißt es abschließend. "Unser Fokus liegt auf der Begleitung unserer Kinder, deren Rechte wir hiermit vertreten, wie es unser Erziehungsauftrag von uns fordert. Wir wehren uns deutlich gegen die Darstellung, hier müsste für uns mitgedacht werden. Dies ist mitnichten der Fall. Wir müssen weder vor der Transition unserer Kinder noch vor deren Entscheidungen geschützt werden."
Vielmehr brauche es "die Wahrung der Kinderrechte, die Wahrung unserer Würde, medizinisch relevante Maßnahmen für unsere Kinder und ein diskriminierungsarmes Umfeld, insbesondere im Bereich der Therapie und medizinischen Versorgung." Bundesärztekammer und Politik seien gefordert, "dies auch zukünftig zu gewährleisten, sodass auch unsere trans* und nicht-binären Kinder eine gleichberechtigte Zukunft gestalten können." (cw)














