Hauptmenü Accesskey 1 Hauptinhalt 2 Footer 3 Suche 4 Impressum 8 Kontakt 9 Startseite 0
Neu Presse TV-Tipps Termine
© Queer Communications GmbH
https://queer.de/?50157

50. Todestag

Candy Darling – Ikone der trans Geschichte

Die US-Filmschauspielerin Candy Darling (1944-1974) gehörte zeitweise zu den Andy-Warhol-Superstars. Mit ihrem Leben stand sie in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren für queere Sichtbarkeit ein.


Peter Hujars Fotografie "Candy Darling on her Deathbed" diente im Jahr 2005 als Plattencover für das Album "I Am a Bird Now" der US-Band Antony and the Johnsons (Bild: The Peter Hujar Archive LLC)

Das S/W-Foto zeigt eine Frau auf einem Bett liegend, die Arme nach oben gestreckt, einer angewinkelt, als wolle sie den Kopf schützen (aber vor was?). Um sie herum Blumen, Chrysanthemen, Rosen. Eine einzelne Rose liegt auf der weißen Bettdecke, die ihren Körper umhüllt. Der Raum ist dunkel, nur das weißstrahlende Bett ist beleuchtet.

Die Szene wirkt inszeniert, das geschminkte Gesicht maskenhaft. Die Augen gleichen dunklen Höhlen, ein wenig blondes Haar ist zu sehen. Der leere Blick geht in die Kamera. Das Foto trägt den Titel "Candy Darling auf dem Totenbett" und stammt von dem international gefeierten Fotografen Peter Hujar, der 1987 an den Folgen von Aids verstarb. Das Foto wurde aufgenommen Ende 1973 oder Anfang 1974 (die Angaben variieren). Es ist eines der bekanntesten Fotos von Hujar, der das Thema Sterben und Tod in seiner Arbeit immer wieder aufgriff – übrigens auch das eigene Sterben.

Candy Darling starb vor 50 Jahren

Was auf dem Foto wie die hollywoodreife Inszenierung einer Diva aussieht, bildet eine traurige Realität ab. Denn Candy Darling, die wir heute eine trans Frau nennen würden, hatte zum Zeitpunkt des Fotos nur noch wenige Monate zu leben. Über die Todesursache kursieren unterschiedliche Angaben: Krebs, Leukämie, Lungenentzündung und weitere Vermutungen. Tatsache bleibt indes: Sie verstarb am 21. März 1974 im Columbus Hospital in New York. Die "New York Times" titelte am nächsten Tag in einem kurzen Nachruf "Candy Darling Dies: Warhol 'Superstar'".

Das ist nun 50 Jahre her und würde Candy Darling noch leben, würde sie im November ihren 80. Geburtstag feiern. Aber mit ihrem frühen Tod erfüllte sich das Forever-Young auf eine so sicherlich nicht gemeinte Weise. Vor ihr sorgten nämlich noch andere Idole der Popgeneration für traurige Schlagzeilen, die bei vielen damals regelrechte Schocks auslösten: Janis Joplin 1970, Jimi Hendrix im gleichen Jahr und im Jahr darauf Jim Morrison.

Gut, mit deren internationalen Karriere konnte Candy Darling nicht mithalten, aber rückblickend betrachtet, ist sie eine Ikone der queeren und vor allem der trans Geschichte der späten 1960er und frühen 1970er Jahre, an die hier erinnert werden soll.

Wer war Candy Darling?

Als Jugendliche vertraute sie ihrem Tagebuch an: "Eines Tages werde ich ein Filmstar sein und reich und berühmt sein, und ich werde all die Freunde haben, die ich möchte." Als sie das schrieb, lebte sie noch bei den Eltern auf Long Island und ihr trans Leben fing da erst an. Sie nannte es die schlimmsten Jahre ihres Lebens.

Geboren wurde Candy Darling 1944 auf Long Island (New York). Sie wusste früh, dass sie trans ist und hält alles, was sie als Jugendliche bewegt, in ihrem Tagebuch fest. Zuhause gibt es darüber nur Ärger. Da ist der gewalttätige Vater John Slattery, der Halbbruder Warren, der sie ablehnt. Nur ihre Mutter Terry unterstützt sie zuweilen, schämt sich am Ende aber doch für ihr Kind, das so offensichtlich gendernonkonform ist. Die Familie wohnt in einem kleinen Haus im Stadtteil Massapequa Park. In ihrer Umgebung erfährt sie Ablehnung und wird von anderen Jugendlichen schikaniert.


Candy Darling im 1972 veröffentlichten Film "Silent Night, Bloody Night" (Bild: Theodore Gershuny / wikipedia)

Umso wichtiger werden für sie ihre Träume. Man müsse nur stark genug an sie glauben, dann würden sie auch wirklich werden – so ihr Credo. Sie ist ein Fan der Schauspielerin Kim Novak und will werden wir sie. Sie macht sich auf den Weg in die Stadt, lebt in absolut prekären Verhältnissen und schafft es dennoch, als Frau zu leben. 1966 wird sie von Andy Warhol entdeckt. Candy hatte es auf die Bühne geschafft und spielte damals in dem Stück "Give My Regards to Off-Off Broadway" des Dramatikers Tom Eyen.

Erste Filmrolle im Warhols "Flesh"

In dem Warhol-Film "Flesh" von 1968 (Regie Paul Morrissey) bekommt sie ihre erste Filmrolle. Sie gehört nun zum Kreis von Warhols Factory und ist Glamour Girl und Lady in einem. Die erste und zugleich letzte Hauptrolle erhält sie in dem Film "Women in Revolt" von 1971, in dem neben ihr noch Jackie Curtis und Holly Woodlawn mitspielen. Es ist eine Satire auf den Radikalfeminismus. Der Kritiker der "New York Times", Vincent Canby, erkannte in der Besetzung der Rollen mit trans Personen, die ja explizit Männlichkeit in Frage stellen würden, seinen tieferen Sinn. Nach seiner Meinung müsse man deshalb den Film ernster nehmen, als er sich selbst nimmt.

Aus der Bekanntschaft mit dem Dramatiker Tennessee Williams entstand eine Zusammenarbeit. Candy übernahm in der Uraufführung von "Small Craft Warnings" 1972 die Rolle der Violet, einem bezaubernden, zierlichen Mädchen, das von allen Männern begehrt wird. Bei allem Erfolg und all dem Glamour, blieben ihr Benachteiligungen und Ausgrenzungen nicht erspart. Gleichwohl wurde sie zu einer Berühmtheit im gesellschaftlichen Leben New Yorks, nicht wegzudenken als Partygast und auf Vernissagen in Galerien. So gesehen, stand sie mit ihrem Leben für queere Sichtbarkeit ein – jedes trans Leben ist Aktivismus und in diesem Sinne politisch. Sie ist Teil der trans Geschichte geworden, unserer Geschichte – eine Pionierin.

Die Queer-Kollekte
Die queere Community braucht eine starke journalistische Stimme – gerade jetzt! Leiste deinen Beitrag, um die Arbeit von queer.de abzusichern.
Jetzt unterstützen!

Die Sängerin und Schriftstellerin Patti Smith hatte die damalige Zeit aus nächster Nähe erlebt. In "Just Kids" beschreibt sie ihre Freundschaft mit dem Fotografen Robert Mapplethorpe und gibt wundervolle Einblicke in eine Kultur im Auf- und Umbruch, zu der die queere Szene New Yorks wesentliche Impulse lieferte. Jackie Curtis und Candy Darling beschreibt Smith so: "Beide waren ihrer Zeit voraus, nur lebten sie nicht lange genug, um die Zeit, der sie voraus waren, noch mitzubekommen."

2010 entstand in der Regie von James Rasin der Dokumentarfilm "Beautiful Darling. The Life and Time of Candy Darling, Andy Warhol Superstar". Seit Anfang dieses Jahres gibt es außerdem die erste umfassende Biografie. Geschrieben hat sie Cynthia Carr und erschienen ist sie im Verlag Farrar, Straus & Giroux unter dem Titel "Candy Darling: Dreamer, Icon, Superstar" (Amazon-Affiliate-Link ).

Candys "Walk on the wild side"

In diesem kurzen Rückblick auf ihr Leben darf ein Song nicht unerwähnt bleiben: 1972 veröffentlichte Lou Reed den Song "Walk on the wild side", der als Hymne auf das Queersein und als musikalisches Denkmal für die Menschen aus Warhols Factory entstand: Holly Woodlawn, Candy Darling, Joe Dallesandro, Sugar Plum Fairy, Jackie Curtis. Es wurde überhaupt Reeds erfolgreichster Hit. Ja, es war unser Song geworden – genauso wie Jahre später "Because the night" von Patti Smith.

Die Candy Darling gewidmeten Zeilen lauten:

Candy came from out on the Island
In the back room she was everybody's darling
But she never lost her head
Even when she was giving head

She says, "Hey, babe
Take a walk on the wild side"
Said, "Hey, babe
Take a walk on the wild side"

Informationen zu Amazon-Affiliate-Links:
Dieser Artikel enthält Links zu amazon. Mit diesen sogenannten Affiliate-Links kannst du queer.de unterstützen: Kommt über einen Klick auf den Link ein Einkauf zustande, erhalten wir eine Provision. Der Kaufpreis erhöht sich dadurch nicht.

-w-