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Literatur
So vielfältig sind queere Realitäten und Fantasien!
Die aktuelle Ausgabe der Literaturzeitschrift "Neue Rundschau" steht unter dem Motto "Glam / Performance / Drag / Critical Queerness / Camp". In dem gelungenen Band kommen vielversprechende neue Autor*innen zu Wort.

Symbolbild: Glamouröser Kuss beim Berliner CSD (Bild: IMAGO / Schöning)
- Von Lorina Speder
29. Juni 2024, 13:49h 3 Min.
Mit "Glam / Performance / Drag / Critical Queerness / Camp" (Amazon-Affiliate-Link ) thematisiert der S. Fischer Verlag in seiner vierteljährlichen Literaturzeitschrift "Neue Rundschau" nicht nur aktuelle Diskurse wie das von Greta Gerwigs Film ausgelöste Barbie-Phänomen, sondern zeigt mit Autor*innen unterschiedlicher Herkunft, wie vielfältig queere Realitäten und Fantasien sind. Schreibende wie Franziska Gänsler und Belletristik-Preisträger der Leipziger Buchmesse Dincer Güçyeter sind dabei neue vielversprechende Stimmen, deren Texte zwischen unveröffentlichten Gedichten der Ikone der Schwulenbewegung Rosa von Praunheim stehen. Auch die fantastischen Fotografien von Crossdressern aus den 1950er und 1960er Jahre aus der Collection Sébastien Lifshitz lockern die literarischen Beiträge immer wieder auf.
Viele Beiträge regen zum Nachdenken über das queere Erbe an. So auch "Sag mir, wo die Schwulen sind" von Sebastian Guggolz. Der Autor kann das Gefühl nicht abschütteln, dass große schwule Künstler wie die Autoren Ronald M. Schernikau oder Hans Henny Jahnns, aber auch der legendäre Filmemacher Rainer Werner Fassbinder oder der Maler Helmut Kolle nach ihrem Tod nicht die gesellschaftliche Würdigung erfahren, die ihnen zusteht. Was alle vereint ist, dass sie ihre Homosexualität in ihrer Kunst thematisierten. Und auch, wenn Guggolz nicht wissenschaftlich belegen kann, dass der Kanon diese Künstler wegen ihrer sexuellen Orientierung ausschließt, hinterfragt man seine Thesen noch länger.
Queere Sichtbarkeit als Bedrohung

Der 2024. Band der "Neuen Runschau" ist im Juni 2024 im S. Fischer Verlag erschienen
Auch interessant sind Norma Schneiders Einblicke in die LGBTI-Community Tbilissis. Hier zeigt sich eine queere Einstellung fernab von westlichen Sichtbarkeitsbemühungen à la Pride-Parade oder Firmen, die Regenbogenfahnen im Juni schwenken. Die Mitglieder der georgischen Szene sehen in ihrer Sichtbarkeit nämlich zuerst eine echte Bedrohung und konzentrieren sich in einer zutiefst queerfeindlichen Gesellschaft auf ihre Community und nachhaltige Aufklärung von Innen.
Eher analytisch und zeitgenössisch geht es bei Frederik Kampes Beitrag "Barbie: 'Hi Camp!'" zu, der das queere Phänomen Camp anhand des Barbie-Trends von letztem Jahr untersucht. Hier erfährt man, welche Barbies Camp sind und welche nicht. Dabei lässt sich der Autor von der vielfach von Susan Sontag zitierten Definition des Phänomens leiten. Diese spricht Camp neben dem Ausdruck eines Geschmacks, der theatralisch, extravagant oder künstlich sein kann, auch ein "liebevolles Gefühl" und eine "unschuldige Perspektive" zu. Wer zwar etwas mit Camp anfangen kann, sich aber der genauen Definition noch nicht klar war, wird hier mit vielen Beispielen und Bewertungen an eine engere Begriffsführung herangeführt.
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Eine queere Geschichte des Ilias
Als Gegenstück dazu reichert Dinçer Güçyeter mit "Ihr glaubt nicht an unsere Märchen? Wir glauben nicht an eure Wahrheit" die "Rundschau" mit einer vor Sagen- und Märchenfiguren schillernde Geschichte des Ilias an. Dieser kommt nach einer langen Reise von einer Fischerfamilie am Mittelmeer über Piraten und einem Feuervogel in das Osmanische Reich zum Hof des Topkapı Palasts, lernt dort Fadi kennen und gelangt schließlich mit ihm über See nach Deutschland. Die düstere, matte Stimmung, die sich vom Arbeiten in einer Berliner Dönerbude und am Strich überträgt, ist wahrlich ernüchternd und zeigt nach "unser Deutschlandmärchen", welche erzählerische Kraft in Güçyeters Worten liegt und wie geschickt er den Titel seiner Kurzgeschichte literarisch umsetzt.
Auch der von Pedro Lemebel verfasste Beitrag "Die Nacht der Nerze. oder: Die letzte Party der Volksfront" lässt einen in die chilenische queere Szene Santiagos eintauchen. Sollte man Lemebel literarisch noch nicht begegnet sein, ist das auch eine Chance, den Performancekünstler und Autor, der als eine der bedeutendsten queeren Stimmen Lateinamerikas gilt, zu entdecken.
Glam / Performance / Drag / Critical Queerness / Camp. Neue Rundschau, Band 2024. Herausgegeben von: Lektor*innen des S. Fischer Verlags. 144 Seiten. S. Fischer Verlag. Frankfurt 2024. Taschenbuch: 17 € (ISBN 978-3-10-809137-8)
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