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Der dornenreiche Weg zur Regenbogen­familie

Abwechslungsweise berührend, witzig und tragisch erzählt die britische Mini-Serie "Lost Boys and Fairies" von den Bemühungen eines langjährigen schwulen Paares, ein Kind zu adoptieren.


Die Miniserie "Lost Boys and Fairies" kann seit dem 3. Juni 2024 im BBC iPlayer gestreamt werden (Bild: BBC)

Rund 36.000 gleichgeschlechtliche Paare mit minderjährigen Kindern lebten 2023 in Deutschland. Die Zahl habe in den letzten Jahren deutlich zugenommen, hielt das Bundesfamilienministerium kürzlich fest. Adoptieren dürfen sie seit 2017. In Großbritannien ist dies bereits seit 2002 möglich und wirkt in der neuen Mini-Serie "Lost Boys and Fairies" vielleicht auch deshalb geradezu selbstverständlich.

In einer der witzigsten Sequenzen der Serie trifft das adoptionswillige schwule Paar Andy und Gabriel deshalb nicht nur auf diverse Heteros, sondern auch auf lesbische Konkurrenz. Konkret geht es darum, nach langwierigen tiefschürfenden Eignungsgesprächen mit einer Sozialarbeiterin erstmals reale Kinder zu treffen, für die Adoptiveltern gesucht werden. Und zwar gleich eine ziemlich große Auswahl, die der besseren Übersicht halber in einem Katalog mit Fotos und ein paar Eigenschaften präsentiert wird. Ein bisschen wie ein Verkaufsprospekt eines Versandhandels – für eine Veranstaltung, die Gabriel ironisch als "Speeddating mit Kindern" kommentiert.

Die Suche nach dem perfekt passenden Kind

Die hoffnungsvollen Paare, die sich gemäß Vorgaben der Veranstalter*innen alle in Superheldenkostüme geworfen haben, stürzen sich dort wie hungrige Hyänen auf die Kinder, in der Hoffnung, dass bei den Einzelbegegnungen etwas passiert, das sich wie eine emotionale Verbindung anfühlt. Und sie hier das ersehnte, perfekt passende Kind finden.

Andy und Gabriel, die zufälligerweise die exakt gleichen Superman-Shirts tragen wie das lesbische Paar, sind zunächst völlig überfordert und ziehen sich nach ersten Begegnungen frustriert in ein leeres Zimmer zurück, um Dampf abzulassen. Sie wissen, sie wollen ein Mädchen, nicht älter als sechs Jahre. Aber diese anderen Eltern, und überhaupt diese Veranstaltung…

Während sie noch wenig jugendfrei lästern, meldet sich unter ihrem Sofa plötzlich eine Stimme – und hervor krabbelt Jake, der die Lästerei super und die beiden verdutzten Männer offensichtlich sehr sympathisch findet. Sie ihn irgendwie auch. Aber eigentlich wollten sie doch ein Mädchen unter sechs und keinen siebenjährigen Jungen mit einem schwierigen familiären Hintergrund. Andy ist ziemlich rasch Feuer und Flamme für Jake, Gabriel jedoch zögert. Und wirkt generell so, wie wenn er das mit dieser Adoption eher Andy zuliebe macht als von sich aus.

Scham und Trauma aus den 1980er Jahren

Auf dem Weg zur Regenbogenfamilie lernen wir auch die Geschichten der beiden Männer näher kennen. Derweil Andy gut behütet und ohne große Probleme aufgewachsen ist, verlor Gabriel schon früh seine Mutter und hat ein kompliziertes Verhältnis zu seinem Vater, einem Pastor. Zudem wurden beide von den schwierigen 1980er Jahren geprägt, wo nicht nur Aids wütete, sondern in Großbritannien zusätzlich die homophobe Eiserne Lady Margaret Thatcher. So richtig glücklich wirkt Gabriel vor allem auf der Bühne eines queeren Nachtclubs in Cardiff, wo er regelmäßig im Glitzerkostüm mit Popklassikern auftritt.

Direktlink | Englischer Originaltrailer zur Mini-Serie
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Nach einigem emotionalem Auf und Ab entscheiden sich die beiden schließlich für Jake, doch gibt's auch schon schnell die ersten Komplikationen im Umgang mit ihm. Und als sich die Lage langsam entspannt, mischt ein tragisches Ereignis die Karten nochmals völlig neu.

Emotionale Achterbahnfahrt

"Lost Boys and Fairies" ist eine überzeugend gespielte, emotionale Achterbahnfahrt und wirft dabei einen ebenso ernsthaften wie teils auch komischen Blick aufs Adoptionswesen. Der mit vielen walisischen Dialogen gespickte Dreiteiler bietet zudem einen raren Einblick in diese mittelalterlich klingende Sprache, die in Gabriels Leben eine große Rolle spielt. Ganz nebenbei lernt man etwa lustige kehlige Zungenbrecher wie gwrywgydiwr (= homosexuell).

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Und auch die Generationsreibereien werden thematisiert, wenn Gabriel dem nochmals deutlich älteren Nachtclubbesitzer gesteht, er fühle sich manchmal wie ein Dinosaurier, wenn er sich anschaue, was die queere Jugend so veranstalte und fordere.

Die von der BBC produzierte Mini-Serie basiert zumindest teilweise auf den realen Erfahrungen des walisischen Drehbuchautors Daf James, der selbst mit seinem Mann drei Kinder adoptiert hat. Dies habe seine Identität und seine Sicht auf die Welt völlig verändert, erklärte er in einem Interview.

Ihm war jedoch wichtig, nicht nur eine queere Geschichte zu erzählen, sondern dabei auch die Schicksale von Adoptivkindern wie Jake auszuleuchten, die von Sozialarbeiter*innen aus schwierigen Familien "gerettet" werden. "Doch meist sind die Geburtseltern in dieser Situation, weil sie selbst nicht geliebt wurden und ihre eigenen Traumata haben", sagt Daf James. "Als Gesellschaft sind wir auch für diese Menschen verantwortlich. Es geht mir also um viel mehr als nur gleichgeschlechtliche Adoption, es ist eine Geschichte über die ganze Spannbreite der Gesellschaft."

-w-