Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?49853

Zal Batmanglij

"Für mich sind alle meine Geschichten queere Geschichten"

Mit der Netflix-Serie "The OA" landete der schwule Regisseur Zal Batmanglij einen Kulterfolg, zuletzt brachte der Amerikaner die Krimiserie "A Murder at the End of the World" an den Start. Wir trafen ihn in Lille zum Interview.


Regisseur Zal Batmanglij (Bild: SeriesMania)

Gleich mit seinem ersten Film "Sound of My Voice" sorgte Zal Batmanglij 2011 im US-Independent-Kino für Aufsehen, zwei Jahre später folgte "The East" (u.a. mit Elliot Page und Alexander Skarsgård). Einen echten Kulterfolg landete der schwule Regisseur – Bruder des ebenfalls schwulen Vampire-Weekend-Musikers Rostam – schließlich mit der mysteriösen Serie "The OA", die Netflix nach zwei Staffeln und ohne echtes Ende absetzte. Zuletzt brachte der Amerikaner die gelungene Krimiserie "A Murder at the End of the World" mit Emma Corrin an den Start, die mit viel Glück im Juli für ein paar Emmys nominiert wird.

Wir konnten Batmanglij ein paar Fragen stellen, als er kürzlich beim SériesMania-Festival in Lille die Wettbewerbs-Jury leitete.

Zal, Ihr Name steht geraumer Zeit für außergewöhnliche Serien leicht abseits des Mainstreams, aber eigentlich fingen Sie mal im Kino an. Staunen Sie manchmal noch, wohin Ihr Weg Sie geführt hat?

Auf jeden Fall, denn ich hatte mir nie bewusst vorgenommen, unbedingt Serien machen zu wollen. Aber bei "The OA" reizte es mich einfach sehr, so eine metaphysische, bewusstseinsverändernde Geschichte mal wirklich in ausführlich zu erzählen. Und Netflix versprach damals völlige künstlerische Freiheit, das gehörte zu deren Grundsätzen. Meine Mitstreiterin Brit Marling und ich hatten keine Ahnung, wie man Serien macht, aber haben es einfach ausprobiert. "The OA" war in jeder Hinsicht ein Experiment, für uns genauso wie fürs Publikum. Ich habe allerdings nicht das Gefühl, dass das aktuell noch etwas ist, wonach die Leute suchen, wenn sie abends den Fernseher einschalten. Raum für Experimentelles mag es heutzutage anderswo geben. Aber bei den Streamingdiensten sucht man Ablenkung und Entspannung.

Bei Netflix nahm "The OA" nach zwei Staffeln auch kein gutes Ende. Hat Sie diese Erfahrung bei der Arbeit an "A Murder at the End of the World" beeinflusst?

Berechtigte Frage, und vielleicht tat es das, ohne dass ich mir darüber wirklich bewusst war. Aber eigentlich war unser Ansporn nur die bezwingende Idee, die Brit hatte. Wir alle lieben Krimis und vor allem Mordgeschichten – und von denen beginnen nicht wenige mit der nackten Leiche einer wunderschönen jungen Frau. Warum muss da so sein? Und was passiert, wenn wir dieses Genre auf den Kopf stellen? Wenn wir diese junge Frau vom Blut befreien, wieder anziehen und sie dazu einladen, das Verbrechen aufzuklären, anstatt nur das Opfer zu sein? Darum ging es uns, nicht darum, uns mehr an die Regeln zu halten und nicht anzuecken.

Aber fühlten Sie – dieses Mal unter dem Mantel des Disney-Konzerns – noch die gleiche kreative Freiheit?

Interessanterweise ja. Man stellte uns ein erfreuliches hohes Budget zu Verfügung, was keine Selbstverständlichkeit ist, wenn man eine Geschichte mit weiblicher Hauptfigur erzählt. Die Zusammenarbeit mit den Sender-Verantwortlichen war immer sehr eng und offen, wir fühlten uns da nie eingeschränkt. Und wir haben uns auch nicht verbogen und irgendwie dem Mainstream angepasst, selbst wenn manche das denken, weil wir uns eines beliebten Genres angenommen haben. Aber was wir damit anstellen, ist letztlich ziemlich radikal.

Die Queer-Kollekte
Die queere Community braucht eine starke journalistische Stimme – gerade jetzt! Leiste deinen Beitrag, um die Arbeit von queer.de abzusichern.
Jetzt unterstützen!

Mit Ihrer besten Freundin Brit Marling arbeiten Sie seit Ihrem Studium zusammen. Sie ist immer Ihre Hauptdarstellerin und Ko-Autorin, bei "A Murder at the End of the World" hat sie auch an der Regie mitgearbeitet. Sind Sie als Kreativteam unzertrennlich?

Gute Frage. Bislang ja, denn jede Krise und jeder Konflikt hat uns nur noch enger zusammengeschweißt. Kann schon sein, dass wir irgendwann auch mal ohneeinander arbeiten werden. Aber ich kann mir nicht vorstellen, Brit dann nicht weiter in meinem Herzen zu tragen und immer ihre Stimme in meinem Kopf zu hören. Bei Mike Nichols und Elaine May war es so, dass dieses Dream Team nach langen Jahren der gemeinsamen Arbeit in den 1960ern irgendwann zu einem Ende kam, weil sie nach Ruhm strebten, wie man ihn nur alleine erreicht. Da mich so etwas aber kein bisschen interessiert, sehe ich zumindest diese Gefahr für uns schon mal nicht.

Wenn von queeren Regisseur*innen die Rede ist, ist Ihr Name nicht unbedingt der erste, an den man denkt. Wie kommt das eigentlich?

Mich fragte neulich mal jemand: Wann drehst Du denn endlich mal eine schwule Geschichte? Weil offenkundig meine Arbeiten nie dem gängigen Bild von Queer Cinema"oder so entsprechen. Kein Coming-out, kein Liebesdrama, kein Sex. Aber für mich sind alle meine Geschichten queere Geschichten, schon allein, weil Brit und ich uns beide als queer identifizieren. "The OA" ist in meinen Augen zum Beispiel geradezu schamlos queer und auch deswegen eine Serie, die man scheinbar liebt oder hasst. Das Besondere daran, wie wir da Queerness, Emotionen und Metaphysisches in Szene setzten, ist die Ernsthaftigkeit. Wir verstecken uns nicht hinter Camp, Ironie oder irgendeinem Augenzwinkern. Diese unverblümte Ehrlichkeit, mit der wir da vorgingen, erinnerte mich an die Phantasiegeschichten, die ich mir in meiner Kindheit mit den Mädchen auf dem Spielplatz ausdachte. Das wurde damals verspottet und abgetan, und eigentlich ist das heute bei dieser Art des Geschichtenerzählens nicht anders.

-w-