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Interview
Muss die Geschichte der Lotte Reiniger neu geschrieben werden?
Mit "Der scheintote Chinese" schuf Trickfilm-Pionierin Lotte Reiniger (1899-1981) vor knapp hundert Jahren den ersten queeren Animationsfilm. Jetzt fand ihre Verwandte Rike Reiniger zufällig ihre stürmischen Liebesbriefe an eine Frau.

Lotte Reiniger war Deutschland bekannteste Scherenschnittkünstlerin, Silhouetten-Animationsfilmerin und Buchillustratorin (Bild: Agentur Primrose Film Productions / wikipedia)
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30. Juni 2024, 07:50h 6 Min.
Elf Jahre vor Walt Disneys "Schneewittchen und die sieben Zwerge" präsentierte Lotte Reiniger anno 1926 mit "Die Abenteuer des Prinzen Achmed" den ersten abendfüllenden Animationsfilm der Filmgeschichte. Und noch einen – weithin unbekannten – Rekord hält die Künstlerin: Mit dem siebenminütigen Kurzfilm "Der scheintote Chinese" schuf Reiniger 1928 den ersten queeren Animationsfilm, küssen sich dort doch zum Happy End der Kaiser von China und sein Hofnarr Ping Pong.
Zum 125. Geburtstag der Künstlerin am 2. Juni erschien eine Briefmarke, die mit einer Festveranstaltung im Stadtmuseum Tübingen präsentiert wurde. Dort wird der Nachlass verwaltet, und hier gibt es eine Dauerausstellung. Vor kurzen schrieb die Theaterautorin Rike Reiniger, eine weitläufige Verwandte, in der "Berliner Zeitung" von lesbischen Liebesbriefen, die sie zufällig gefunden hat. Die Autorin plant ein Bühnenstück sowie eine Biografie. Zur Briefmarken-Präsentation reiste sie nach Tübingen. Grund genug für ein Interview mit Rike Reiniger.

Rike Reiniger bei der Präsentation der Lotte-Reiniger-Briefmarke im Rathaus Tübingen (Bild: privat)
Frau Reiniger, Sie tragen einen großen Namen – wie genau sind die Verwandtschaftsverhältnisse zur Trickfilm-Pionierin Lotte Reiniger?
Den Namen habe ich zur Hochzeit bekommen. Insofern bin ich eigentlich gar nicht verwandt. Der Großvater meines Mannes war ein entfernter Cousin von Lotte Reiniger. Er kam aus derselben Marienbader Großfamilie wie Lottes Vater. Josef und Lotte hatten offenbar bis ins hohe Alter Kontakt. Das weiß ich aus den Adressbüchern in Lotte Reinigers Nachlass. Aber leider kann ich keinen von beiden mehr dazu befragen.
Sie haben in einem Artikel in der "Berliner Zeitung" unlängst davon geschrieben, dass Sie leidenschaftliche Liebesbriefe von Lotto Reiniger an eine Frau gefunden haben. Wie und wo kam es zu diesem Fund?
Lotte Reiniger war eine hochbegabte Geschichtenerzählerin ihres eigenen Lebens. Als ich die Zitate aus ihrer Biografie mit Zeugnissen aus der Familie übereinandergelegt habe, sind mir zum Teil merkwürdige Widersprüche aufgefallen. Deshalb habe ich mich auf die Suche nach weiteren zeitgenössischen Quellen gemacht. Im Archiv der Stiftung Deutsche Kinemathek bin ich in dem Nachlass einer anderen Person auf ein Konvolut von Briefen gestoßen, die seit 100 Jahren wahrscheinlich niemand mehr geöffnet hatte. Darunter waren überraschenderweise Liebesbriefe der jungen Lotte Reiniger an eine andere junge Frau. Also ein echter Zufallsfund!
Das Tübinger Stadtmuseum lud Sie ein zur offiziellen Präsentation der Briefmarke zum 125. Geburtstag von Lotte Reiniger. Werden Sie Ihre Zufallsfunde für die dortige Dauerausstellung zur Verfügung stellen?
Wenn die Dauerausstellung einmal neugestaltet wird, kann ich eventuell ein paar Kleinigkeiten beisteuern. Zum Beispiel ein Bild von Lotte als Baby. Oder ihre allererste Veröffentlichung, eine von ihr gestaltete Postkarte für die Kriegshilfe aus dem Jahr 1915. Was die gerade erst entdeckten Liebesbriefe betrifft, so gehören sie natürlich der Stiftung Deutsche Kinemathek in Berlin.
Lotte Reiniger war mit ihrem Kollegen Carl Koch verheiratet. War das eher eine Schein-Ehe?
Ihrer Cousine gegenüber bezeichnete Lotte ihren Mann einmal als "Lebenskamerad". Eine eindeutige "Kameradschaftsehe", wie die solidarische Ehe unter queeren Personen damals genannt wurde, war die Verbindung zwischen Lotte und Carl aber sicher nicht. Die beiden waren glücklich miteinander, hatten gemeinsame künstlerische Ziele, bewältigten die Wechselfälle ihres Lebens zusammen, bestärkten einander. Lottes Briefe zeugen von einer engen Herzens- und Berufsbeziehung, auch wenn diese sich nicht unbedingt romantisch-leidenschaftlich darstellt.
Die 1920 er Jahre galten als freizügig – weshalb sollte eine Künstlerin ihre sexuelle Orientierung nur heimlich ausleben?
Ich glaube, am besten erklärt das der erschütternde Brief, in dem Lotte sich erstmalig einer anderen jungen Frau öffnet. Darin heißt: "Ich schreibe konfus … will kurz sein. Wenn du dich darauf von mir entfernst, so gut – aber ich sage dir, dass ich dann an mir verzweifle, so wie ich noch nie verzweifelt bin. Die Sache ist furchtbar ernst. … Ich werde beinah verrückt, wenn ich daran denke. Weiß nicht weiter. Vegetiere. Kann nicht arbeiten. Habe Grund zu den schlimmsten Befürchtungen über meine Veranlagung. … Aussprache unmöglich. Hänge mich auf. Die ungeheure Last meines unerwiderten Zärtlichkeitsdranges erdrückt alles in mir. Du weißt, ich bin nicht schlecht. Verworfen auch nicht. Sonst ganz normal. … Die 3/4 Beichte ist mir so quälend gewesen. Behalte mich doch lieb – du, ich bin ja so traurig. Lotte."
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Mit "Der scheintote Chinese" präsentiert Reiniger 1929 einen Kurzfilm, der mit einem Kuss zwischen dem Kaiser von China und seinem Hofnarren Ping Pong endet. Das Werk wird damals gelobt, über den Kuss jedoch lassen sich keine Aussagen finden. Sie sprechen vom "ersten erhaltenen queeren Trickfilm" und verweisen auf Aussagen von Reiniger. Wo finden sich diese?
In einem Artikel über Lotte Reiniger zitiert der US-amerikanische Filmwissenschaftler William Moritz aus einem Interview, welches er 1970 mit Lotte Reiniger geführt hatte. Darin sagt sie, dass der Kuss zwischen Ping Pong und dem Kaiser im "Scheintoten Chinesen" vermutlich der erste glückliche Kuss zwischen zwei Männern im Kino war (unglückliche Küsse hatte es durchaus schon gegeben), und dass es ihre Absicht gewesen sei, Homosexualität ganz nebenbei als etwas Natürliches darzustellen.
Sie arbeiten aktuell an einem Theaterstück über Reiniger, das im Herbst in Mannheim aufgeführt werden soll. Worum geht es darin? Spielen die Liebesbriefe und der Kuss des Kaisers von China darin auch eine Rolle?
Das Theater-Feature "24 frames/sec" mischt dokumentarische und fiktive Szenen. Dabei liegt der Fokus auf der Unbedingtheit, mit der Lotte Reiniger gegen die Widerstände ihres bürgerlichen Elternhauses, der männlichen Dominanz im Film und der zerstörerischen politischen Zeitläufe ihre künstlerische Vision verfolgt. "24 frames/sec" wird im Rahmen des Festivals "Stück für Stück" vom 15. bis 17. November 2024 am Theaterhaus G7 in Mannheim in einer szenischen Lesung vorgestellt.
Zudem arbeiten Sie an einer Biografie, was wird dort das Thema sein?
In einem biografischen Roman kann ich weiter ausholen. Hier wird es um drei Schwerpunkte in Lotte Reinigers Leben gehen: Zum einen ist das Liebe und Kunst – mit einem Blick auf die Bedeutung von Lottes queerer Liebesbeziehung zu Beginn der Karriere. Dann geht es um Ruhm und Kunst – eine Suche nach der sehr jungen Künstlerin mitten in dem irreal-fantastischen Erfolgs-Tsunami von "Prinz Achmed". Schließlich noch Politik und Kunst – ein Nachvollziehen von Lottes politischem Lavieren bei ihren Irrfahrten durch Europa im Krieg.
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Muss die Geschichte der Lotte Reiniger neu geschrieben werden?
Der queere Anteil in ihrem Leben bringt definitiv eine neue Perspektive auf Lotte Reinigers Kunst. Das betrifft zum Beispiel ihre wunderbar anarchischen Frauenfiguren in "Carmen" oder "Galathea", die Ambiguität in einem Scherenschnitt wie dem der "Callisto", das betrifft aber auch ihre selbstgewählte Position am Rand der Film- und Avantgardeszene und nicht zuletzt die Tatsache, dass sie sich nie von einem männlichen Künstler hat vereinnahmen lassen.
Hatten Sie Gelegenheit, bei der Briefmarken-Präsentation im Tübinger Rathaus mit dem Laudator, dem Tübinger OB Boris Palmer, über den Kuss vom Kaiser von China zum Hofnarren zu reden?
Leider nein! Von Boris Palmer weiß ich, dass er durchaus extravagante Interpretationen zu Gegenwartsphänomenen entwickelt, wie zum Beispiel aktuell zu den Wahlentscheidungen junger Menschen. Deshalb wäre sein Blick auf den "Scheintoten Chinesen" vermutlich auch überraschend!
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