https://queer.de/?49836
2034 ernsthaft in Saudi-Arabien?
Fußball: Amnesty fordert bei WM-Vergaben Beachtung von Menschenrechten
Die Menschenrechtsorganisation prangert in einem neuen Bericht Missstände bei den mutmaßlichen Ausrichtern der Weltmeisterschaften 2030 und 2034 an.

Die Fußball-WM ist mehr als nur ein Sportturnier: Illustration von Amnesty International zum neuen Bericht zur Lage der Menschenrechte in den Bewerberländern um die WM 2030 und 2034
- 7. Juni 2024, 16:18h 6 Min.
Der Weltfußballverband FIFA muss sicherstellen, dass bei den Bewerbungen um die Ausrichtung der Weltmeisterschaften der Männer 2030 und 2034 die Menschenrechte in vollem Umfang gewahrt werden. Das forderte Amnesty International in einem am Donnerstag veröffentlichten Bericht, der Verletzungen in den Ländern zusammenstellt. Die FIFA müss jedes Gebot ablehnen, bei dem die Gefahr besteht, dass das größte Sportereignis der Welt erneut durch Missstände beeinträchtigt wird.
Dauerkritik an der Vergabe und Durchführung der WM in Katar 2022 war an der FIFA abgeprallt, der Verband hatte sich mit Verboten von Regenbogen- oder "One Love"-Binden praktisch gar auf die Seite des Staates gestellt, der Homosexuelle mit mehrjährigen Haftstrafen bedroht (queer.de berichtete). Nach dem Turnier soll die Verfolgung queerer Menschen in dem Emirat noch zugenommen haben (queer.de berichtete). Nach der WM 2026 in Kanada, Mexiko und den USA stehen dem Weltverband nun neue Entscheidungen und Diskussionen ins Haus.
Praktisch sind die beiden Weltmeisterschaften schon vergeben: 2030 an ein gemeinsames Angebot von Marokko, Spanien und Portugal, mit zusätzlichen Einzelspielen in Argentinien, Paraguay und Uruguay – die Fifa fasste die beiden Dreierbewerbungen als einzige Bewerbungen zusammen. Für 2034 ist Saudi-Arabien der einzige Bewerber. Der umstrittene Fifa-Präsident Gianni Infantino hatte die WM im Verfolgerstaat im letzten Oktober angekündigt. Eine offizielle Bestätigung der Vergabe ist noch nicht erfolgt.
"Für jedes Turnier gibt es nur jeweils eine Bewerbung und beide sind mit erheblichen Menschenrechtsrisiken behaftet", kritisiert Katja Müller-Fahlbusch, Expertin für die Region Naher Osten und Nordafrika bei Amnesty International in Deutschland. "Da stellt sich die Frage, ob die FIFA sich an die in den vergangenen Jahren gemachten Zusagen und Reformen halten und von ihrem Recht Gebrauch machen wird, jede Bewerbung abzulehnen, die nicht ihren erklärten Anforderungen entspricht."
Verfolgung von LGBTI in Marokko
Der Bericht "Playing a Dangerous Game? Human Rights Risks Linked to the 2030 and 2034 FIFA World Cups" (PDF) sieht in den drei geplanten Hauptausrichtern 2030 Risiken vor allem in Bezug auf Arbeitsrechte, Diskriminierung, Meinungs- und Versammlungsfreiheit, Polizeigewalt, Privatsphäre und das Recht auf Wohnen. In Marokko würden umfangreiche Baumaßnahmen erforderlich, während eine geplante Gesetzgebung zur Verbesserung der Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz noch verabschiedet werden müsse. Mögliche rechtswidrige Zwangsräumungen seien ein ernstzunehmendes Risiko.
In den drei vorgeschlagenen Gastgeberländern seien Arbeitsmigrant*innen der Gefahr von Ausbeutung und anderen Menschenrechtsverletzungen, einschließlich Menschenhandel, ausgesetzt. Auch komme es in allen Ländern zur exzessiven Anwendung von Polizeigewalt, darunter der Einsatz von Gummigeschossen.
Portugal und Spanien haben umfangreiche Antidiskriminierungsgesetze, hätten aber mit Rassismus und Sexismus im Sport zu kämpfen. Mit Marokko fiele die Wahl nach Katar 2022 erneut auf ein Land, das Homosexualität kriminalisiert. Gleichgeschlechtlicher Sex kann mit Geldstrafen oder Haft zwischen sechs Monaten und drei Jahren bestraft werden. Laut Menschenrechtsorganisationen wurden zwischen 2017 und 2020 838 Personen nach dem Paragrafen strafrechtlich verfolgt. Gemäß weiteren Berichten gibt es immer wieder Verfolgungen, auch von trans Personen nach einem Gesetz zu öffentlicher Moral.
Todesstrafe und Auspeitschungen
Die mit der Bewerbung Saudi-Arabiens um die FIFA-Weltmeisterschaft 2034 verbundenen Risiken seien dabei, "für Arbeitsmigrant*innen, Fans, Journalist*innen und saudische Bürger*innen", von "einem ganz anderen Ausmaß und Schweregrad", beklagt Amnesty. "Saudi-Arabien weist eine erschreckende Menschenrechtsbilanz auf, und die Bewerbung birgt eine große Bandbreite sehr ernster Gefahren. Das Königreich hat in den letzten Jahren Milliarden für eine Kampagne zur Imageverbesserung ausgegeben und sich dabei stark auf Investitionen in den Sport, einschließlich des Fußballs, gestützt, um von seiner desolaten Menschenrechtsbilanz abzulenken."
Der englischsprachige Amnesty-Bericht formuliert etliche Bedenken zu Zwangsräumungen und der Behandlung von meist ausländischen Arbeitskräften. Es gebe "kaum oder gar keine Meinungs-, Vereinigungs- oder Versammlungsfreiheit. Unabhängige Menschenrechtsorganisationen, politische Parteien oder Gewerkschaften sind nicht zugelassen, und in den letzten Jahren kam es zu flächendeckenden Verhaftungen und Inhaftierungen von Journalisten, Menschenrechtsverteidigern, politischen Aktivisten, Schriftstellern, Geistlichen und Frauenrechtlerinnen. Die Repressionen erstrecken sich auch auf das Internet."
Das Land verbiete jegliche Religionsausübung außerhalb des Islams und gehe auch gegen die Minderheit der Schiiten vor. So seien 12 schiitische Anhänger eines Fußballclubs wegen folkloristisch-religiöser Fangesänge zu Haftstrafen verurteilt worden. Frauen sind noch immer eingeschränkten Rechten und Diskriminierungen ausgesetzt. "Frauen, die bei der WM arbeiten oder dort anwesend sind, sind dem Risiko von Missbrauch und eingeschränktem Zugang zu Rechtsmitteln ausgesetzt."
Zu queeren Menschen vermerkt Amnesty: "Nach der Auslegung des Scharia-Gesetzes durch das Land sind sexuelle Beziehungen außerhalb der Ehe verboten, einschließlich 'Ehebruch', außerehelichen und gleichgeschlechtlichen Beziehungen. Ein durchgesickerter Entwurf eines neuen Strafgesetzbuches wird dieses Verbot weiter kodifizieren, während 'Cross-Dressing' bereits mit Gefängnisstrafen von bis zu drei Jahren bestraft wird. In Saudi-Arabien wurden Menschen inhaftiert und ausgepeitscht, weil sie soziale Medien nutzten, um gleichgeschlechtliche Dates zu arrangieren, und wurden Menschen nach den Vorschriften des Landes zur öffentlichen Ordnung und Moral sowie dem Gesetz zur Bekämpfung von Cyberkriminalität strafrechtlich verfolgt."
Saudi-Arabien gilt als einer der wenigen Staaten der Erde, der Homosexualität nicht nur mit der Todesstrafe bedroht, sondern diese auch zumindest in einigen Fällen tatsächlich durchgeführt hat. Auch Gefängnis- und Folterstrafen sind nach dem Scharia-Recht möglich und wurden verhängt, Ausländern droht eine Ausweisung. Für Schlagzeilen sorgte im letzten Jahr eine Stellungnahme des Tourismusamtes zu LGBTI-Reisenden: "Jeder ist willkommen in Saudi-Arabien und Besucher werden nicht dazu aufgefordert, solche persönlichen Informationen offenzulegen." Der Amnesty-Bericht weist auf diese Aussage hin, offenbar in der Befürchtung, die FIFA könnte diese als Garantie ansehen. Kurz zuvor hatte der Weltverband bereits die Club-WM für den Winter 2023 an Saudi-Arabien vergeben (queer.de berichtete).
Rote Karte für Saudi-Arabien?
Der Bericht betont, dass die FIFA gemäß ihren eigenen Regularien die Fußball-WM nicht an Bewerberländer vergeben darf, die die Menschenrechte nicht garantieren, und dass sie jede Vereinbarung über die Ausrichtung des Turniers kündigen muss, wenn die Menschenrechte gefährdet sind oder verletzt werden.
Zu den wichtigsten Empfehlungen des Berichts gehört, dass die FIFA bei jeder Bewerbung eine wirklich unabhängige Bewertung der Menschenrechtsrisiken vornehmen und verbindliche Zusagen der Gastgeberländer einholen muss, um Menschenrechtsverletzungen zu verhindern. Diese müssen strenge Systeme zur Überwachung und Durchsetzung ihrer Umsetzung, einschließlich Beschwerdemechanismen und Zugang zu wirksamen Rechtsmitteln, umfassen.
Um Menschenrechtsverletzungen im Zusammenhang mit der Bewerbung Saudi-Arabiens für die FIFA-Weltmeisterschaft 2034 zu verhindern, wären grundlegendere Reformen erforderlich, einschließlich umfassender Änderungen des Arbeitsrechts zum Schutz der Arbeitsmigrant*innen und der Freilassung von Aktivist*innen und Menschenrechtsverteidiger*innen, die zu Unrecht in Haft sind.
Realistisch scheint das ebenso unwahrscheinlich wie eine Absage durch die FIFA. (cw)














