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Zwangsneurotisch und progressiv

50 Jahre "Der gewöhnliche Homo­sexuelle"

1974 erschien die erste Studie mit Blick "auf den gesamten Lebenszusammenhang Homosexueller" von Martin Dannecker und Reimut Reiche. Zum Jahrestag diskutierten die beiden Sexualwissenschaftler in Berlin. Wie brisant sind die damaligen Themen heute noch?


Ein großes Stück schwule Zeit- und Bewegungsgeschichte: Martin Dannecker und Reimut Reiche veröffentlichten 1974 ihre Studie "Der gewöhnliche Homosexuelle" (Bild: Axel Krämer)

Eines der Bonmots der Schriftstellerin Dorothy Parker in den 1950er Jahren lautete: "Heterosexualität ist nicht normal, sondern bloß weit verbreitet."

Tatsächlich spiegelt das Zitat ein Ansinnen wieder, über das man sich zu damaliger Zeit in den Sexualwissenschaften leidenschaftlich den Kopf zerbrach: Wie steht es wirklich um die sexuelle Orientierung in der Bevölkerung, und wie lässt sie sich statistisch abbilden? Kein leichtes Unterfangen, denn das Problem beginnt schon mit der Frage: Wer genau ist heterosexuell – und wer homo- oder bisexuell?

Nimmt man etwa den 1948 in den USA veröffentlichten und 1955 auf deutsch übersetzten Kinsey-Report "Das sexuelle Verhalten des Mannes" unter die Lupe, scheint die Antwort auf diese Frage unklarer als zuvor. Demzufolge haben 46 Prozent der Befragten sowohl hetero- wie auch homosexuelle Erfahrungen – oder auch nur Phantasien, denn zwischen Imagination und Aktion wird nicht explizit unterschieden. Jedem Zehnten wird bescheinigt, zumindest zeitweise "ausschließlich homosexuell" zu leben. Und rund vier Prozent der Männer wird ein dauerhaft gleichgeschlechtlich orientiertes Sexualleben zugeschrieben. Danach differenzieren sich die Zahlen unter teils fragwürdigen Kriterien noch weiter aus, sie mögen hier und da vage Hinweise liefern – doch wie aussagekräftig können sie unter dem Einfluss gesellschaftlich vermittelter Heteronormativität und Homophobie überhaupt sein? In diesem Kontext dürfte eine nicht zu unterschätzende Anzahl von Befragten zwangsläufig dazu neigen, nicht ganz ehrlich zu sein, auch nicht gegenüber sich selbst – waren doch homosexuelle Handlungen zum Zeitpunkt der durchgeführten Studie in den USA noch lange illegal.

Idee zur deutschen Studie entstand beim Abendessen in der WG

Als Martin Dannecker und Reimut Reiche im Laufe des Jahres 1969 bei einem Abendessen in ihrer Wohngemeinschaft beschließen, eine eigene Studie zum Thema männliche Homosexualität durchzuführen, ist die Bundesrepublik Deutschland gerade dabei, den Paragraphen 175 zu entschärfen. Erstmals stehen gleichgeschlechtliche Beziehungen zwischen Männern über 21 Jahren nicht mehr unter Strafe. Indes gelten für sie auch weiterhin Sondervorschriften – ganz abgesehen vom gesellschaftlichen Stigma, das noch längst nicht erledigt ist. Ein solches hält nicht nur die äußeren Konflikte weiter aufrecht, sondern hinterlässt auch in der Psyche schwuler Männer tiefe Spuren. Die beiden angehenden Sexualwissenschaftler sind sich damals dieser Problematik zwar bewusst, haben jedoch vom Ausmaß noch keine Vorstellung.

Fünf Jahre werden vom Zeitpunkt der Idee an noch vergehen, bis die empirische Studie im Jahr 1974 endlich erscheint. Der Titel lautet: "Der gewöhnliche Homosexuelle. Eine soziologische Untersuchung über homosexuelle Männer in der BRD". Dannecker und Reiche fingen mit Vorgesprächen und Gruppendiskussionen an, daraus entwickelte sich ein Fragebogen. Und was für einer! Mit 170 Fragen handelt es sich vielmehr um einen Katalog. Mehr als 1.600 Exemplare werden im Schneeballsystem ausgegeben, zur Verteilung dienen 139 Kontaktpersonen und drei Clubs, der Rücklauf erfolgt anonym per Post und erreicht am Ende eine Quote von immerhin 50 Prozent. Als homosexuell gilt, wer sich selbst als Homosexuellen wahrnimmt und mit dieser Bezeichnung leben kann. Das Ergebnis ist laut Klappentext "die erste Untersuchung, die den gesamten Lebenszusammenhang Homosexueller in den Blick nimmt", ein absolutes Novum also, eine Studie mit Anspruch auf Kontextualisierung – und nicht bloß eine Abbildung statistischer Werte.

Podiumsdiskussion der Psychoanalytischen Universität Berlin

Was bleibt heute davon übrig? Wie aktuell ist "Der gewöhnliche Homosexuelle" noch? Was war damals das Besondere daran? Anlässlich des 50. Jahrestags veranstaltete die Internationale Psychoanalytische Universität in Berlin (IPU) ein Podiumsgespräch mit den Urhebern der Studie, um sich Fragen wie diesen anzunähern. Martin Dannecker (81) und Reimut Reiche (83) zeigen sich beide in Höchstform. Offenbar haben sie inzwischen eine Art Kultstatus beim jüngeren Publikum erreicht: Vor dem Einlass bilden sich Schlangen, der Hörsaal ist bis auf den letzten Platz belegt, der gefühlte Altersdurchschnitt liegt bei Mitte zwanzig.

Moderator Aaron Lahl bezeichnet die Studie als eine "Pionierarbeit" und betont ihren psychoanalytischen wie auch politischen Aspekt, "nicht nur innerhalb der homosexuellenfeindlichen Mehrheitsgesellschaft, sondern auch und vor allem gegenüber den Homosexuellen selbst", die nicht geschont werden. Dabei bezieht er sich auf die gnadenlose Diagnose von der "kollektiven Zwangsneurose der Homosexuellen": ein Phänomen, das Dannecker und Reiche mit einer "internalisierten Homophobie" erklären, also der Verinnerlichung des gesellschaftlichen Stigmas: Dabei wird die Verachtung jener übernommen, von denen man verachtet wird, und gleichwohl gegen Anteile des Selbst oder feminine Gleichgesinnte gerichtet – letztere wurden damals "Tunten" genannt. Oder, um es anders zu sagen: Die homosexuellen Männer sind innerlich gespalten.


Podiumsdiskussion am 31. Mai 2024 in Berlin (v.l.n.r.): Martin Dannecker, Moderator Aaron Lahl und Reimut Reiche (Bild: Axel Krämer)

Damit ist auch das stetige Bemühen verbunden, die vermeintliche Minderwertigkeit zu kompensieren – etwa durch die Illusion des schönen Scheins, durch Oberflächlichkeit und Hingabe an die Welt des Konsums: Alle diese Thesen waren zu der Zeit starker Tobak. Mitunter wurde das als Verunglimpfung der schwulen Community interpretiert. Aber so war es laut Dannecker nicht gemeint. "Mir ging es darum, die Illusion zu zertrümmern: dass man, weil man jetzt homosexuell geworden ist, ein freies Leben führt." Die Studie sollte darum auch eine politische Intervention sein und zum gemeinsamen Handeln bewegen – ein Effekt, der bereits durch den Film "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Gesellschaft, in der er lebt" angestoßen wurde. Dannecker hatte während der Vorbereitung der Studie nebenbei mit Rosa von Praunheim an dem provokanten Text gearbeitet, den im Film eine Stimme aus dem Off spricht – im Duktus durchaus schärfer als "Der gewöhnliche Homosexuelle".

Zusammenarbeit mit einem Hetero

Reiche erinnert sich: "Die Studie hat, ohne dass wir das beabsichtigten, eine emanzipatorische Kraft sondergleichen entfaltet. Das muss ich als Außenstehender sagen, der nicht zur Community gehört." Dank gebühre vor allem Martin Dannecker. Eine so "profunde Kenntnis der Homosexualität", so Reiche, konnte nur jemand erreichen, der selbst homosexuell war. Dannecker zählte von Anfang an zu den Pionieren der neuen deutschen Schwulenbewegung, er war Mitgründer der 1971 entstandenen homosexuellen Emanzipationsgruppe Rote Zelle Schwul (RotZSchwul) in Frankfurt am Main.

Reimut Reiche wiederum hatte sich als Vorsitzender des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds einen Namen gemacht und 1968 das in acht Sprachen übersetzte Buch "Sexualität und Klassenkampf" publiziert. Dannecker betont, dass die Studie "nicht so geworden wäre, wie sie geworden ist, wenn Reimut Reiche als heterosexueller Mann nicht beteiligt gewesen wäre". Das habe damit zu tun, dass sich beide intensiv auseinandergesetzt und darüber diskutiert hätten – und mit Reiche eine Perspektive von außen auf die schwule Subkultur und ihre Eigenheiten dazu kam.

Die Bedeutung des Coming-outs

Das wichtigste Ergebnis der Studie, so Reiche, sei für ihn die Bedeutung des Coming-outs: "Wer das lebend übersteht, ohne Selbstmord und ohne seelisch krank zu werden, der schafft auch den Rest." Und dieser Rest sei "ein gewöhnliches Leben mit einem ungewöhnlichen sozialen Aufstieg, verbunden mit einer Land-Stadt-Migration und einem Berufswechsel, konsum- und menschennah", als Teil einer schwulen Community. Das alles habe man anhand der Daten rekonstruieren können.

Dannecker verweist darauf, dass das Coming-out, ein gesteigertes Selbstwertgefühl und eine höhere Anzahl von sexuellen Kontakten oft eine Verbindung eingehen und eine "progressive" Auswirkung zur Folge haben, die sich auch beruflich verwerten lässt: "Nähe suchen, Nähe herstellen, gefälliges Auftreten – wenn man wechselnde Sexualpartner hat, muss man über entsprechendes Kapital verfügen". Diese Fähigkeiten wiederum lassen sich "nicht nur im Sexuellen verwenden".

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Kritik an Thesen zur Bisexualität

Während die Theorien zur Lebenssituation schwuler Männer auch heute noch plausibel erscheinen, zweifelt Moderator Aaron Lahl die zentrale These im Kapitel zur Bisexualität an. Aus heutiger Perspektive, da es "eine sichtbare bisexuelle Gemeinschaft und Identität" gebe, müssten Passagen im Buch noch mal überdacht werden, in denen die Rede sei "von jenen Zwangsbisexuellen, die innerlich zerrissen, Befriedigung und Glück weder in homo- noch in heterosexuellen Beziehungen finden können und dauernd schwankend und unentschieden aus der Homosexualität in heterosexuelle Kontakte fliehen, um aus diesen wieder zum Ausgangspunkt zurückzukehren, ohne eine Aussicht auf ein Ende der permanenten Flucht." Und schließlich: "Wir neigen sogar zu der von manchen Psychoanalytikern vorgetragenen Einschätzung, alle Bisexuellen seien in Wirklichkeit Homosexuelle."

Dannecker entgegnet, er wolle die Existenz von Bisexualität keineswegs bestreiten, verteidigt dennoch seine Argumentation von damals: "Mit dem Begriff wurde und wird unglaublich Schindluder getrieben. Wenn man genau hinschaut, sind diejenigen, die wir damals vorgefunden haben, nicht ganz so bisexuell, wie sie vorgeben." Die klinischen Erfahrungen hätten dies bestätigt. Es handle sich sehr häufig um "eine Abwehrform – und zwar keineswegs als geglückte Balance." Viele hätten bisexuelle Erfahrungen und würden "einfach vom Verhalten auf das Sein" schließen. Als "deklarierte Identität" hingegen, so Dannecker, glaube er heute sehr wohl an Bisexualität.

Abgesehen davon, dass in der Zwischenzeit trans und nichtbinäre Identitäten dazugekommen sind: Nach Ansicht von Reimut Reiche "war eine solche Studie, wie wir sie gemacht haben, historisch nur in der Situation möglich." Heute wäre es schon "aus strukturellen Gründen" nicht machbar, nach der gewöhnlichen Queerness zu fragen: "Das wäre ein Oxymoron. Queer ist jeder für sich. Und ich bin so queer wie niemand sonst. Es wäre gar nicht möglich, Identitäten oder Gesellungsformen, die sich heute als solche annoncieren und die es zum Teil auch wirklich gibt, zu untersuchen. Wer heute wissen möchte, was queer bedeutet und wieviel Maskerade dabei ist, steht vor einer schwierigeren Aufgabe als wir, die wir damals das Gewöhnliche an den Homosexuellen herausfinden wollten."

-w-