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Interview
Nachhaltigkeit beim CSD: Geht der Kampf für LGBTI-Rechte zu Lasten der Umwelt?
Thomas Hoffmann und Anne Sebald engagieren sich für mehr Nachhaltigkeit beim Berliner CSD. Wir sprachen mit ihnen über Müllbotschafter*innen, Wildpinkler, das neue Glasflaschenverbot und den "Green Rainbow Award".

Die Demoparade zieht vorbei, der Müll bleibt: Szene vom Berliner CSD 2022 (Bild: IMAGO / Virginia Garfunkel)
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9. Juli 2024, 12:06h 9 Min.
Nach dem CSD 2022 musste die Berliner Stadtreinigung insgesamt 360 Kubikmeter Müll von der Demonstrationsroute beseitigen. Geht der Kampf für LGBTI-Rechte zu Lasten der Umwelt?
Thomas Hoffmann: Man kann das eine nicht mit dem anderen aufwiegen. Bei einer Demonstration in der Größenordnung des Berliner CSD sind Belastungen für die Umwelt leider nicht immer vermeidbar. Das gilt für uns genauso wie für alle anderen Großveranstaltungen auch. Es wird deswegen aber kaum jemand fordern, grundsätzlich auf Veranstaltungen oder Demonstrationen zu verzichten. Umso wichtiger ist es, dass wir alle gemeinsam daran arbeiten, die negativen Umweltauswirkungen so gering wie möglich zu halten. Denn beides ist wichtig: Der Schutz und die Rechte der queeren Community genauso wie der Schutz unserer Umwelt.
Wie lassen sich Müllberge beim CSD verhindern?
Anne Sebald: Der Berliner CSD hat bereits verschiedene Maßnahmen etabliert, um das Müllaufkommen zu reduzieren. So ist zum Beispiel die eigene Gastronomie mittlerweile vollständig auf umweltfreundliche Verpackungen und Mehrwegbecher umgestellt. Leider wird der meiste Müll bei Großveranstaltungen wie dem CSD von den Besucher*innen verursacht, zum Beispiel durch mitgebrachte Speisen und Getränke. Daher möchten wir vor allem diese sensibilisieren und zur Müllvermeidung motivieren.

Anne Sebald (l.) ist Geschäftsführerin der gemeinnützigen Initiative wirBERLIN gGmbH und Projektleiterin der vielfältigen Projekte und Kampagnen für ein müllfreieres und lebenswertes Berlin; Thomas Hoffmann ist Leiter der politischen Kampagne und der Nachhaltigkeit beim Berliner CSD e.V. und Beirat des Vorstandes für alle weiteren Angelegenheiten (Bild: privat)
Was kann jede*r einzelne Teilnehmer*in zur Müllvermeidung tun?
Anne Sebald: Jeder Einzelne kann etwas tun, um den CSD umweltfreundlicher zu gestalten. Das fängt bei der Mitnahme eigener, wiederverwendbarer Trinkgefäße an, geht über die korrekte Entsorgung von Zigarettenstummeln und Kronkorken bis hin zur Wahl eines nachhaltigen Outfits. Vielen Menschen ist oft gar nicht bewusst, wie viel Einfluss solche kleinen Entscheidungen haben können – im positiven wie im negativen Sinne.
Auf der Homepage bittet ihr sogar darum, auf Glitzer und Konfetti zu verzichten – ausgerechnet beim CSD. Gibt es keine Alternativen?
Anne Sebald: Wir versuchen den Besucher*innen klarzumachen, dass der beste Müll der ist, der gar nicht erst entsteht. Natürlich wissen wir auch, dass viele bei solchen Veranstaltungen nicht auf bunte Accessoires wie Glitzer und Konfetti verzichten wollen. Dafür gibt es mittlerweile umweltfreundlichere Varianten, die zum Beispiel aus Maisstärke, Zuckerrohr oder Reispapier hergestellt werden.
Jedes Jahr werden beim Berliner CSD auch Teile des Tiergartens und anderer Grünflächen durch Wildpinkler stark belastet oder sogar zerstört. Wie lässt sich das verhindern?
Thomas Hoffmann: Das ist natürlich kein einfaches Thema. Zum einen braucht es ausreichend dimensionierte Toilettenanlagen. Daran arbeiten wir. Die Kapazität ist im letzten Jahr wieder deutlich gestiegen. Zum anderen sind wir aber auch auf das kooperative Verhalten der Teilnehmenden angewiesen. Denn wenn 50 Meter zum nächsten Urinal bereits zu weit sind und stattdessen an die nächste Hecke gepinkelt wird, dann sind wir machtlos.
Anne Sebald: Deshalb setzen wir in diesem Jahr auf eine verstärkte Sensibilisierung der Teilnehmenden. Mit unserer Kommunikationskampagne wollen wir bereits im Vorfeld auf die Bedeutung des individuellen Verhaltens aufmerksam machen. Während der Demonstration selbst kommen in diesem Jahr außerdem unsere Müllbotschafter*innen zum Einsatz, welche die Besucher*innen immer wieder freundlich daran erinnern sollen, auf ihre Umwelt zu achten.
Für Absperrungen oder das Aufstellen von genügend Müllbehältern müsst Ihr wahrscheinlich mit verschiedenen Behörden zusammenarbeiten. Klappt das denn reibungslos?
Thomas Hoffmann: Das klappt eigentlich ganz gut. Wir stehen im engen Kontakt mit allen relevanten Ämtern der Bezirke Mitte und Tempelhof-Schöneberg, in denen unsere Demonstration stattfindet. Im Herbst letzten Jahres haben wir gemeinsam mit wirBERLIN und dem Bezirksamt Mitte einen Workshop zur Verbesserung der Nachhaltigkeit des Berliner CSDs organisiert. An diesem haben die Berliner Stadtreinigung (BSR), Polizei, Ordnungsamt, Straßen- und Grünflächenamt, Rechtsamt und die Zero-Waste-Agentur teilgenommen. Die Arbeitsatmosphäre war sehr positiv und es wurden viele tolle Ergebnisse erzielt, von denen wir einige bereits beim diesjährigen CSD umsetzen werden.
Wie ist das Nachhaltigkeitsteam beim Berliner CSD eigentlich entstanden?
Thomas Hoffmann: Der CSD berücksichtigt die Belange des Umweltschutzes nicht erst seit der Entstehung unseres Nachhaltigkeitsteams. So ist zum Beispiel das Verteilen von Werbematerialien und Merchandising bereits seit vielen Jahren verboten. Auch die Kapazitäten der Toilettenanlagen und Müllbehältnisse wächst von Jahr zu Jahr. Gleichzeitig ist die Kritik an Großveranstaltungen im Allgemeinen gewachsen. Wildpinkler, Müll, Flaschen, Emissionen – das sind wichtige Punkte, die man nicht außer Acht lassen darf. Da schauen die Besucher*innen und die Presse heute zurecht genauer drauf. Dem wollten wir mit einer dezidierten Ansprechperson für Nachhaltigkeit Rechnung tragen. Daraus ist dann auch die Zusammenarbeit mit wirBERLIN erwachsen.
Anne Sebald: Unsere gemeinnützige Umweltinitiative setzt sich seit 14 Jahren für ein sauberes und lebenswerteres Berlin ein. Großveranstaltungen wie der CSD gehören zur Berliner Kultur, führen aber leider oft auch zu einem erhöhten Müllaufkommen. Deshalb haben wir uns sehr über die Anfrage des Berliner CSD gefreut, gemeinsam mit ihnen dieses Projekt zu starten. Eine bessere Zusammenarbeit hätten wir uns bisher nicht wünschen können. In Zukunft wollen wir auch andere Veranstalter*innen beraten, wie sie ihre Veranstaltungen umweltfreundlicher gestalten können.
Theoretisch finden Nachhaltigkeit wahrscheinlich alle gut, in der Praxis scheitert sie oft an persönlicher Faulheit – gerade in der ausgelassenen Stimmung beim CSD. Wie wollt ihr euren Appellen Nachdruck verleihen?
Thomas Hoffmann: Da ist zum einen die Sensibilisierungskampagne, die Anne bereits erwähnt hat. Zum anderen gibt es aber auch ganz konkrete Maßnahmen, die zur Müllvermeidung beitragen. Beispielsweise unterstützt uns die BSR an verschiedenen Stellen unserer Demonstrationsstrecke mit dem Einsammeln von Pfandflaschen. Und im Bereich der Abschlusskundgebung wird es erstmals ein Glasflaschenverbot geben. Übrigens nicht nur, um den Glasmüll zu reduzieren, sondern auch aus Sicherheitsgründen (Stichwort Glasbruch).
Anne Sebald: Wir möchten es allen so einfach wie möglich machen, auf unsere Berliner Umwelt zu achten. Zum einen sollen unsere bereits erwähnten Müllbotschafter*innen den Besucher*innen immer wieder ins Gedächtnis rufen, wie wichtig Müllvermeidung und Mülltrennung sind. Sie verteilen auch Taschen-Aschenbecher an die Raucher*innen. Am Tag nach der Demonstration, am 28. Juli von 14 bis 17 Uhr, veranstalten wir außerdem einen After-CSD-Cleanup und wollen möglichst viele Engagierte dazu aufrufen, mit uns den übrig gebliebenen Müll zu beseitigen. In entspannter Atmosphäre werden wir gemeinsam den Tiergarten säubern. Cleanup-Materialien und Erfrischungsgetränke werden von uns zur Verfügung gestellt. Haltet euch am besten das gesamte CSD-Wochenende frei: Samstag demonstrieren und feiern wir und am Sonntag räumen wir dann gemeinsam auf!
Was wird genau in der angekündigten "Anti-Littering-Area" in der Ebertstraße passieren?
Anne Sebald: In der Nähe der Abschlusskundgebung in der Ebertstraße wird es eine Anti-Littering-Area geben, in der gesammelter Müll und Pfandflaschen abgegeben werden können. Mit kreativen und originellen Ansätzen wie Kunstinstallationen, Hinweisen auf Bannern und Displays, Ballot Bins, sogenannten Kippen-Entscheidungsboxen und einem Kronkorken-Sammelcontainer lenken wir die Aufmerksamkeit auf das Fokusthema Müll und sensibilisieren gleichzeitig für die Abfallvermeidung. Unser Ziel ist es, ein Bewusstsein für einen verantwortungsvollen Umgang mit Ressourcen zu schaffen.
Die riesigen Party-Trucks kommen mir nicht sehr nachhaltig vor. Sollte man nicht besser auf sie verzichten oder ihre Zahl reduzieren?
Thomas Hoffmann: Die Zahl wurde in den letzten Jahren auf 75 Trucks deutlich reduziert – vornehmlich allerdings aus Sicherheitsgründen. Zumindest aus Menschenrechtssicht sind die Trucks aber durchaus nachhaltig – denn unsere Größe und Sichtbarkeit ist bei der Durchsetzung unserer Forderungen gleichzeitig auch unsere Stärke. Was die Emissionen angeht, haben wir aber tatsächlich noch Verbesserungsbedarf. Daher bieten wir einen Rabatt in Höhe von 20 Prozent auf die Anmeldegebühr für Fahrzeuge mit elektrischem Antrieb an. Das Problem dabei: Solche Fahrzeuge sind aktuell leider kaum verfügbar. Insofern hoffen wir, dass sich die Emissionen mit der steigenden Verfügbarkeit solcher Fahrzeuge in den kommenden Jahren signifikant verringern werden.
Welche gezielten Tipps habt Ihr für Wagenbetreiber*innen?
Anne Sebald: Auch hier gibt es viele Maßnahmen, die ergriffen werden können, um die Wagen nachhaltiger zu gestalten. So kann bei der Dekoration darauf geachtet werden, dass umweltfreundliche, wiederverwendbare oder recycelbare Materialien verwendet werden. Für Speisen und Getränke sollten Mehrwegbecher und -geschirr verwendet werden. Auch ausgefallene Kostüme können nachhaltig gestaltet und second-hand erworben werden. Die Wagenbetreiber*innen sind Vorbilder für die Gäste, daher ist ihr Auftreten sehr wichtig auf dem Weg zu einem umweltfreundlicheren CSD.
Der nachhaltigste Wagen bzw. die nachhaltigste Fußgruppe soll in diesem Jahr mit dem "Green Rainbow Award" ausgezeichnet werden. Was hat es damit auf sich?
Thomas Hoffmann: Eines ist den großen Trucks und bunten Fußgruppen bei unserem Berliner CSD gewiss: Die ungeteilte Aufmerksamkeit von hunderttausenden Besucher*innen und Demonstrierenden! Doch mit dieser Aufmerksamkeit geht auch eine besondere Verantwortung einher. Denn, wie Anne bereits erwähnte, mit ihrer Sichtbarkeit haben die Wagenbetreiber*innen und Fußgruppen eine Vorbildfunktion. Deshalb haben wir in diesem Jahr erstmals den "Green Rainbow Award" für den nachhaltigsten Wagen bzw. die nachhaltigste Fußgruppe auf dem Berliner CSD ins Leben gerufen.
Anne Sebald: Verfügt das Fahrzeug über einen emissionsfreien Antrieb? Werden Mehrweggeschirr und -becher verwendet? Was geschieht mit dem anfallenden Müll? Fragen über Fragen, die es zu bedenken gilt, wenn es darum geht, Fahrzeuge und Fußgruppen besonders umweltfreundlich zu gestalten. Dabei sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt. Wir wollen uns überraschen lassen von tollen Ideen für einen nachhaltigeren CSD 2024!
Wie kann man sich bewerben? Gibt es eine Jury?
Anne Sebald: Tatsächlich gibt es eine hochkarätig besetzte Jury, die über die Vergabe des Preises entscheidet. Ihr gehören neben Thomas und mir auch Britta Behrendt, Staatssekretärin für Klimaschutz und Umwelt, Christopher Schriner, Bezirksstadtrat und Leiter der Abteilung Ordnung, Umwelt, Natur, Straßen- und Grünflächen des Bezirksamtes Mitte, und Meike Al-Habash, Leiterin der Zero Waste Agentur, an.
Thomas Hoffmann: Bewerbt euch einfach mit eurem Konzept und euren Ideen bis zum 22. Juli 2024 um 12 Uhr per E-Mail (). Frei, formlos und unbürokratisch. Gerne auf ein bis zwei Seiten, wer mag, mit ein paar Skizzen – mehr braucht es nicht. Wir schauen uns euer Konzept und anschließend euren Wagen bzw. eure Fußgruppe am Tag der Demonstration dann gemeinsam an. Alle Informationen zum "Green Rainbow Award" sowie zu allen weiteren Themen wie der Anti-Littering-Area und dem After-CSD-Cleanup findet ihr natürlich auch auf unserer Webseite. Wir freuen uns auf eure Bewerbung und sehen uns am 27. Juli 2024 beim Berliner CSD!

Das Interview erscheint im Rahmen der Medienpartnerschaft zwischen queer.de und dem Berliner CSD e.V.
Links zum Thema:
» Mehr Infos über Nachhaltigkeit beim Berliner CSD














