https://queer.de/?49848
Kinostart
Eine queere Erzählung des American Dream
In "Problemista" trifft ein ambitionierter Salvadorianer in New York auf eine toxische Tilda Swinton als Chefin. Der erste Film des schwulen Comedy-Autors Julio Torres ist eine surrealistische Komödie mit ernsten Tönen.

Spielzeugdesigner Alejandro (Julio Torres) will sich New York City seinen Traum erfüllen (Bild: Universal Pictures)
- Von
9. Juni 2024, 06:00h 4 Min.
Es ist eine magisch-verwunschene Welt, die Alejandros Mutter für ihren Sohn gebaut hat. Ein Paradies für ein Kind: Mitten im unendlichen Urwald von El Salvador steht ein buntes Gebilde, das als Klettergerüst nur unzureichend beschrieben wäre. Doch die Künstlerin träumt immer wieder davon, dass ihr wohlbehütet aufgezogener Sohn irgendwann diese Welt verlässt.
Die Wahrheit in El Salvador sieht dagegen ganz anders aus: Lange Zeit galt der mittelamerikanische Staat als gefährlichstes Land der Welt, die Mordrate weit über hundertmal so hoch wie in Deutschland. Seit 2019 regiert der 42-jährige Präsident Nayib Bukele, der sich selbst als coolsten Diktator der Welt bezeichnet. Die Mordrate konnte er drastisch senken. Sein Rezept: Staatsterror statt Bandengewalt.
Sein Ziel: Spieleentwickler werden

Poster zum Film: "Problemista" startet am 13. Juni bundesweit im Kino
Von all dem ist in "Problemista" natürlich nichts zu sehen. Alejandro verlässt den Dschungel Richtung New York City. Er hat ein großes Ziel: Der unsichere junge Mann möchte Spielentwickler bei Hasbro werden. Doch auf seine Bewerbung erhält er eine automatisierte Absage.
Um im Land bleiben zu können, braucht er einen Job. Also arbeitet er für eine Firma, die Menschen einfriert – in der Hoffnung, dass in Jahrhunderten die Technik so weit ist, dass sie wiederaufwecken können. Dort lernt er die Kunstkritikerin Elizabeth (Tilda Swinton) kennen, deren Mann Bobby diesen Service in Anspruch nimmt.
Elizabeths Mann malte nur Eier
Es scheint, das Wort exzentrisch sei nur für Elizabeth geschaffen worden: Ihre welligen Haare sind hibiskusfarben – mit deutlichem Ansatz – und zerzaust. Sie trägt schrille Outfits, sie schnauzt die Menschen in ihrem Umfeld an, ist neurotisch, fordernd und extrem anspruchsvoll. Eigene Fehler sieht sie nie. Schuld sind immer die anderen, unter denen sie zu leiden hat wie keine andere. Deutliche "Der Teufel trägt Prada"-Vibes sind da zu spüren, nur dass Elizabeth viel chaotischer und lauter ist als Miranda Priestly.
Anders gesagt: Sie ist eine wunderbare Herausforderung für Alejandro, der gerade in seiner Firma gefeuert wurde und dringend einen Job braucht. Elizabeth sucht einen Assistenten, der eine Ausstellung für ihren eingefrorenen Mann organisiert. Das Problem: Der kannte in seiner Karriere nur ein einziges Motiv – Eier. Das kommt in der New Yorker Kunstszene nicht ganz so gut an. Doch Alejandro ist abhängig von ihr. Scheitert die Ausstellung, muss er zurück.
|
Die quälende Bürokratie
In diesem Sinne sind beide Figuren ein*e Problemista: Das spanische Wort bezeichnet problematische Menschen, Störenfriede. Der junge Mann könnte auch einfach aufgeben, doch er nimmt sich der größtmöglichen Herausforderung an. In einem Interview mit der "Vogue" sagt Regisseur, Autor und Hauptdarsteller Julio Torres, er meint damit aber auch Menschen, die sich in allen Situationen schreckliche Albträume ausmalen. "Vielleicht gibt es etwas, das man aus so einem Albtraum mitnehmen kann."
Und ja, das tut Alejandro: Er muss sich durch die US-amerikanische Einwanderungsbürokratie quälen, doch sein Durchhalten wird belohnt. Von Elizabeth lernt er, sich das zu nehmen, was ihm zusteht – oder es zur Not vehement einzufordern.
Ein absurdes System
"Problemista" ist der erste Film von Julio Torres. Wie seine Hauptfigur wurde er in El Salvador geboren und ging nach New York. Dort arbeitet er mittlerweile als Comedy-Autor für "Saturday Night Live". Der offen schwule Autor schrieb auch die gefeierte HBO-Serie "Los Espookys".
Mit "Problemista" hat er eine Komödie geschaffen, die bei einer grundsätzlich realistischen Erzählweise immer wieder auf gelungene surrealistische Szenen setzt: Wenn Alejandro mal wieder in der Bürokratie gefangen ist und von Stockwerk zu Stockwerk klettert, aber immer im selben Büro landet. Wenn seine Zeit bis zur Ausweisung läuft und der Sund durch Dutzende Sanduhren rinnt. Das System ist so absurd, dass es so absurd wie möglich erzählt werden muss.
Die queere Community braucht eine starke journalistische Stimme – gerade jetzt! Leiste deinen Beitrag, um die Arbeit von queer.de abzusichern.
Tilda Swinton stiehlt allen die Show
Oder, eine der coolsten Szenen: Immer wenn Alejandro auf ein personifiziertes Craigslist (den schwulen Comedian Larry Owens) trifft. Aus dem Kleinanzeigenportal wird eine bunte, verführerische Dragqueen, die ihm den ein oder anderen Nebenjob verschaffen möchte. Und die in ihrem lilafarbenen Untergrund ganz an Ursula aus "Arielle" erinnert.
Die Komödie verlässt sich zwar auf eine typische Dramaturgie, solche Szenen machen den Film aber zu etwas wirklich Besonderem. Neben Tilda Swinton als Elizabeth bewährt sich Julio Torres als Alejandro ganz gut – doch natürlich stiehlt sie ihm die Show. Und trotz seiner hängenden Schultern und kleinen unsicheren Schritte kommt Alejandro Stück für Stück seinem Traum näher.
"Problemista" erweitert die vielen Geschichten des American Dream um eine surrealistische, sehr queere Erzählung. Der Film hat stellenweise ernste Töne, bricht sie aber meist gleich wieder. Insbesondere dank Tilda Swinton, der vielen hübschen gestalterischen Ideen und einem überraschenden, klugen Witz macht der Film aber vor allem großen Spaß.
Problemista. Komödie. USA 2023. Regie: Julio Torres. Cast: Julio Torres, Tilda Swinton, RZA, Isabella Rossellini, Greta Lee, Catalina Saavedra, James Scully, Laith Nakli, Miles G. Jackson, Larry Owens, Kelly McCormack. Laufzeit: 98 Minuten. Sprache: englische Originalfassung mit deutschen Untertiteln. Verleih: Universal. Kinostart: 13. Juni 2024
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de
21:45h, ZDF:
Ku'damm 77 – Die Dokumentation
Die Doku begleitet die "Ku'damm"-Staffel und ordnet die Ereignisse im Jahr 1977 historisch ein, u.a. über Filmfigur Wolfgang von Boost, der mit seiner Homosexualität erpresst wird.
Doku, D 2025- 5 weitere TV-Tipps »















