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"Warte, warte nur ein Weilchen..."
Der schlimmste deutsche schwule Serienmörder aller Zeiten
Heute vor 100 Jahren – am 22. Juni 1924 – wurde Fritz Haarmann verhaftet. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er mindestens 24 Jungen und junge Männer sexuell missbraucht und ermordet

Fritz Haarmann (zweiter von links) wird im Juli 1924 von Kriminalbeamten in Handschellen gehalten und gefilmt (Bild: Bundesarchiv, Bild 102-00824 / Georg Pahl)
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22. Juni 2024, 08:15h 18 Min.
Am 22. Juni 1924 wurde Fritz Haarmann verhaftet. Damit endete ein jahrelanges Morden. Nach einer Gerichtsverhandlung vom 4. bis 19. Dezember 1924 wurde er zum Tod verurteilt, weil er mindestens 24 Jungen und junge Männer durch einen Biss in den Hals getötet und anschließend zerstückelt hatte. Haarmanns Taten bekamen eine Bedeutung, die weit über die vielen Opfer hinausging. Der Mordfall hat die politische und gesellschaftliche Einstellung zu Homosexuellen massiv und nachhaltig negativ beeinflusst. Die vielen Artikel über Haarmann erschienen ausgerechnet zu einer Zeit, als die Streichung bzw. Reform des § 175 diskutiert wurde. Um mehr zu bieten als das, was in der homosexuellen Geschichtsforschung bisher schon bekannt ist und veröffentlicht wurde, habe ich nachfolgend viele erst seit einigen Jahren digitalisierte Zeitungen zitiert und verlinkt.
Haarmann als Mediensensation
In der zweiten Jahreshälfte 1924 kannten die deutschen Zeitungen vor allem ein homosexuelles Thema: die Taten des homosexuellen Serienmörders Fritz Haarmann aus Hannover. Mit Zahlen lässt sich das so ausdrücken: Rund 95% aller bei "Zeit.PunktNRW" recherchierbaren Artikel mit dem Stichwort "Homosexualität" des Jahres 1924 erschienen in der zweiten Jahreshälfte (352 von 372 Treffern). Das lag an den Artikeln über Haarmann, die die gesellschaftliche Einstellung zu Homosexuellen vergifteten. Dass die Zeitungen erst ab dem 3. Juli 1924 über seine Festnahme am 22. Juni berichteten, lag daran, dass Haarmann zunächst wegen eines anderen Delikts (Bedrohung) verhaftet wurde und wegen Mordverdachts auch danach in Haft blieb. Schon in den ersten Artikeln ist davon die Rede, dass er Fleisch verkaufte, wobei aber noch unklar war, ob es sich dabei um Menschenfleisch handelte. "Seine homosexuelle Veranlagung war der Polizei ebenfalls bekannt und hat jetzt in erster Linie den Anstoß zu seiner Verhaftung gegeben" ("Westfälische Zeitung", 3. Juli 1924).

Vor allem zum Gerichtsprozess vom 4. bis 19. Dezember 1924 erschienen viele Zeitungsartikel (Bild: Georg Pahl / wikipedia)
Durch die Art, wie die Zeitungen über Haarmann berichteten, ist es leider nicht auszuschließen, dass viele Leser*innen in ihm einen typischen Homosexuellen sahen. Ein auf den ersten Blick harmlos wirkendes Beispiel dafür ist der Hinweis in der "Volkswacht" (9. August 1924), dass Haarmann in einer für den "Urning so typischen, halb naiven, halb gezierten Sprechweise" rede. Durch solche und ähnliche Berichte dürfte es vielfach zu einer Gleichsetzung von Homosexuellen mit Mördern gekommen sein. Die "Kölnische Zeitung" (27. Dezember 1924) berichtete, dass wegen Haarmann am Hamburger Hauptbahnhof jetzt "homosexuell veranlagte Beutejäger und Schlepper" besser überwacht werden sollten – als würden Homosexuelle generell ein ähnliches Verhalten wie Haarmann an den Tag legen.
Anlässlich der Gerichtsverhandlung gegen Haarmann erschien die dreiteilige (kritische) Artikelserie "Das homosexuelle Deutschland". Sie erschien in "Die Stunde" (1923-1938), der ersten Boulevardzeitung Österreichs, die wenig Politik, aber viel Klatsch enthielt und die seit ihrem ersten Erscheinen schnell zu einer der auflagenstärksten und einflussreichsten Zeitungen Wiens avancierte. Sie war "reißerisch und aggressiv, zum anderen liberal, progressiv und anti-nationalistisch ausgerichtet" (Wikipedia). Die Serie hat den erkennbaren Anspruch, eine Innenansicht der Homosexuellenszene zu bieten, dem sie jedoch wegen ihrer vollkommen verzerrten Sichtweise nicht einmal ansatzweise gerecht wird. Im ersten Teil (14. Dezember 1924) geht es um "Haarmann und das deutschnationale Laster" der Homosexualität. Der zweite Teil (17. Dezember 1924) handelt davon, wie Schwule wie Haarmann lebten. Im dritten Teil (19. Dezember 1924) über "Die Homosexuellen und die Polizei" wird kritisiert, dass die Polizei mit Homosexuellen wie Haarmann zusammenarbeite.

Der erste Teil der diskreditierenden Artikelserie "Das homosexuelle Deutschland"
Es gab auch einzelne Autoren, die fair berichteten, wie Otto Kaus in der "Weltbühne" ("Der Fall Haarmann", Jg. 1924, Nr. 34, S. 280-284), der keine Parallelen zu anderen Homosexuellen, sondern zu anderen Mördern, wie dem Frauenmörder Carl Großmann, aufzeigt. Im selben Jahrgang der "Weltbühne" wurde von einem anderen Autor auch das Verhalten der Polizei zu Recht kritisch hinterfragt (S. 868-870).
Haarmann als politischer Fall
Im Reichstag wurde vom 22. bis 26. Juli 1924 täglich – meistens am Rande – über den Fall Haarmann debattiert, allerdings leider nicht in einem konstruktiven Sinn, z. B. im Kontext von Gewaltprävention, sondern nur in Form politischer Schuldzuweisungen. Am 22. Juli 1924 betonte Iwan Katz für die KPD, dass Haarmann als Spitzel für die Polizei tätig gewesen war, und kritisierte damit die Polizei und das Rechtssystem. Die Nazis riefen dazwischen: "Sie entrüsten sich über Haarmann und gleichzeitig stellen Sie einen Antrag auf Aufhebung des § 175!" Die folgende Äußerung des Abgeordneten Katz lässt sich aus seiner Sicht leicht nachvollziehen: "Der Fall Haarmann ist kein Kriminalfall, sondern ein politischer Fall" (Reichstag, Sitzung vom 22. Juli 1924, S. 499). Es wurde für die Mitglieder des Reichstages offenbar schwierig, gleichzeitig einen Serienmörder zu verurteilen und für die Straffreiheit homosexueller Handlungen einzutreten. Das wurde auch noch einmal Anfang 1925 deutlich, als ein Reichstagsabgeordneter der Wirtschaftlichen Vereinigung (WV) – eines Fraktionszusammenschlusses dreier kleinerer bürgerlich-rechter Parteien – im Kontext der Reform des Strafrechtes Unverständnis darüber äußerte, dass ein Richter trotz der Morde Haarmanns für die Legalisierung von Homosexualität eintrat (Reichstag, Sitzung vom 10. März 1925, S. 995).

Ein Symbolbild zum § 175 und eine Statistik, die aufzeigt, wie die Zahl der Verurteilten nach dem Fall Haarmann anstieg
Im Jahre 1924 wurden in Deutschland 696 Männer nach § 175 verurteilt, was gegenüber dem Vorjahr mit 445 Verurteilten eine deutliche Steigerung bedeutete. In den nächsten zwei Jahren wurde die Zahl der Verurteilten sogar vierstellig, und auch in den folgenden Jahren hielt sie sich auf einem hohen Niveau (Wikipedia). Ein Zusammenhang mit dem Fall Haarmann kann vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen und politischen Diskussionen vermutet werden.
Haarmanns Gehilfe Grans

Hans Grans, Haarmanns Liebhaber und Mittäter
1919 machte Haarmann die Bekanntschaft des Handlungsgehilfen Hans Grans (1900 – nach 1974), eines über 20 Jahre jüngeren Kleinkriminellen. Grans zog im Oktober 1919 in die Wohnung Haarmanns ein, der ihn liebevoll aufnahm und wie einen Pflegesohn behandelte. In der Gerichtsverhandlung wurde Grans als "blond, zart und mädchenhaft" beschrieben. Über mehrere Jahre führten beide eine sexuelle Beziehung. Im Gerichtsprozess wurde ihr Verhältnis thematisiert und die Zeitungen berichteten entsprechend darüber. Beide Männer hatten sich in Hannover im "Schwulen Kessel" kennen gelernt – ein zentraler Platz in Hannover, der als Treffpunkt für männliche Prostitution bekannt war – und gingen danach auf einen Ball, wo sie "poussiert" haben sollen. Haarmanns Augen sollen geleuchtet haben, als er vor Gericht von seinem ersten Treffen mit Grans berichtete. Auch Klischees, wie die internationalen Verbindungen zwischen Homosexuellen, werden in den zeitgenössischen Artikeln wiedergegeben: Danach ist es ein Kapitel für sich, wie "die ganze homosexuelle Genossenschaft heute eine Kameraderie bildet, die sich bis auf gemeinsame Handelsbeziehungen erstreckt" ("Kölnische Zeitung", 6. Dezember 1924; im zweiten Beitrag unten).
Wegen Beihilfe zum Mord wurde Ende Dezember 1924 auch Grans zum Tode verurteilt, er gab sich jedoch im Gegensatz zu Haarmann Mühe, die Abwandlung der Todes- in eine Gefängnisstrafe zu erwirken. Mit Hilfe seiner Rechtsanwälte erreichte er im Januar 1926 eine Verurteilung zu zwölf Jahren Zuchthaus. Grans überlebte Gefängnis, Konzentrationslager und den Zweiten Weltkrieg und kehrte nach 1945 nach Hannover zurück. Bis zu seinem Tod soll er einen kleinen Kiosk am Karl-Peters-Platz in Hannover betrieben haben.
Haarmanns Opfer – z. B. der 17-jährige Fritz Franke
Fritz Haarmann wurde des Mordes an insgesamt 24 Jungen und jungen Männern im Alter von 10 bis 22 Jahren schuldig befunden. Alle Opfer mit Namen, Beruf und Sterbemonat sind in Wikipedia aufgelistet und sollten nicht vergessen werden.
Um Fritz Haarmanns Mordopfern wenigstens ein Gesicht geben zu können, möchte ich an dieser Stelle auf das zweite von ihnen, den 17-jährigen Lehrling Fritz Franke, hinweisen. Haarmann hatte ihn am Hauptbahnhof von Hannover aufgegriffen, ihm eine Unterkunft angeboten und ihn vermutlich im Februar 1923 ermordet. In den "Blättern für Menschenrecht" (Heft 37, 24. Oktober 1924) und in "Die Freundschaft" (Heft 7, Oktober 1924, S. 168) wurde Fritz Franke als seit Februar 1923 vermisst gemeldet, ein Foto abgedruckt und um Mithilfe bei der Suche gebeten. Nach anderen Quellen wurde schon seit Juli 1924 vermutet, dass er ein Opfer Haarmanns geworden sei. In der Gerichtsverhandlung im Dezember 1924 wurde er öffentlich als ein Opfer Haarmanns namentlich genannt ("Volksblatt", 5. Dezember 1924). Als Haarmann vom Richter auf Fritz Franke angesprochen wurde, konnte sich dieser nicht einmal mehr an dessen Namen erinnern, weil es einfach "zu viele" Opfer gewesen seien. Haarmann beschrieb Franke jedoch als "Berliner, der so schön Klavier spielen konnte" ("Der Gemeinnützige", 6. Dezember 1924). Aufgrund meiner Recherchen gehe ich davon aus, dass es, von Fritz Franke abgesehen, keine weiteren Fotos von Haarmanns Opfern gibt und dass auch dieses Foto Frankes seit rund 100 Jahren nicht mehr publiziert wurde. Mehrere Bitten an Bibliotheken, mir eine Reproduktion vom Original der Zeitschrift zu erstellen oder mir das Original für einen Scan zu überlassen, wurden leider abgelehnt.

Das vermutlich einzige Foto, das es von einem Opfer Haarmanns gibt: Fritz Franke in "Die Freundschaft" (Oktober 1924)
Die Reaktionen der Homosexuellen
Die unterschiedlichen Gruppierungen der Homosexuellenbewegung waren mit zahlreichen Vorträgen und Artikeln in ihren Zeitschriften bemüht, den Schaden so gering wie möglich zu halten und der Gleichsetzung von Homosexuellen mit Mördern etwas entgegenzuhalten. Ein Versuch der Verteidigung bestand darin, unter der Überschrift "Die Moral der Anderen" über Sexualverbrechen heterosexueller Männer zu berichten. Magnus Hirschfeld verwies in einem seiner Vorträge im August 1924 darauf, dass es zwischen homo- und heterosexuellen "Lustmördern" keinen Unterschied gebe ("Westfälische Neueste Nachrichten", 26. August 1924). Vorträge über den Fall Haarmann sind auch von Reinhold Gerling, Fritz Schüler und Friedrich Radszuweit bekannt, wobei die Angaben in den Zeitungen meistens nur Ort, Datum und den Titel des Vortrages umfassen.

Der Hauptbahnhof in Hannover, wo Haarmann viele seiner Opfer kennen lernte
Nach Einschätzung des Historikers Stefan Micheler ("Zeitschriften, Verbände und Lokale gleichgeschlechtlich begehrender Menschen in der Weimarer Republik", 2008, u. a. S. 42, 69) ist es nicht eindeutig zu klären, welche Bedeutung die vielen homophoben Artikel in den Zeitungen für die damalige Homosexuellenbewegung hatten. Einerseits sprach Friedrich Radszuweit für den Bund für Menschenrecht von einem erheblichen Schaden, Behördenschikanen und einem Abbröckeln der Mitglieder in den Gruppen, andererseits gab er einen erheblichen Mitgliederzuwachs in dieser Zeit an. Auch wenn Radszuweits Zahlenangaben nicht unbedingt zu trauen ist: Möglicherweise sahen zahlreiche Schwule nun eine dringende Notwendigkeit, sich zu engagieren. Fest steht, dass in Hannover fast alle der wenigen Freundschaftslokale geschlossen wurden und dass offenbar viele Schwule die Stadt verließen.
Haarmann und die Polizei
Haarmann hatte der Polizei einige Jahre lang Hinweise gegeben, die gelegentlich zur Verhaftung von Dieben führten. Außerdem arbeitete er für eine Privatdetektei eines ehemaligen Polizeiinspekteurs. Für Kontrollen am Hannoveraner Hauptbahnhof benutzte er einen wahrscheinlich selbstgefertigten Ausweis, der ihn als Privatdetektiv ausweisen sollte. Die Polizei bestritt später, dass es sich dabei um einen Polizeiausweis gehandelt habe. Weil er gute Beziehungen zur Polizei hatte, galt er auch als "Herr Kriminal" und hatte als nützlicher Spitzel einen gewissen Freiraum für seine Taten. Nach Haarmanns Verhaftung bekam seine Spitzeltätigkeit für die Polizei eine politische Dimension und der Vorwurf stand im Raum, dass die Morde nur möglich gewesen seien, weil Haarmann von der Polizei gedeckt worden sei.
Die Rolle der Polizei wurde im Prozess ausgeklammert und es gibt von ihr nur wenige Stellungnahmen dazu. Es wirkt zumindest wie Empathie für Homosexuelle, wenn Kriminalkommissar Heinrich Kopp als Leiter des Homosexuellendezernates der Berliner Polizei (1911-1923) am 21. Juli 1924 betonte, seiner Meinung nach habe die "Scheu der Eltern, Angaben über homosexuelle Neigungen vermißter Söhne zu machen", mit dazu beigetragen, dass nicht rechtzeitig gegen den Täter ermittelt werden konnte ("Bensberger Volkszeitung", 22. Juli 1924). Vermutlich wollte er damit nicht nur vom Fehlverhalten der Polizei ablenken. Was von der Zeitung als "Vortrag" bezeichnet wurde, war eher eine Art Presseerklärung zu den Vorfällen, in der Kopp auch betonte, dass "bereits vier Beamte wegen erwiesener Nachlässigkeit ihres Dienstes enthoben worden" seien (Jens Dobler: "Zwischen Duldungspolitik und Verbrechensbekämpfung. Homosexuellenverfolgung durch die Berliner Polizei von 1848 bis 1933", 2008, S. 454-459). Dobler weist darauf hin, dass es so gut wie keine Akten mehr zu diesem Kriminalfall gibt. Erhalten ist jedoch ein Erinnerungsbericht des damals ermittelnden Kriminalbeamten Hermann Lange aus dem Jahre 1961. Laut Lange waren etwa 30 Homosexuelle bei der Hannoveraner Kriminalpolizei registriert, im Laufe der Ermittlungen stieg diese Zahl auf 600 an.
Das Buch von Hans Hyan (1924)
Wie nicht anders zu erwarten war, ist zum Kriminalfall Haarmann viel Literatur erschienen. Dazu gehören "Die Haarmann-Protokolle" (1995, 2009), die die Grundlage für den Film "Der Totmacher" mit Götz George (1995, siehe unten) waren. Fokussieren möchte ich nachfolgend drei Bücher.
Der Schriftsteller Hans Hyan (1868-1944) bietet in seiner Broschüre "Massenmörder Haarmann. Kriminalistische Studie" (1924) auch ein Kapitel über "Die Homosexuellen in Hannover" (S. 64-67, hier zitiert nach dem Reprint 2019). Er sieht es als ungerecht an, die Homosexualität für diese Morde verantwortlich zu machen und den § 175 aufrechtzuerhalten. Hyan beschreibt die damalige Szene in Hannover mit nach seiner Schätzung rund 2000 Homosexuellen: Beliebte Lokale seien das "Trianon" und das "Café Continental". Er erwähnt die Homosexuellenbälle im "Neustädter Gesellschaftshaus" und ein Lokal in der Neuenstraße, wo die "zweite und dritte Garnitur" verkehre. Es gebe einen Strich an der Bahnhofstraße und einen weiteren in der Nähe des Georgen-Hotels, wo die Stricher jedoch nicht zur "Creme ihrer Kaste" gehörten. Mittlerweile hätten die Homosexuellen "in großer Zahl Hannover verlassen". Wer sich ein Gerechtigkeitsgefühl bewahrt habe, solle gegen ihre Verfolgung "seine Stimme erheben". Später erhob Hyan noch einmal selber seine Stimme und sprach sich in der "Weltbühne" mit dem Artikel "§ 175" (22. Juni 1926, S. 969-973) gegen strafrechtliche Verfolgung und für die Männerliebe aus, wie er sie "beobachtet und gefunden" habe.
Das Buch von Theodor Lessing (1925)
Auch das Buch des Philosophen und Publizisten Theodor Lessing (1872-1933) "Haarmann. Die Geschichte eines Werwolfs" (1925) wirkt vom Titel her zunächst reißerisch, ist es aber nicht. Lessing hatte den Prozess als Augenzeuge verfolgt, machte die Rolle der hannoverschen Polizei öffentlich und wurde daraufhin vom Prozess ausgeschlossen. Sein Buch gilt als seriöses zeitgenössisches Werk. Der Autor versuchte nicht nur die Homosexualität des Täters zu beleuchten, sondern auch die Homosexuellenszene in Hannover mit seinen angeblich 40.000 Homosexuellen und insbesondere den "Markt der männlichen Prostituierten" ("Erster Teil") wertneutral darzustellen. Die Anzahl der Nachdrucke (1996, 2011, 2015, 2020, 2022) vermittelt eine Ahnung davon, wie Lessing mit seinem Buch das Bild dieses Kriminalfalles bis heute prägt.

Hans Hyans Broschüre "Massenmörder Haarmann" (l.) wirkt reißerisch, ist es aber nicht. Das Gleiche gilt für Theodor Lessings (r.) Buch "Haarmann. Die Geschichte eines Werwolfs"
Das Buch von Rainer Hoffschildt (1992)
Das Buch des schwulen Geschichtsforschers Rainer Hoffschildt "Olivia. Die bisher geheime Geschichte des Tabus Homosexualität und der Verfolgung der Homosexuellen in Hannover" (1992) enthält ein sehr ausführliches Kapitel zu Haarmann (S. 69-80) und überzeugt durch eigene Forschungen des Autors. Die politische Dimension des Falles, wie z. B. die KPD und die SPD den Mordfall ausnutzten, um die Polizei anzugreifen, hat er gut erfasst. Es ist selten, dass ein Foto vom Kopf der Leiche Haarmanns zu sehen ist (S. 76). Dieser Kopf wurde mittlerweile – um "keine voyeuristischen Ambitionen zu unterstützen" – eingeäschert und 2014 anonym bestattet.
In einem wichtigen Punkt möchte ich Hoffschildt widersprechen: Er möchte den als geisteskrank angesehenen Haarmann von jeder Schuld an seinen Verbrechen freisprechen und kritisiert, dass der kranke Täter vom Gericht für zurechnungsfähig erklärt wurde. Das Gerichtsverfahren erklärt Hoffschildt zur "Farce" und er gibt sich viel Mühe, es zu delegitimieren, u. a. mit Hinweisen auf Folter und Vorverurteilung (S. 71: "Die Motive seiner Morde bleiben mangels qualifizierter psychologischer Untersuchungen im Dunkeln"; S. 73: "Aller Wahrscheinlichkeit nach wurden die Geständnisse Haarmanns zum Teil durch unzulässige Verhörmethoden bewirkt"). Hoffschildt ist irritiert, dass sich der Homosexuellenaktivist Magnus Hirschfeld nicht für Haarmann einsetzte, obwohl dieser doch "schon ungezählte Homosexuelle durch seine Gutachten vor dem Gefängnis" bewahrt habe (S. 80). Hoffschildt unterscheidet hier offenbar nicht, ob ein Homosexueller wegen Mordes oder wegen einvernehmlichen Sexes vor Gericht steht. Am bedenklichsten finde ich Hoffschildts Versuch, Haarmanns Morde mit Bezug auf das spätere größere NS-Unrecht zu relativieren (S. 75): "Deutschland entwickelte bald darauf viele Haarmänner, viele, die ihn um Längen in den Schatten stellen." Der Autor geht – was bei Haarmanns Verteidigung recht konsequent wirkt – auf zwölf Seiten mit keinem (eigenen) Wort auf die einzelnen Opfer Haarmanns ein. Sein erster Absatz zu dem Fall trägt die Überschrift "Die Leiden Fritz Haarmanns". In erster Linie war es aber nicht Haarmann, sondern es waren seine vielen Opfer, die leiden mussten.

Der Homosexuellenaktivist Magnus Hirschfeld, der nicht als Sachverständiger geladen war, während der Gerichtsverhandlung (aus "Die Stunde", 17. Dezember 1924)
Das Haarmann-Lied
Zu den bizarren und Auswirkungen des Skandals gehört das "Haarmann-Lied". Es basiert auf dem Text des damals populären Operettenliedes "Warte, warte nur ein Weilchen, bald kommt auch das Glück zu dir" (1923), das in verschiedenen Aufnahmen bei Youtube (1924, 1931 und von Peter Alexander o. J.) verfügbar ist.
Das Haarmann-Lied greift diese Melodie auf und thematisiert in leicht unterschiedlichen Textversionen Haarmanns Kannibalismus. Es wird daher u. a. mit der Strophe gesungen: "Warte, warte nur ein Weilchen, bald kommt Haarmann auch zu dir, mit dem kleinen Hackebeilchen, macht er Schabefleisch aus dir." Eine Variante der ersten Strophe des Liedes fand auch in Fritz Langs Film "M. Eine Stadt sucht einen Mörder" (1931, 00:45, hier kolorierte Fassung online) als Abzählreim Verwendung. Das Haarmann-Lied wird bis heute von verschiedenen Bands und Musikprojekten im Rahmen von Unterhaltungsmusik interpretiert bzw. zitiert. Online verfügbar sind eine Fassung mit Blaskapelle von der Band "Hot Dogs" (1992, wo abweichend vom historischen Hintergrund von "Mädchen" die Rede ist) und eine Rockversion der Gruppe "Die Einsamen Stinktiere" (1995).
Weitere bizarre Beispiele einer Verarbeitung des Kriminalfalles und speziell von Haarmanns Kannibalismus reichen von einer Haarmann-Kantine mit Blutwurst und Sülze über Würfelspiele bis zu Adventskalendern (s. Wikipedia).
Filme über Haarmann
Weil True Crime gerade in den letzten Jahren ein beliebtes Genre geworden ist, sind auch auf Youtube viele gute und gut gemeinte Beiträge zum Fall Haarmann zu finden. Hervorzuheben ist der kurze Abschnitt in der "Terra X"-Sendung "5 Kriminalfälle, die Geschichte schrieben" des Journalisten Mirko Drotschmann (alias "MrWissen2Go"), der die Geschichte Haarmanns für ein junges Publikum informativ und gewohnt anspruchsvoll erzählt (Terra X, 2021, 1:10-4:05 Min.).
Ins kollektive schwule Langzeitgedächtnis werden es aber wohl nur zwei Filme schaffen. Der eine ist "Die Zärtlichkeit der Wölfe" (1973) aus dem Kreis von Rainer Werner Fassbinder. Ulli Lommels "gruseliger Kultfilm" war auf queer.de (hier ein Beitrag von 2015) schon mehrfach ein Thema: "Ulli Lommel ist hier ein Film mit großer Atmosphäre gelungen, geheimnisvoll und dunkel, voller Kannibalismus, Vampirismus und Korruption – in Anlehnung an die großen Vorbilder wie F. W. Murnaus 'Nosferatu' oder Fritz Langs 'M'. Für viele Cineasten zieht Lommels Film mit den besten von Rainer Werner Fassbinder gleich und ist inzwischen zu einem internationalen Kultfilm geworden." Oben habe ich bereits darauf hingewiesen, wie der Fall Haarmann die geplante Reform des § 175 im Jahre 1924 beeinflusst hat. Auch das Timing von diesem Film war äußerst schlecht, denn während in der Öffentlichkeit über diesen Film mit seinem schwulen Serienmörder gesprochen wurde (Uraufführung: 29. Juni 1973), wurde zeitgleich noch einmal über eine Reform des § 175 diskutiert. Aber offenbar hatte die Politik dazugelernt und trotz der öffentlichen Diskussion um einen schwulen Massenmörder konnte die neue Fassung des § 175 am 28. November 1973 (Herabsenkung des "Schutzalters" von 21 auf 18 Jahren) wie geplant in Kraft treten.
Der Film "Der Totmacher" (1995), der auf den originalen Vernehmungsprotokollen von 1924 beruht, "ist als ungemein dichtes Kammerspiel inszeniert, das nicht auf Emotionalisierung angelegt ist, sondern als nüchterne Fallstudie" (Lexikon des internationalen Films). Zwischen Täter und Gutachter wird in dem Film eine sich verändernde Beziehung spürbar, ausgedrückt durch ein gutes Gespür für Blickwechsel und Mimik. Götz George überzeugt in der Rolle Fritz Haarmanns und kann während des gesamten Films die Spannung für die Zuschauer*innen halten – irgendwo zwischen Abscheu und Faszination.

Zwei Filme über Haarmann, die in Erinnerung bleiben: ein brutaler Vampirfilm und eine faszinierende Fallstudie
Haarmann ist bis heute der schlimmste deutsche schwule Serienmörder
Gemessen an der Anzahl seiner Opfer ist Fritz Haarmann bis heute der schlimmste deutsche schwule Serienmörder aller Zeiten. Zu diesem Ergebnis kommt man, wenn man die Anzahl der Morde von schwulen Serienmördern aus dem In- und Ausland vergleicht: John Wayne Gacy (33 Morde), Dean Corll (28 Morde), Fritz Haarmann (24 Morde), Jeffrey Dahmer (17 Morde), Dennis Nilsen (15 Morde), Adolf Seefeldt (12 Morde), Andrew Phillip Cunanan (5 Morde) und Jürgen Bartsch (4 Morde).

Haarmanns Wohnung in der Roten Reihe in Hannover, wo viele Morde stattfanden (Bild: Georg Pahl / wikipedia)
Vermutlich gibt es viele Leser*innen, die schon die Bezeichnung "schwule Serienmörder" ablehnen und diese Täter "nur" als krank, kriminell oder pädosexuell ansehen. Das ist ein nachvollziehbarer Reflex, weil man mit solchen Tätern nichts gemein haben möchte und eine Gleichsetzung von Schwulen mit Kriminellen schon im Keim ersticken möchte. Aber so einfach ist es nicht, denn Schwule müssen sich damit abfinden, dass es nicht nur heterosexuelle, sondern auch schwule Mörder gibt. Wenn offen über heterosexuelle Sexualmörder berichtet wird, sollte auch offen über schwule Sexualmörder gesprochen werden können (s. a. mein queer.de-Artikel "Können queere Serienmörder*innen emanzipatorisch sein?").
Wie legitim ist True Crime?
Es ist richtig, dass bei True-Crime-Formaten auch die Frage nach der legitimen Darstellung gestellt wird, womit ich mich auch schon anlässlich meines Artikels über Dean Corll auseinandergesetzt habe.
Der schwule Autor Truman Capote gehört mit seinem Bestseller-Roman "In Cold Blood" (dt. "Kaltblütig", 1965) zu den Begründern von True-Crime-Formaten. Zwei Jahre später wurde im ZDF die erste Folge von "Aktenzeichen XY … ungelöst" ausgestrahlt. Sie ist die erfolgreichste und älteste deutsche Fernsehsendung des True-Crime-Genres und konnte nicht nur zur Aufklärung von Verbrechen beitragen, sondern Zuschauer*innen mit dem Hinweis auf potenzielle Gefahren auch schützen. Literatur und Filme über reale Verbrechen werden aber auch von vielen Menschen als problematisch angesehen, weil den Täter*innen und ihren Taten dadurch viel mediale Präsenz eingeräumt und aus realem Leid Unterhaltung und Profit geschaffen werde. Einer generellen Kritik an True Crime kann ich mich aber nicht einmal ansatzweise anschließen.
Natürlich lassen sich einzelne True-Crime-Filme kritisieren, weil sie auf Sensationsgier zielen und auf destruktive Weise Ängste schüren, statt konstruktiv zu wirken. Vermutlich sorgen sich einige Zuschauer*innen auch darüber, dass True-Crime-Filme über schwule Täter zu einer Gleichsetzung von Homosexuellen und Mördern führen könnten. Ich sehe die Gefahr dieser Gleichsetzung meistens noch nicht einmal dort, wo die Homosexualität deutlich benannt wird, und deute die Zurückhaltung bei sexuellen Details in vielen der betreffenden Filme sogar als Versuch, einer solchen möglichen Gleichsetzung bewusst entgegenzuwirken. Auch ich kenne Filme, die ich in ihrer Darstellung unangemessen finde, was mich aber nicht am Veröffentlichen von Artikeln hindert, die ich für angemessen halte.
Erklären oder rechtfertigen?
Wer von den Taten eines Serienmörders erfährt, möchte meistens die Hintergründe erfahren, um die Taten zu begreifen und nachzuvollziehen. Bei vielen Serienmördern kommen, wie bei Haarmann, mit der Aufdeckung der Morde viele Hintergründe ans Tageslicht: z. B. eine schwere Kindheit mit Missbrauch, fehlende soziale Bindungen oder eine ausweglose wirtschaftliche Situation. Bei früheren schwulen Serienmördern kommt die gesellschaftliche Ächtung und strafrechtliche Verfolgung von Homosexualität hinzu, manchmal verbunden mit der spekulativen Überlegung, ob der Täter seine Homosexualität 50 oder 100 Jahre später vielleicht anders und sogar in legitimer Form hätte ausleben können. Auch bei Haarmann sind solche Überlegungen wichtig und legitim, wobei jedoch immer der wichtige Unterschied zwischen Erklärung und Rechtfertigung einer Tat beachtet werden sollte.
Das Andenken
In Hannover, wo Haarmann seine Morde verübte, werden bis heute Stadtführungen über ihn angeboten (queer.de berichtete). Zumindest in Hannover ist das Andenken an Haarmann also noch recht lebendig. Die sterblichen Überreste seiner Opfer wurden im Februar 1925 in einem Ehrengrab auf dem Stadtfriedhof in Hannover-Stöcken bestattet.

Das Ehrengrab für Haarmanns Opfer auf einem Friedhof in Hannover mit der Nennung aller ihrer Namen(Bild: Tim Schredder / wikipedia)
Die Erinnerung an Haarmann und seine Opfer wachzuhalten ist wichtig – nicht nur für die Menschen, die sich für die gesellschaftliche und politische Situation von Homosexuellen in der Weimarer Republik interessieren.
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