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Seriencamp Conference
Queere Serien: "Ich will sehen, wie Lesben Aliens erschießen!"
Auf der Seriencamp Conference in Köln diskutierte die Branche in zwei Panels über queeres Storytelling, neue internationale queere Serienhighlights und authentische LGBTI-Repräsentation in der Serienindustrie.

Diskutierten in Köln über Queerness in Serien-Formaten (v.l.n.r.): Bernd von Fehrn, Marco Kreuzpaintner, Christoph Pellander, Sophya Frohberg und Daf James (Bild: Jenrick Mielke)
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22. Juni 2024, 03:01h 6 Min.
2023 war ein erfreuliches Jahr für die queere Präsenz in den deutschen Medien. Es wurden mehrere Höchststände erreicht, aber LGBTI-Themen bleiben weiterhin unterrepräsentiert. Dies geht aus der Studie des Medienprojekts QUEERmdb hervor, das über 15.000 Filme und Serienfolgen mit einer Länge von mindestens 90 Minuten untersuchte. Davon zeigten 760 Werke mindestens eine handlungsrelevante Figur aus der queeren Community (queer.de berichtete).
Dass queere Sichtbarkeit in deutschen Produktionen nicht nur eine Frage der Quantität ist, sondern die Darstellungsweise queerer Protagonist*innen oft auch Mehrdimensionalität abseits von Klischees und Stereotypen vermissen lässt, zeigten nicht zuletzt die Reaktionen aus der LGBTI-Community zur ersten schwulen Serie im öffentlich-rechtlichen Rundfunk "All You Need" (queer.de berichtete). In vielen anderen Ländern ist man da hingegen weiter – hier gelingt in europäischen oder internationalen Serienformaten queeres Storytelling weit lockerer und ungezwungener. Aber warum ist das so?
Deutschlands größte Branchenveranstaltung für Serienmacher*innen
Dieses und viele weitere Themen wurden Anfang Juni beim Seriencamp, Deutschlands größtes Serienfestival, in Köln besprochen. Im Cinenova Kino zeigte das Seriencamp Festival eine große Auswahl an internationalen Serien, darunter zahlreiche Deutschland- und Weltpremieren, die Seriencamp Conference hingegen wartete als Deutschlands größte Branchenveranstaltung für Serienmacher*innen mit Panels und Pitchings auf. Dabei gab es auch queere Veranstaltungen zu entdecken: Im Rahmen des Festivals wurden mit "Zorras" aus Spanien über drei junge Frauen auf dem Weg zur sexuellen Selbstverwirklichung und "Lost Boys & Fairies" aus Großbritannien über ein homosexuelles walisisches Paar auf dem Weg zur Elternschaft zwei queere Serienhighlights gezeigt. Letztere wurde sogar von der Jury einstimmig mit dem Official Competition Award ausgezeichnet.
Darüber hinaus standen auf dem Programm der Conference zwei – teils hochkarätig besetzte – queere Panels: In der "Screenwriters' Lounge x Seriencamp: Queer Representation in Story Development", die auf eine Initiative des Deutschen Drehbuchverbandes (DDV) zurückgeht, sprachen die Moderator*innen Beverly Stura-Cura (DDV) und Marcel-Jana Urban (GENDERF***KERS) mit Drehbuchautorin Marlene Melchior ("Loving Her"), Regisseur Alejandro Mathé ("El Mártir") und Regisseur und Drehbuchautor Kai Kreuser ("Kuntergrau") über ihre Arbeit als junge, queere Filmemacher*innen.
Authentische Repräsentation gefordert
Dass queere Sichtbarkeit in Serienformaten wichtig ist, damit sich die Community in den Protagonist*innen wiedererkennt, ist weitgehender Konsens. Vielmehr sollte es aber nun um authentische Repräsentation gehen, also darum, dass abseits von stereotyper Darstellung das gesamte Spektrum an queeren Identitäten gezeigt wird: "Dazu zählen unbedingt auch vollkommene Arschlöcher und böse Queers", betont Marlene Melchior. Zudem müssten queere Figuren endlich auch abseits von Dramen und Nischen in alle anderen Genres vordringen: "Ich will sehen, wie Lesben Aliens erschießen!", proklamiert Melchior. "Oft sind es nur Geschichten vom Coming-out oder wenn das eigene Queersein problematisiert wird. Genauso wichtig sind aber auch positive Erzählungen, die eben nicht mit Leid verbunden sind."
Hier komme es vor allem darauf an, queere Perspektiven in der Stoff- und Drehbuchentwicklung miteinzubeziehen, damit eine problematische Figurenzeichnung vermieden werden kann. "Viele Menschen haben immer noch wenig bis gar keinen Kontakt zu queeren Menschen. Ihr einziger Berührungspunkt mit queeren Lebensrealitäten sind Serien und Filme", meint Alejandro Mathé. Und deshalb gelte: "Zuhören, lernen und Geschichten erzählen, die den Menschen helfen und mit denen sie sich identifizieren können".
Zu wenig Aufträge, zu wenig Budget
Damit es aber überhaupt erst zur Entwicklung von queeren Serienstoffen kommt, braucht es Aufträge und Budget – und davon gebe es für queere Produktionen oft immer noch zu wenig. Umso wichtiger sei es, dass nicht nur Drehbuchautor*innen, sondern auch Akteur*innen in Entscheidungspositionen in der Branche queer sind, meinen die Panelist*innen. Nichtsdestotrotz sollen aber natürlich nicht nur queere Menschen queere Geschichten erzählen dürfen, "es ist dann aber umso wichtiger, queere Menschen in den Stoffentwicklungsprozess zu involvieren", erklärt Mathé. "Was vor allem noch fehlt, sind Geschichten von aromantischen, asexuellen oder intersexuellen Figuren."
Der Wunsch ist groß, sich endlich nicht mehr rechtfertigen zu müssen, warum einzelne Figuren queer sind. In diesem Zusammenhand werde man auch oft noch mit der Sorge konfrontiert, ob denn das queere Publikum überhaupt groß genug sei und es sich lohnen würde. Dass sei aber völliger Nonsens, meint Melchior. "Auf den Social-Media-Accounts von Netflix zeigt sich ganz klar, dass Posts zu queeren Film- und Serieninhalten die meiste Interaktionsrate aufruft."
Welcher Mangel dabei weiterhin in Deutschland vorherrscht, zeigt die Tatsache, dass es aktuell nur drei hierzulande produzierte queere Fernsehsendungen gibt. Was es dafür braucht? "Mehr Menschen, mehr Geld und mehr Haltung", so der Konsens der drei Speaker und der beiden Moderator*innen.
"Alibi-Darstellung von queeren Charakteren"
Über die Vermarktung queerer Serien abseits eines "Nischenprodukts" ging es direkt im Anschluss beim Panel "(Lost) Queerness in Series – Queerness in Serien-Formaten", das von Warner Bros. Discovery und Warner Bros. ITVP Germany in Kooperation mit der Queer Media Society präsentiert wurde. Hier sprachen Daf James ("Lost Boys & Fairies"), Marco Kreuzpaintner ("Sommersturm", "Coming In"), Sophya Frohberg ("Angemessen Angry"), Christoph Pellander (ARD Degeto) und Bernd von Fehrn (Warner Bros. ITVP Deutschland) über den Status Quo. Bernd von Fehrn sieht die Branche dabei auf einem "schon recht guten Weg". Häufig gebe es aber noch eine "Alibi-Darstellung von queeren Charakteren". Es halte es zwar für absolut richtig, diese überall und um jeden Preis einzubauen, oft seien sie dann aber nur da und erfüllen für den Fortgang der Geschichte keine Funktion. Sie bekämen oft noch zu wenig Raum. Es sei daher absolut wünschenswert, dass man sich authentischer und beiläufiger mit ihren Lebensrealitäten auseinandersetze. "Aber Screentime ist erstmal das Wichtigste."
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Um eine authentische, pluralistische und mehrdimensionale Erzählstruktur zu schaffen, sei das Zauberwort Intersektionalität, pflichtet Sophya Frohberg bei. Auch Christoph Pellander teilt diese Meinung, allerdings sei es "ein schmaler Grat zwischen Klischee und Authentizität". Zudem bestehe die Gefahr einer "Diversitätscheckliste" – "und da dürfen wir auf keinen Fall hinkommen". Wie schwer es noch vor "#ActOut" gewesen sei, queere Schauspieler*innen für queere Rollen zu finden, erklärt er beispielhaft an der Besetzung für die von der ARD-Degeto produzierte Serie "All You Need": Dass der Cast cis-hetero ist, würde daran gelegen haben, dass man ein Jahr lang vergeblich gesucht hätte.
Marco Kreuzpaintner, der vor allem auch in Großbritannien künstlerisch aktiv ist, erkennt in der gegenwärtigen Situation auf dem deutschen Serienmarkt ein ganzheitlicheres Phänomen: "Es ist kein explizites Problem der Film- und Fernsehbranche, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem, dessen Herausforderungen nur gemeinsam gelöst werden können". Queerfeindlichkeit sei in Deutschland stärker verankert als im Königreich. Es fehle weitreichend an Unterstützung aus der Presse und Öffentlichkeit. Zudem würden "Queerleaders" in der deutschen Gesellschaft fehlen. "Entwicklungstechnisch hängt Deutschland Großbritannien in diesem Punkt 10 bis 15 Jahre hinterher", meint er. Essenziell seien neben queeren Menschen in der Öffentlichkeit aber auch cis-heterosexuelle Verbündete. Gemeinsam müsse man dahin kommen, "queeren Serienschaffenden zu vertrauen und sie zu empowern, ihre Geschichten zu erzählen".
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