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Ausstellung
Queer unter Ausschluss der Öffentlichkeit
Die bewegende Ausstellung "Like a Whirlwind – Die Genderplays von Marie Høeg & Bolette Berg" in Berlin präsentiert einzigartige Crossdressing-Aufnahmen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts.

Berg & Høeg, Marie Høeg and her brother Karl crossdressing, 1895-1903 © Collection of Preus Museum
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23. Juni 2024, 12:34h 5 Min.
Die Berliner Fotogalerie f³ zeigt in ihrer neuesten Ausstellung in Kreuzberg Fotos der beiden Fotografinnen Bolette Berg und Marie Høeg. Die Fotos entstanden um 1900, also vor mehr als hundert Jahren. Aber manches von dem, was sie zeigen, wirkt, als wäre es heute erst entstanden, als wäre beispielsweise jene Marie Høeg mit kurzem Haar, leger und betont maskulin gekleidet, mit Zigarette im Mund, als wäre sie eine Person, die uns genauso gut auf dem Weg zur Galerie auf der Straße hätte begegnen können und die jetzt in hinreißenden Fotografien neugierig und irgendwie frech von der Wand herabblickt, als säße ihr ständig der Schalk im Nacken. Und als sei in den Fotos spielerisch die Frage eingeschrieben: Wer und was bin ich?
Mit Superlativen sollte man zurückhaltend umgehen, aber für mich – und mit dieser Wahrnehmung war ich wohl an dem Abend der Vernissage nicht allein – kam die Entdeckung vieler dieser Fotos und vor allem die Entdeckung der beiden Fotografinnen einer Sensation gleich. Was aber ist so sensationell an den alten Fotos? Und vor allem, was macht Bolette und Marie so außergewöhnlich?
Fünfzig Jahre ein Paar
Beginnen wir mit ihrem Leben: Marie ist die Ältere und wurde 1866 in der Nähe von Oslo geboren, Bolette sechs Jahre später 1872. Beide zieht es zur Fotografie, einem Ende des 19. Jahrhunderts nicht mehr ganz so neuen Bildmedium, dessen Technik gleichwohl Ausdruck der Moderne ist. Nicht in Norwegen, wo beide geboren wurden, sondern in Finnland, und eben durch die Fotografie lernen sie sich kennen und auch lieben. 1895 kehren sie nach Norwegen zurück, um in der Kleinstadt Horten ein Fotostudie zu eröffnen.

Berg & Høeg, "Water Scene". Marie Høeg and Bolette Berg in a rowing boat in the studio, 1895-1903 © Collection of Preus Museum
Marie ist die Aktivere, die sich offen für die Frauenemanzipation einsetzt und 1896 einen Treffpunkt für Frauen gründet, wo politische Diskussionen auf der Tagesordnung stehen. Bolette hält sich da eher im Hintergrund, sie war die Ruhige, die lieber Gedichte schrieb. Die Tatsache ihrer ökonomischen Selbständigkeit und ihre Quasi-Ehe machen sie jedoch zu frühen Repräsentantinnen einer norwegischen Gesellschaft auf dem Weg in die Moderne. 1903 ziehen die beiden nach Oslo, das damals noch Christiana hieß, und gründeten zusätzlich einen Kunstverlag. Damit brachen sie nun in eine traditionelle Männer-Domäne mit Erfolg ein, um ihre eigenen Fotografien als Postkarten zu vertreiben und vor allem Werke weiblicher Künstlerinnen zu drucken.
In den 1920er Jahren erwarben sie einen Bauernhof und wohnten abwechselnd in Oslo und auf dem Land. Bolette starb 1944 und Marie fünf Jahre später. Nachdem sie fünfzig Jahre zusammengelebt hatten, wurden sie im Tod dann doch getrennt. Maries Grab ist unbekannt.
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Crossdressing nur im Privaten

Berg & Høeg, Bolette Berg with a mustache, 1895-1903 © Collection of Preus Museum
Was wir in ihrem Fall und aus heutiger Sicht queeres Leben nennen, spielte sich allerdings nicht in der Öffentlichkeit ab. Gerade die Entstehung jener Fotoserien, in denen es um Crossdressing geht, zeigt das deutlich. Wo übrigens auch Maries Bruder mitspielte, um sich im Damenkostüm und mit keckem Hut fotografieren zu lassen. Denn die privaten Foto-Sessions mit Freund*innen hatten nichts mit der regulären Arbeit zu tun, aus der eher konventionelle Porträt- und Landschaftsfotos hervorgingen.
Alles Experimentelle, das Crossdressing, all die Bild gewordene Lebensfreude entstand im privaten Raum und kam nicht an die Öffentlichkeit. Wie wohl auch zu vermuten ist, dass sie ihr Zusammenleben zwar offen lebten, aber kaum als lesbische Sichtbarkeit. Und hier genau wird dann doch die historische Distanz zum Heute erkennbar. Umso bemerkenswerter bleibt für mich die Tatsache, dass die beiden Frauen ein durchaus selbstbestimmtes Leben führten, in der sie lustvoll auslebten, wenn auch unter Ausschluss der Gesellschaft, was wir Queerness nennen.
Der queere Schatz war ein Zufallsfund
Dass die Fotos uns heute überhaupt zugänglich sind, haben wir dem Fotosammler Leif Preus zu verdanken, der sie bei einer Versteigerung erstand, ohne zu wissen, welchen Schatz einer frühen queeren Geschichte er da mit nach Hause nahm. Die Glasnegative gehören mittlerweile zum Bestand des Preus Museums in Oslo, dem nationalen Museum für Fotografie. Von dort kommt auch ein empfehlenswerter Katalog, der in der Kreuzberger Ausstellung erworben werden kann. Der Katalog resümiert das Leben von Bolette und Marie so:
Die Unterscheidung zwischen öffentlichem und privatem Raum und die Aussicht, sichtbar und unsichtbar zu sein, waren nicht nur wichtige Unterscheidungen in der Art und Weise, wie sie lebten. Es lag auch daran, dass sie als Menschen wirklich unterschiedlich waren. Marie als politische Figur sehr sichtbar, während Bolette hinter der Kamera und hinter den Kulissen von Maries öffentlichem Leben oft unsichtbar blieb.
Auf jeden Fall müssen wir uns von der Vorstellung verabschieden, dass Queerness erst durch ins in die Welt kam. Dabei war natürlich schon immer klar, dass es zu allen Zeiten und überall die Menschen gab, die wir heute queer nennen. Und trotzdem überrascht und fasziniert es zu sehen, wie selbstbewusst und emanzipiert diese beiden Frauen damals gelebt haben.
Und noch einmal zum Stichwort Faszination: Der französische Philosoph Roland Barthes (eine Leseempfehlung sein Essay "Die helle Kammer") hat sie mit Blick auf die Wirkung von Fotografien als eine "innerliche Erregung" beschrieben. Als ob Fotos etwas in uns zum Klingen bringen. Barthes spricht von deren Anziehungskraft als ein Abenteuer, weil sie beim Betrachten etwas beseelen. So abgehoben wie das klingen mag, so beschreibt es doch genau das Fotoerlebnis. Es ist diese besondere Körperlichkeit, dieses unverstellt Offene vor allem in Marie Høegs Performance, auch der Witz darin und das Selbstironische. Alles zusammen schafft Nähe, die die historische Distanz vergessen macht.
Links zum Thema:
» Mehr Infos zur Ausstellung auf der Homepage der Galerie
Mehr queere Kultur:
» auf sissymag.de
















