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Kommentar

Transfeindliche Töne auf Schloss Herrenhausen

Die Volkswagenstiftung und Deutschlandfunk Kultur luden zur Diskussion über die Frage "Wann ist eine Frau eine Frau und ein Mann ein Mann?" – eine trans Stimme pro Selbstbestimmung wurde gar nicht erst eingeladen.


Sehr einseitiges Podium: Die CDU-Bundestagsabgeordnete Mareike Lotte Wulf, eine vehemente Gegnerin des Selbstbestimmungsgesetzes, diskutierte am 18. Juni in Hannover auf Einladung der Volkswagenstiftung mit Till Randolf Amelung, der das SBGG ebenso ablehnt, und dem Sexualwissenschaftler Heinz-Jürgen Voß über trans Rechte (Bild: Screenshot Youtube)

Die Volkswagenstiftung betreibt für gewöhnlich Wissenschaftsförderung im großen Stil. Doch einmal im Monat mischt sie sich auch in gesellschafts- und wissenschaftspolitische Debatten ein, um dazu auf Schloss Herrenhausen in Hannover zu Gesprächspodien einzuladen.

Da wird dann über CO2-Zertifikate, "Kiffen ohne Knast" oder auch mal über Goethe diskutiert. Warum also nicht auch über den "Genderstreit: Wann ist eine Frau eine Frau und ein Mann ein Mann?". Angeblich wissen darüber alle bestens Bescheid und bleiben doch irgendwie hilflos an lauter Vorurteilen und Halbwissen kleben. Ganz abgesehen davon, wie wichtig das Frau- und Mannsein und die permanente Bestätigung darin genommen wird. Und wenn noch das Selbstbestimmungsgesetz hinzukommt, dann braucht es oft starke Nerven für wirklich aufgeklärte Menschen.

Wenn außerdem ein Gesprächspodium so besetzt ist wie vor Kurzem jenes auf Schloss Herrenhausen, dürfte wohl klar sein, woher der Wind weht in der dort beschworenen Gender- und Transdebatte. Denn es sprachen Till Randolf Amelung und Mareike Lotte Wulf einvernehmlich fürs Contra und Heinz-Jürgen Voß in der professoralen Rolle des wackeren Verteidigers. Moderiert hat das Ganze der Journalist Axel Rahmlow, und von Deutschlandfunk Kultur wurde das Gespräch aufgezeichnet und gesendet.

Eine Diskussion, um die "Aufregung" zu vermehren

Das Ungleichgewicht in der Besetzung ist offenkundig und das Fehlen einer trans Stimme pro Selbstbestimmung gleichermaßen. Parität muss bei der Volkswagenstiftung noch gelernt werden, also ab zur Nachhilfe. Natürlich war eingangs von einer "heiklen Debatte" die Rede (warum eigentlich heikel?) und vom "Aufregerthema", um recht schnell und erwartungsgemäß die Aufregung zu vermehren und Klage über all die verwirrende Begrifflichkeit zu führen.

Dass es sich dabei um ein "neues" Thema handele, wie behauptet wurde, klingt kurios angesichts der Tatsache, dass es Transgeschlechtlichkeit schon immer gegeben hat, nur eben als Thema gesellschaftlich unter den Tisch gekehrt wurde, und wir aktuell eine Regierung haben, die endlich damit Schluss gemacht hat.

Was mich an solchen Gesprächen nervt: Dass Menschen wie ich in einen ständigen Erklärungs- und Verteidigungsmodus gedrängt werden. Die überwiegende Mehrheit identifiziert sich mit ihrem Geburtsgeschlecht, richtig, und feiert das als Normalität. Sollen sie, aber dann sollen sie bitte auch unsere trans Normalität anerkennen, denn eine vom Geburtsgeschlecht abweichende Geschlechtsidentität ist für all jene, die es betrifft, auch eine Normalität.

Meine Existenz wird zur Verhandlungssache

Was uns verweigert wird, ist die Anerkennung der Gleichwertigkeit in der Frage von Geschlecht. Und genau da liegt der Hund begraben. Denn so wird meine Existenz zur Verhandlungssache, nie aber die der anderen. Zur Erinnerung: Bei trans, inter und nichtbinär geht es nicht um die Abschaffung von Geschlecht, sondern, wenn wir so wollen, um eine kategoriale Erweiterung. Am Ende muss ich mir noch die Infragestellung der Echtheit in meinem Menschsein gefallen lassen.

Gleichberechtigung und Gleichbehandlung stehen im Grundgesetz und sind darüber hinaus noch in weiteren Gesetzen festgeschrieben – wie etwa dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz. Aber sie stehen, wie mir das "Herrenhäuser Gespräch" bestätigte, doch nur auf dem Papier – wie leider Menschenrechte überhaupt. Die werden zwar ständig beschworen, um sie aber im nächsten Moment durch lauter Ausreden aufzuweichen.

Direktlink | Deutschlandfunk Kultur hat die Diskussion auf Schloss Herrenhausen aufgezeichnet und am 21. Juni gesendet
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Wer Gutachten fordert, schreibt Stigmatisierung fort

Zwei Punkte will ich aus der Debatte herausgreifen, die nicht unwidersprochen bleiben dürfen:

Erstens: Wer Gutachten fordert – und das tun Amelung und Wulf – schreibt die Pathologisierung und Stigmatisierung fort. Als das Bundesverfassungsgericht 2017 eine Klage gegen die Begutachtung zurückwies, folgte die Argumentation einem legalistischen Denken nach dem Motto, Recht ist, was der Staat als Gesetz beschließt. Aber es ist die Menschenwürde, die "exakt die Grenze der Souveränität des Staats" bezeichnet (Omri Boehm). Für die Frage der Legitimität ist das Menschenrecht bindend und nicht das positive Recht des Staates. Es ist bedauerlich, dass das Bundesverfassungsgericht sich damals seiner Verantwortung mit der billigsten Ausrede entzogen hat.

Wir können (noch) nicht erklären, warum es trans gibt, sondern nur feststellen, dass es Menschen gibt, die trans sind, und zwar schon immer und überall auf der Welt. Nennen wir es ruhig eine anthropologische Konstante. Wenn Frau Wulf, die mit Blick auf trans so gern von Nachhaltigkeit bei Entscheidungen spricht, diese durch Begutachtung nachgewiesen glaubt, dann kann ich nur antworten: Kaffeesatzlesen ist wahrscheinlich genauso zuverlässig.

Tiefsitzendes Unbehagen gegenüber trans Menschen

Zweitens: Frau Wulf erinnert gerne an den breiten Konsens, den es 1980 im Fall des sogenannten Transsexuellengesetzes (TSG) im Parlament gegeben habe. Nachdem der Gesetzentwurf in den Vermittlungsausschuss kam und die Union dort ihre Forderungen durchsetzen konnte, erst danach war sie bereit, dem TSG zuzustimmen. Zur Ironie der Geschichte gehört, dass ausgerechnet die Unions-Forderung (Hochsetzung der Altersgrenze) das erste war, was das Bundesverfassungsgericht aus dem Gesetz als nicht verfassungskonform strich.

Im Rückblick stimmt es mich nur traurig, dass 1981 ein maximal restriktives Gesetz verabschiedet wurde und dass die Politik noch weit davon entfernt war, trans Rechte als Menschenrechte zu begreifen. In den folgenden Jahrzehnten musste deshalb das Bundesverfassungsgericht durch ein halbes Dutzend Urteile der Politik Nachhilfe in Sachen Grundgesetz und menschenrechtlichen Standards geben. Und viele haben bis heute die Lektion noch nicht gelernt.

Dass die Unionspolitikerin Mareike Wulf und mit ihr die überwiegende Mehrheit ihrer Partei darüber hinaus nicht begreift, was Selbstbestimmung bedeutet, ist fatal. Und dass sie und ihre Partei deshalb nach wie vor und immer wieder nur ihr großes Missverständnis in dieser Sache pflegt, verunmöglicht eine Verständigung. Denn die Annahme, Selbstbestimmung in Fragen der geschlechtlichen Identität bedeute, dass wir uns unser Geschlecht frei wählen, bleibt grober Unfug und verrät nur ihr tiefsitzendes Unbehagen in Bezug auf Menschen wie mich – trotz aller gegenteiligen Beteuerungen.

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Trans zu sein, ist keine Wahl

Nein, Frau Wulf, trans zu sein ist keine Wahl. Es zu sein, ist wie jede Geschlechtlichkeit Schicksal. Genau darum brauchen wir die Freiheit, das Transsein uneingeschränkt, vorbehaltlos, ohne Gängelung und Bevormundung leben zu können. Denn "Selbstbestimmung ist der Begriff, in dem die Freiheit des Einzelnen praktisch wird", sagt der Philosoph Volker Gerhardt ganz richtig. Und praktisch wird sie, indem wir sie leben können. Selbstbestimmung ist aber kein Supermarkt der freien Geschlechtswahl, wie unterstellt wird, sondern eine Frage von Menschenrecht und Freiheit.

Freiheit beginnt mit der politischen Selbstbestimmung und schließt alle menschlichen Lebensbereiche ein, nämlich als geschlechtliche, sexuelle und reproduktive Selbstbestimmung, und als Selbstbestimmung, wo es um Fragen von Behinderung und Alter geht, oder um das Recht auf körperliche Unversehrtheit, um es bei diesen Beispielen zu belassen.

Im Grunde reden wir immer nur über die Befindlichkeiten der Mehrheitsgesellschaft, die angeblich so sicher weiß, was Frau und was Mann ist, aber durch ein paar trans Menschen sofort verunsichert wird. Ja, weil wir ihren Biologismus nicht teilen und wissen, dass es noch mehr als Keimdrüsen, Genitalien und Körperfunktionen gibt. Aber es geht wirklich nicht um euch. Unsere Gleichstellung ist überfällig.

-w-