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Roman
Die zerstörerische Kraft gesellschaftlicher Zwänge
Homophobie, Zwangsheirat, Genitalverstümmelung: Der fesselnde Debütroman "Die Frauen seines Lebens" von Ahepka Yves Moïse N'Guessan ist eine herausragende Geschichte über menschliche Widerstandskraft, Verdrängung und die Suche nach Wahrheit und Identität.

Ahepka Yves Moïse N'Guessan veröffentlichte seinen Debütroman "Die Frauen seines Lebens" im französischen Original bereits 2019. Fünf Jahre später ist er nun auf Deutsch erschienen (Bild: privat)
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15. Juni 2024, 05:22h 4 Min.
Linda kommt nach Hause und erwischt ihren Mann beim Sex. Ach, also eine Affären- und Untreue-Geschichte. Nicht so schnell! Marco, so der Name des ehebrechenden Gattens, ist erfolgreicher Arzt – also reich und schön. Nein, nein, auch das nicht. Marco wird mit einem anderen Mann im Bett ertappt. Na, dann eben schwule Affären in einer Coming-out-Geschichte: Marco wird unfreiwillig befreit und kann endlich offen und selbstbestimmt leben. Leider nein. Denn auch so einfach ist es nicht. Marco lebt in der Elfenbeinküste, wo queere Menschen stark marginalisiert werden. Und ob seine Frau die Ehe überhaupt will…
Der ivorische Autor Ahepka Yves Moïse N'Guessan hat mit "Die Frauen seines Lebens" (Amazon-Affiliate-Link ) einen beachtlich dichten Debütroman vorgelegt, der durch seine Vielstimmigkeit und Ambivalenz besticht. Das Buch, das ursprünglich 2019 auf Französisch veröffentlicht wurde, thematisiert komplexe und tiefgreifende gesellschaftliche und persönliche Konflikte in der heutigen Côte d'Ivoire. Am Beispiel des Protagonisten Marco faltet er ein breites Spektrum gesellschaftlicher Verhältnisse, von Unterdrückung, Gewalt, Liebe und der Suche nach Freiheit auf. Ohne dabei auf Parolen zurückzufallen.
Die Spannung des Ambivalenten

Der Roman "Die Frauen seines Lebens" ist im April 2024 im Albino Verlag erschienen
In den unterschiedlichen Abschnitten des Romans kommen jeweils die titelgebenden Frauen aus Marcos Leben zu Wort. So lernen wir seine Mutter kennen, seine Ehefrau, seine Tochter. Auf diese Weise gelingt es dem Autor, auf sehr überschaubarer Länge – der Roman hat nur knapp 180 Seiten -, eine sehr dichte Ambivalenz und Spannung zu erzählen. Alle Situationen und Fäden der Geschichte wirken auf den ersten Blick eindeutig. Marco betrügt seine Frau. Linda liebt ihren Mann. Eindrücke, die aber bereits bei leichtester Belastung nachgeben.
Marco ist ein Mann, der sein ganzes Leben lang seine wahre Sexualität unterdrückt hat. Aus Erinnerungen an Kindheit und Jugend wird deutlich, wie tief diese Verdrängung geht und welche gesellschaftlichen Zwänge ihn dazu gebracht haben, eine Fassade aufrechtzuerhalten. Ist es dann überhaupt noch ein Betrug an der Frau, wenn doch eigentlich Marco sich selbst sein ganzes Leben lang betrogen hat? Und liebt Linda ihn eigentlich wirklich? Oder war die Ehe mit Marco nicht viel mehr ein verzweifelter Versuch, aus der Isolation zu entkommen. Als einziges Mädchen in ihrem Dorf, das nicht beschnitten wurde, war sie eine Außenseiterin.
Indem "Die Frauen seines Lebens" keine Position als absolut setzt, wird es sehr schnell schwierig mit der eindeutigen moralischen Positionierung. Und genau dadurch literarisch spannend! Der Roman erzählt ist tiefgreifend intersektional, indem er multiperspektivisch die unterschiedlichen Perspektiven der Figuren, deren inneren Konflikte und Traumata so eng verwebt, dass sie nicht mehr trennbar sind oder gegeneinander ausgespielt werden können.
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Einfühlung ohne Verurteilung
Die Sprache ist direkt und packend. Persönlich und intim. Emotional mitreißend. Ahepka Yves Moïse N'Guessan hat für seine literarischen Leistungen bereits den hierzulande wenig bekannten, renommierten ivorischen Literaturpreis "La Plume du Jeune Écrivain" gewonnen. Christiane Landgrebe übertrug den Debütroman ins Deutsche, in sprachlich sehr hochwertiger Form, die die Lektüre angenehm kurzweilig bleiben lässt. Trotz der Schwere der Themen.
"Die Frauen seines Lebens" bleibt nicht bei persönlichen Schicksalen stehen, sondern zeigt die zerstörerische Kraft gesellschaftlicher Zwänge auf. Themen wie Homosexualität, Drogenmissbrauch, Zwangsheirat und Genitalverstümmelung werden aufgegriffen und kritisch beleuchtet, ohne dass man vor Schock und Schreck nicht weiterlesen mag. N'Guessan gelingt es dabei, eine Geschichte zu erzählen, die in der heutigen Côte d'Ivoire verwurzelt ist und eben nicht in koloniale oder postkoloniale Klischees verfällt.
Ein literarisches Werk, das tiefgründige Einblicke in menschliche und gesellschaftliche Abgründe bietet. Ahepka Yves Moïse N'Guessan zeigt eindrucksvoll, wie individuelle Schicksale durch gesellschaftliche Normen und Zwänge geformt und deformiert werden. Eine Geschichte über menschliche Widerstandskraft, Verdrängung und die Suche nach Wahrheit und Identität. Und die Frage, wo die Wahrheit anfängt und wer am Ende eigentlich lebensbelogen wird, wenn man nicht ehrlich mit sich selbst ist.
Ahepka Yves Moïse N'Guessan: Die Frauen seines Lebens. Roman. Übersetzt von Christiane Landgrebe. 180 Seiten. Albino Verlag. Berlin 2024. Gebundene Ausgabe: 24 € (ISBN 978-3-86300-364-7). E-Book: 17,99 €
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